Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2916 (10.4.1927)
- Date
- 1927-04-10
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2916 Wien, Sonntag Wiener Morgerizeitrmg 10. April 1927 Seite 9 c Jiddisches Literatm-Wt. Die puritanisch strenge Einhaltung der Sperrstunde in London, das Fehlen von Kaffeehäusern kontinentalen Stils und vielleicht auch die abgesonderte Lage des keineswegs sturmfreien englischen Eilands mögen bewirkt haben, baß die Fäden der internationalen Kaffeehausboheme, die sich vom Lilienschloß des Pariser Po-etenfürsten Paul Fort in die unterschiedlichen Dichtercafes von Berlin, München, Wien und selbst zum jenseitigen Seineufer bis auf die großen Boulevards spannen, nicht auch den Wog über den Aermelkanal gesunden haben. Draußen im östlichen London, inmitten aller Variante:: des Elends, gibt es rum allerdings ein Stammlokal der Literatur. Es trägt nationalen Stempel: man spricht bloß „jiddisch", jenes Sprachgemisch aus Mittelhochdeutsch, ein paar hebräischen Worten und slawischen Wendungen, das in hebräischen Buchstaben geschrieben wird. Um dem Borbcigehenden zu sagen, daß hier Juden aus Galizien, Bukowina, Ukraine und Palästina verkchren, heißt das Lokal — „Newyorker Restaurant". Ein niedrig gewölbter Raum zu ebener Erde. Vom Büfett her steigt der Duft gebackener Fische allen jenen Gästen sympathisch in die Nase, denen der Duft gebackener Fische sympathisch ist. An zwei oder drei Tischen werden Manuskripte fabriziert; unerbittlich große, schwarze Schlipse sind hier entschiedene Mode; einige glattrasierte Gesichter mit den charakteristischen Mundfalten des Mimikers fallen in diesem vollbärtigen Stadtviertel auf: Schauspieler vom jiddischen „Pavillon-Theatre", das auf der andern Straßenseite liegt, gerade gegenüber. Sogar der Cafctier hat literarische Neigungen, er ist Amateurdramaturg des Theaters drüben, gelegentlicher Mitarbeiter an der Sabbatbeilagc der Blätter und „Ezesgeber", das heißt literarischer Beirat des jiddischen Berlages. Das Schlimmste ist sein Assoziationskomplex: ob man ihm min die neueste Untat der Suffragetten oder eine amüsante Straßendebattc mit Jnnenmiffionären oder sonst etwas berichtet, er wird immer eine Fabel von Krylow, dem russischen Aefop, zu erzählen. wissen, die — wie er glaubt — genau auf den vorliegenden Fall paßt. Den Herrn mit dem Spitzbart grüßet: alle, tvenn er durch die Minories geht, aber nur wenige wissen seinen Namen; die Seute kennen ihn nur als „Mvroimele" — mit diesem Pseudonym unterschreibt er seine satirischen Artikelch Sem Lebenslauf, ist für die Ansiedlung der Intellektuellen in Whitechapel parädigmatisch. Er. ist der Sohn eines HolzhätMerZ aus Bobrujsk utld mußte den größten Teil seiner Gymnasialstudien im Privatunterricht absolvieren, da der in Rußland bestehende Numerus clausus für jüdische Schüler überschritten tvar. So gab es für ihn in seiner Jtlgend keine Assimilation. Als Mediziner kam er nach Berlin, verlobte sich mit der Tragödiir Klara Bleichmann, die mit der jiddischen Truppe ihrer Eltarn im Puhlmann-Theater in der Schönhauser Allee Und im Concordia-Theater in der Brunucnstraße gastierte. Um nicht jahrelang auf die Aushändigung seiner russischen Legitimationspapiere warte::. zit müssen, heiratete er in London und blieb in Whitechapel. Der jiddische Literarhistoriker am Nebentisch, von dem wir nur den Hals mit zwei Furunkeln schm,, trinkt seine „Nuß Braun", er hat in der Bibliothek des British Museum das vieraktige jiddische Drama eines Antors mit Namen Wolfsohn entdeckt, das 1796 in. Posen erschienen ist, und macht , nun daran seine Studien, wenn er nicht hier seine „Nuß Braun" trinkt. Dem Besitzer und Direktor des „Pavillpn-Thcaters", Mister Joseph Keßler, können roir die Anerkennung über seine Inszenierung des Gordinschen Dramas „E jüdischier König Lear" nicht versagen; den Herrn Generalmanager "Derrascht das gar nicht, er ist es gewohnt, die seriösen Kritiker bescheinigen täglich, daß der Versteller Mister Hochstein ein Worzngist ist und die Verstellerin Mistreß Wallerstein ein schmeckcdigcs Ponem hat. Er bedauert, daß wir Mr. Hamburger, den. Komiker, bloß in einer Tranerspielerei gesehen haben; in einer Lusthandlung sei er zu preferieren. Daß der Kapellmeister betamt ist, finden rvir auch: im Zwischenakt und an melodramatischen Stellen hat er mit einer Hand Harmonium gespielt und mit der andern das Orchester zu bändigen versucht. Das Publikum gab seiner Anteilnahme mitten in den Glanzszencn durch ehrlich bewurrderndes Zischen Ausdrucks Man spricht vom Theater, man fragt uns nach Ossip Dymow, nach Rudolf Schildkraut, nach Scholem Asch, ob wir Wolf Ritter von Sonnenthal gekannt haben; ob er wirklich so großarttg war, foer Adolf Ritter von Sonnenthal? Im Nn lernen wir alle Stammgäste kennen; solche, denen die Schriftstellerei eine Ausrede, solche/ denen sie ein ganz einträglicher Erwerb ist. Ein blatternarbiger, vierschrötiger Kollege — sein Kopf sitzt wie ein Würfel auf prismatischem Hals — wird uns vorgestellt; man spottet übeh feine Faulheit und erzählt, er habe das jiddische Distichon erfunden, nn: bloß zwei Zeilen schreiben zu müssen. Bon einer jiddischen Redaktion zur Abfassung Von Ego» Erwin Kisch eines Essays über Israel Zangw-Ul gedrängt, begann er mit den Worten: „Zangwill ist ein durch und durch katholischer Autor..." — seit jener Zeit wird er nicht mehr mit Aufforderungen belästigt. Er pumpt uns um zwei Shilling an. Spindeldürr sitzt der Liederdichter des Bezirkes da. Seine Spezialität sind Reime jiddischer Worte auf englische, zum Beispiel der Reftain seines Conplets vom Knopflochschneider: ' I am a jiddischer Buttonhole-Finisher Ganz Whitechapel singt sein Lied vom „bidnen Arbeiter": Fün de: kindheit, fun bei yugend Finsterst ob dein Welt in shvp, Und kein heim dos hostn nit, Mied de: Herz, bei Kopp. Oil fehl men behandelt dich Punkt tvie a Hund. Fun de: schwere horewanie leben reiche in Paleste... Ein neunzehnjähriger Junge ist durchgebrannt vom Lodzer Seminar — er will nicht „Bocher" sein und nicht Rabbiner werden, er will dichten, die Welt erobern, Bücher schreiben, „ein zweiter Max Brod werden". Es gibt drei jiddische Tagesblätter iu Whitechapel, die i'.n großen Format der Londoner Zeitungerr erscheinen: „Die Zeit", „Jüdisches Journal" und „Expreß". Sie süld in ihrer politischen Färbung voneinander verschieden, nur gegen die Agitation der in Whitechapel stark vertretenen Missionshäuser, für die Abänderung des Emigratiönsgesctzes und gegen den Antisemitismus kämpfen sie alle mit der gleichen Vehemenz. Eines, von den vielen jiddischen Wochenblättern, der anarchistische „Arbeiterfreund", wird von einem deutschen Christen redigiert, einem biederen Buchdrucker aus Mainz, der eigens den Jargon erlernte, um in der Volksvorstadt Londons für Tolstoj und Luecheni, für Menschenliebe und direkte Aktion, für gegenseitige Hilfe und für Attentate zu agitieren. In dem von Mackah geschilderten englischen Anarchismus spielt Fürst Peter Krapotkin, der am: nahen Brighton greis und grau und zurückgezogen lebt, ebensowenig eure Rolle wie. Karpowitsch, der durch seinen tödlichen Schuß gegen dm ' Kultusminister Bvbolepow den Anstoß zur russischen Revolution von 1901 gegeben und jetzt. als .Masseur in London-- eine bürgerlich einwandfreie Existenz gefunden hat. Anläßlich des hundertsten Geburtstages von Bäkunin sprach Urvater Tscherkessoff in einem anarchistischen Meeting und' erzählte. von seiner Jugend, von dev.'Revolution und wie er — 1848 ' —• an der Seite Bakbnins auf den Barrikaden Dresdens gekämpft hatte. Zu den christlichen Stammgäste:: des jüdischen Winkelcafes von Whitechapel-Road gehören Journalisten, die aus Fleetstreet hierher gesandt sind, gleichsam als auswärtige Korrespondenten der Londoner Weltblätter für die Vorfälle des. WhitechaPeler Ghettolebens. : Im Bohemecafe darf der literarische Kellner nicht fehlen. Zwar verfügt er nicht über eine Armee von Zeitungen, aber -dafür ist der „Walter Jow" im Kreis» der Autodidakten eine angesehene Persönlichkeit, eine Instanz in Fragen der Wissenschaft. Denn Master Jow ist ein studierter. Mann, . er war in Bern Hörer der Besorgen Sie sich rechtzeitig für entweder die Illustriert von Josef Budko Deutsche Uebersetzung durch Dr. Max Grünwald Hebräisch, Pappband . 83'— Leinenband . . ... . S 3*90 Hebräisch-Deutsch, Pappbd. 83*90 Leinenband.8 4*80 »der me Hagadah mit Holzschnitten von Jacob Steinhardt, geschrieben von F. Baruch Pappband.86 — Luxusband mit Originalholzschnitt, signiert und numeriert . . 8 30 — (statt 8 54*-) Buchhandlung R.L6w£t, W ien, I. Rotenturmsir* 22 Philosophie, kam nach London, um seine ©tfeSfetr zu setzen, hatte kein Geld-, wurde Kellner und Hieb w. Und niemand im WhitechaPeler Cafe „Größemvahn" kgnn icdffen, ob er seine Stamrugäste verachtet oder beneidet, die die weltgeschichtliche Unstetheit des Judentums m* der nervösen Heimatlosigkeit des Bohemiens vereinen. „Hände!« mit alte Kleider..." Man tut gut, hcini crjtrn Besuch der Kleiderbörse, des Cafe Pollitzer, einige alte Monturen in der Haüd zu tragen, um nicht höchst mißtrauisch gemustert^ zu werden, und in den hinterm Korridor, wo sozusagen der Schranken ist, wage man sich gar nicht, denn trotz der über den Arm gelegten Garderobe ist man Außenseiter. Es schadet nichts, ein Außenseiter zu sein, im Gegenteil, es nützt, nxnu nicht beim Berlaufsnbschlust. so doch beim Anknnpfcn von Geschästsbeziehungen. Dunst lagert unter den niedrigen Wölbungen des Lokals, dessen eine Ecke als Küche eingerichtet ist, Menschen stehen umher, den Hut auf dem Kops, und diskurieren lebhaft. Bevor man sich gesetzt hat, bevor man seinen „Schwarzen" bestellt, sind Figuren herangehuscht, haben einen Kreis formiert, Haltei: den Ankömmling an einem Knopf des Rockes fest, den er anhat, oder an einem der Unifornrblusc, die, kragenabwärts, auf dem Unterarm hängt. Einige befingert:: stofsprüfcnd seine Hose. Die Gestikulationen der - Gestalten, die. man vorher nur gesehen, werden also fühlbar, und allmählich materialisieren sich sogar Physiognomien. Aber Mimik und Gegävdenspiel geben wenig Aufschluß. Wer kann sagen, ob jener Mann, der die Qualität der angebotenen Ware mit mißbilligendem Kopfschütteln negiert, solches nicht bloß deshalb tut, um die Ansprüche des Mrkäusers hinabzuschrauber:, ob nicht gerade er innerlich am entzücktesten über den Stoff ist und den höchsten Preis nennen wdch? Ist sein Antagonist, der den offerierten Rucksack Mt VWgezogenen Brauen bewuMrnd mißt, ein GurgelabWrÄ' der, der nichts bezahlt? Man erkläre, bloß mit Meisterschitz verHcmdelst ^t wollen, mit dem Mann, der seinen Namen ncrnnttz: heiße Meisterschitz". Warum gerade mit ihm? SÖfeit, man froh sein muß, sich in dieser herandrängenden Wrt von Bewerbern an einem Namen verankern zn können. -Darum tue Man, als ob der Vorsatz, ausschließlich Mit'MeistMschitz in Geschäftsverbindung zu treten, seit langem W saßt, sozusagen ein Wunschtraum aus der JugttÄzeit sA. O weh, nun ist man dem Herrn Meisterschitz milt' Haut und Haar, mit Schafwolle und' Baumwylle box-', fallen. Die dunkelblaue Paradebluse gefällt dem! Herrn' Meisterschitz bedeutend weniger, als sie Helene gefiel. Vergeblich, darauf hinzuweisen, daß sie fast gar nicht gp* tragen wurde, vergeblich, den seinen Kammgarn, Brünner Ware, zu loben. Der Käufer gibt es zu, alles schön und gut, gewiß, aber ich bitt' Sie, wer braucht schon heutzutage eine dunkle Ossiziersbluse, wer gibt für so etwas Geld aus, und es ist komplett unmöglich, einem Rock däraus zu machen. Diesen Argumenten kann man sich nicht verschließe«. Dagegen ist cs nicht verwehrt, dem Gegner die Frage vorzulegen, wozu erdie Bluse denn überhaupt erstehen . iraH, Daß er sie erstehen will, ist evident, und seine Skepsis soll nur den Preis drücken. „Weshalb wollen Sie die Bluse, Herr Meisterschitz, wenn Sie nichts mit ihr anznfangen wissen?" — „Na, es kann Vorkommen, tommcr doch, daß jemand ein blaues Sakko hat und eine Weste dazu braucht. Aus der Bluseda" (welch ein "verächtlicher Seitenblick trifft mein schönstes Uniformstück!)-„könnt' man zur Not" (der Tonfall drückt aus, dlaß es schon -äußerste Not fern müßte) „ein Gilet zurechtscheidern." Das lasse man sich' von Herrn Meisterschitz nicht einrcden. Der wird doch kein Kleidungsstück daraufhin kaufen, weil zufällig einmal jemand ein blaues Sakko -besitzenkönnte und zufällig keine Weste, und zufällig doch eine Haben möchte, und zufällig gerade zu Meisterschitz kommt, zu einem von tausend Wiener Trödlern! Steige man ihm nur aus die Kappen, uui> vielleicht wird er eingestehen, daß er die Blusen an Mützenmacher liefert, die daraus Kappe:: schneiden. Mer mehr als zehn Kronen ist Meisterschitz, :vie er schwört, nicht imstmüst: zu bezahlen, so wahr er lebt, für beide Blusen zusammen zehn Kronen, weil nämlich die dunkelblaue effektiv nichts wert ist, 'hingegen die feldgraue noch hundertmal weniger. Ist sie doch eine „umgehaute Bluse", cn:s einer ärarischen verfertigt, also Staatseigentum, und! die kann ihm die Polizei mir nichts-, dir nichts konfiszieren. „Erst vor ein paar Tagen hat mir die Streifung staute pede um zwechundert Kronen Waren weggenommen, da, in dem offenen Kaffeehaus, hah' ich das nötig? Ich kauf' solche Sachen überhäupt nicht mehr." Er hat das getviß nicht nötig und kauft solche Sachen überhaupt nicht mehr, und gibt zehr: Kronen für die zivei Blusen. Die schwarzen Beinkleider erzielen höhere Preise, denn sie irardn: nicht zu Gilets zerschnitten, nicht zu Mützen, das Aerar hat kein Anrecht auf sie, urck man kann sie tragen, wie sie sind. „Man kann sie tragen, wie sie 48234853534853532348000101532348532348232301010101535353534853482300005353 53482348232353532302532323532348532348234823235323532348482353484800232323