Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2916 (10.4.1927)
- Date
- 1927-04-10
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite U' Wiener Morgenzeirung 10. April 1627 Nr. 2816 Wien, sonnte sind?" lach! Herr Meisterfchitz, „sehr gut! Und oie Passevolles?" Er rechnet ans, was die Beseitigung der Barte kostet - ein bürgerliches Berinögen, wer hätte das gedacht, inan ist erstaunt, läßt sich's aber durchaus nicht anmerleri, sondern lächelt ironisch und erhält dann dreißig Kronen. Für den Rucksack zehn.. Nun ist man ohne Sachwert, allein, kein Mensch kümmert sich um einen, selbst Meisterschitz ist im Nebel des Lokals verschmmden. Jetzt erst liest man die Tafel an der Wand: „Handeln mit alte Kleider ist in den Lokal strengstens verboten". Mso hat man ein Verbot überschritten, ehe man es kannte, und fürchtet, nachträglich die Gefahr abschätzend, das Ende des Reiters über den Bodensce zu nehmet!. Allmählich aber besinnt riran sich, draußen vor dem Cafe andere Inschriften gesehen zu haben, und erkennt, daß sie nicht so wörtlich genommen werden wollen. Zum Beispiel: „Hier liegen alle Wiener Tagesblätter auf." Wo? Nur zwei oder drei leere Zeitungsrahmen hängen an den Haken, von einer Zeitung keine Spur, lver hätte auch Muße zu lesen? Jeder kommt mit Kleidern, Wäschestücken, setzt sich gar nicht, tritt zu Gleichgesinnten. Frauen haben große Pelerinen, unter denen Pakete und Markttaschen sind, manche bringen zusämmcngebundene Schuhe, Stiefel, Ga-! loschen mit, einer trägt so viele Hüte in der Hand, daß er damit nicht nur durch das ganze L<nid kommen müßte, sondern durch ganz Europa. Eine Dame, brav, ernst, mit englischem Schnurrbart, gibt einem sommersprossigen Jüngling Kopfstücke und Ohrfeigen rechts und links, daß es kracht. Anteeipando. Erst nachher möchte sie von ihrem Sohn erfahren, weshalb sie chn geschlagen hat. Kreischend wiederholt sie immerfort:' „Was du verkauft hast, will ich wissen!" Quart. — „Nichts, Mutter, so soll ich leben...." Er duckt sich. — „ftaffee bist du trinken gegangen?!" Prim. „Ausgerechnet hiecher?!" Terz. „Das ganze Lager schleppst du mir weg, du Ganeff." Rückschineidpatsch. Ein Gast tritt ein und ruft, noch bevor er die Türe hinter sich offen gelassen hat, ins Lokal: „Zwcki Zickeln!" Man halte das und ähnliche Ausrufe nicht für Worte der Begrüßung; sie sind es nicht, sondern Ankündigungen Hessen, was man zu verkaufen, hat. Der letzte eben: Hvei Zickeln. Er zieht sie aus dem Sack, sie sind tot, aöer Fleisch und Fell finden angeregte Beurteiler. Im Korridor ist Wäschemarkt. Leintücher werden mit Innen und mit der Elle' gemessen. Taschentücher zwischen Mngern abgetastet, Damenhöschen gegen das Licht gehoben, Nachthemden von oben und unten angeschaut, nein, dieses Kaffeehaus gleicht nicht allen anderen Kaffee- Musern der Leopoldstadt, ein Greis läßt einen Ballen vpn seinem Rücken auf den Fußboden fallen und breitet hdn Inhalt aus, zehn verschlissene, schwarzblau gestreifte Futzballhemsden mit einem Cricketabzeichen, ein durchlöcherter Sweater und Käppis; die Gäste wenden sich ah von diesen Fetzen, sie transit gloria mundi, ein Männchen im Astrachanmantel kommt, die Aermel reichen weit Wer ferne Hände, der Saum schleppt, der kleine Mann Ml aber den großen Pelz auch gar nicht behalten, er zieht ihn aus, streckt ihn in die Höhe, bis zu der Tafel handeln mit alte Kleider ist in den Lokal strengstens verboten", und, ein Ring begutachtender Hände schließt sich um das Objett. Möbelfabrik J. SPIRA F*in. Wien, VII., Siebenstellig. 1—2 Wohnungseinrichtungen (Ecke Karl-Schweighofergasse) flEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale: IX., Bezirk, Berggasse 19, Telephon 17-3-99 u. 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilung für ^^J-Fleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabblnats der Isr. Kultusgemeinde Wien 40 IX., Berggasse 15 XV111., Währlngerstrafle 97 0 Echte Schlangen Eidechseu.Krokodil lederschuhe $45-49 SKeine aus echttm frarciäs. SKode-Chevreaux hergestellten Brühjahrsmodelle legen Zeugnis ab vom Schönheitssinn und edlen Qesehmack. Herren- Schuhe in fabelhafter Ausführung und Auswahl Schönste Ostergestiienkc f faschenweine L nolkeller HOFBURG, neben der ehern. Burghauptwache. Tel. 72-5-16 H Bei Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrensausen, gestörtem Schlcis, schlechter Laune, gereizter Stimmung greife man sogleich zu dem altbewährten ,,Fraiiz-Ioses"-Bitterwasser. Berichte von Oberärzten in Heilanstalten für Magen- und Tarmkranl'hciten betonen, daß das Franz-Joses-Masser ein ganz vorzüglich wirtendes natürliches Mführinittel ist. Der Sohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman von Leopold Hichler, Copyright 1997 by R. Löwit Torlag, Wien — Leipslg - (®* Fortsetzung.) Um diese wartenden Itusiker schwärmten —wie die Mücken um das Licht — dunkle Gestalten, im Volksmund', „Pülcher" genannt; aber lustige, fesche Kampeln waren diese Pülcher mit ihren Ruderleibelu, ihren tätowierten Armen imd dem „Tschick" hinter denr -Ohr und den „Sechsern" vor den Ohren. Siel genossen ihr Leben. Bisweilen „saßen"' sie; aber schlechte Menschen waren sie tiicht; nur naiv. Sie verstanden es noch nicht, durch die Maschen des Gesetzes zu schlüpfen. Nnd Mutterwitz hat so ein „Pülcher" besessen! Mancher Gelehrter konnte ihn darnnr beneiden.- Gustav kam in den Prater; es war das erstemal, daß er im Prater die Soldaten sah, aber sogleich zog's ihn, wie istit magischer Gewalt, zur Rcgimentskapelle, denn — sofern« er nicht üben mußte — liebte er die Musik/ Er schlich mit den dunklen Gestalten — als wäre er dort zu HaUse — um die. Musiker herum. — Es gab auch viel zu schauen: Die großen Posaunen, die Holzbläser, die große Trommel! Ein Wunderwerk: Sie ruhte auf einem kleinen Wägelchen, vor dem ein Pony, ein wirklicher, brauner Pony stand. Zärtlich betrachtete Gustav das braune Pferdchen, und ging nahe heran, um es zu streicheln. „Neht zubr gehn, Klahner!" rief warnend der Lenker des Wagens, ein Korporal. „Ncht zubr gehn! Er haut aus!" Gustav fuhr erschrocken zurück und dachte: „So klein und so wild!" blickte aber weiter bewundernd auf das Pferdchen, das seelenruhig Grasbüschel rupfte. — Indes war die Zeit zum Wnrarsch da. Die Soldaten wurden in Viererreihen foriniert, die Musiker an die Spitze und vor den Musikern stand — wie schön! imd mit welcher Grandezza an seinen geflochtenen Stab gelehnt — der Regimentstambour. — Gustav war sehr beschäftigt. Er wollte alles sehen: die Soldaten, den Tambour, den Pony, die Trommel, und er lies — wie der Tropfen einer! Wasserwage — hin nnd her. Noch nie war er so fleißig gewesen. Es wurde ihm warm. — Endlich war alles zum Abmarsch bereit. Der Tambour hob seinen Stab. Zunächst begannen dr- Trommeln: Bum, Brudnrubum Brudurubumbunrbum I Bum, Brudnrubum Bruduvubumbumbum! Nun setzten die Tschinellcn ein: Bum, Brudnrutschin BrUdurntsch inbumbum Und jetzt begannen die Bläser: Tadara! Tadcrra! schmetterten die Trompeten eine lustige Melodie in die frische, freie Luft, in die Sonne, in die Herzen der Menschen hinein! — Ja, ein Wiener Marsch, von einer Wiener Regimentskapelle gespielt! Das jubelte und sang! — Mer Uebermut und alle Leichtlebigkeit dieser schönen Stadt offenbarte sich in einem solchen Marsche! Alle Menschen waren froh und zoae," die Soldat^ durch. die Straßen der Stabt, wurden die Fenster aufgerifsen und. Frauen und Mädchen blickten und winkten und lachten! Und die Soldaten zwinkeren hinter den Rücken der Chargen hinauf und auf den Straßen blieben die Leute stehen, sahen dien strammen Burschen nach und viele schlossen sich dem Zuge -uv imb marschierten lustig mit!- Auch der Schreiber dieser Zeilen ist oft mitgegangen. Lang ists her. — Und während ich jetzt sinne und schreibe, fühle ich, wie mir die Herzenswänne durch den Körper strömt unt» ich bin glücklich, daß ich einmal dabei gewesen! Ist es die Erinirerung, die mir diese Zeiten vergoldet, oder sind sie wirklich so schön gewesen? Reklame - Angebot! —j Keine Lotterie! “mÄSMSSo" KeineTeilung! 10« ScMIBimP ln dar zahle ich jedem ohne Ausnahme, welcher den „Lustigen Gesellschafter“ (mtl. 1 Heft a 40 g) durch Voreinsendung von S 5.— auf 1 Jahr abonniert und folgende Aufgabe richtig lost. Die leeren Felder sind so auszufüllen, daß so viele gerade und schräge Reihen wie möglich die Summe 15 ergeben. Die 5 muß in der Mitte stehen bleiben; darüber kommt die Zahl 9. Wahl und Anordnung der übrigen Werte sind beliebig, da es nur auf die Anzahl der erreichten Summen ankommt. Es ist daher nur eine Losung pro Einsender erforderlich und zulässig. Sie ist zusammen mit einer Fünfschillingnote ohne weitere Mitteilungen, aber mit genauester (I) Absenderangabe einzureichen. Die 100 Sohilling erhält jeder Lüsen ohne Ausnahme (also keine Teilung, Verlosung oder sonstige Verpflichtung) aber nur, wenn der Ab°“- g von 8 in bar b«!llegt. Alles andere zwecklos. F. Oder Ich, Verlag," Wiesenstraße. 7. Kapitel. Die Soldaten marschierten aus dem, Prater. Es war ein Bataillon der Vierundachtziger, und Gustav zog mit ihnen. Das zweite Wiener Hausregiment, die Viermrdachtziger waren in der Mserkaserne beherbergt und die uralte Kaserne rüstete — während ihre Zimmerherren über die Lastenstraßc zogen — zunr Emvfaug. Weit öffnete sie ihre Tore, denn auch die alte Dame war froh, daß ihr junges Leben wieder nach Hause kam; und es war ein Listiges Leben, das durch das breite Tor strömte. Ein, junges Fischlein wollte mitströmen, aber der Posten rief streng: „Ziwühl inuhrß dranßt bleibn!" So blieb Gustav vor dem Tore stehen und blickte den einmarschierenden Soldaten, mit großem Wohlwollen und tiefem Ernste nach. Erst als der letzte Mann von dem Tore verschlungen war, dachte er rnt den Heimweg. Es war — höchste Zeit! Zu Hause erwartete man ihn mit großer Ungeduld. Frau Sali sah im Speisezimmer, <o schwarzen Lederdiwan und tronimelte. Fräulein Berta übte dazu am Klavier. Hern: Hermanns Tätigkeit war verschieden. Teils saß er beinr gedeckten, runden Tisch und versuchte die Wochenschrift zu lesen; teils lies er zunr Fenster und blickte nach seinem jüngsten Sohne, der noch imnrer nicht kam. Und Herr Hermann blickte mit einer Sehnsucht, wie ein Jüngling nach der Liebsten, indessen die Liebste seclenruhig über die Universitätsstraße wandelte. „Es versäumts nicht!" dachte Gustav, „Vis zwölf Uhr hält' ich Schule gehabt und Der jetzt in unserem Blatt veröffentlichte Roman ©ea* Sohn «i<es FHoses Plttutisner von LEOPOLD HICHLER ist soeben ln Buchausgabe erschienen und in der Buchhandlung R. Lowit, I., Rotenturmstr. 22 zum, Preise von 8 5*50 broschiert 8 7*50 gebunden ab morgen erhältlich das Zeugnis werden sie noch früh genug fehen! Ich lass' mir Zeit!" Und eS war, als ahnte Herr Hermcnm diesen Entschluß; denn plötzlich ging er vom Fenster weg und sprach energisch zu seiner Frau: „Sali! Wie lang willst du noch Mf den Gassenjung' warten? Ich will essen." — — Wahrend dieser Worte waren Fräulein Bertas Finger in blendender, geräuschvoller Technik über die Tasteir des Klaviers geglitten; dadurch hatte Frau Sali ihren Mann nicht verstanden und fragte: „Was sagst, du, Hermann?" — „Ich, sag'... Hör' auf mit dem Geklimper!" wendete er.sich zu seiner Tochter. „Können tust du doch so nix! Man versteht sehr eigenes Wort nicht!" Ein Hartes Urteil, aber nicht so ungerecht, als Fräulein Berta wähnte. Der alte Herr hatte ein feines Ohr. Er ahnte, daß die Musik etttsasi Göttliches Und nur für wenige Auserwählte sei. Fräulein Berta aber dünkte sich auserwühlt. Sie zog entrüstet die Hände von den Tasten imfo sandte dem! Vater einen respektlosen Mick. Herr Hermann merkte ihn nicht, denn er hatte seiner Tochter den Rücken gekehrt Und sprach zu seiner Frau: „Sali! Jcht Hab' ich genug. Jcht wart' ich nicht mehr. Lass' auftragen!"- Man setzte sich zu Tische. In früheren Jahren, als noch alle Kinder zu Hause waren, saßen sieben Personen um den runden Tisch. Nun waren's viel weniger geworden. — Heinrich, der Netteste, war meistms verreist. Mußte reisen, denn die Zeiten des gemütlichen Geschäftes, da die Lederfabrikanten Herrn Mautner den Verdienst gleichsam ins Haus schütteten, diese goldenen Zeiten waren vorbei. Wollte der Händler bestehen, Mußte er rührig sein, und selbst den Fabrikanten aufsuchen; und so geschah eS, daß Heinrich den größten Teil des Jahres verreist war. Robext, der mittlere Sohn, war weit in der Wett auf der Wanderschaft und Rest — seit drei Jahren verheiratet. — So blieben beim! gemeinsamen Mahle rtur noch zwei Kinder Und von diesen beiden fehlte heute Gustav. — Traurig blickte die Mutter um den runden Tisch herum, als suchte sie die Köpfe ihrer lieben Kinder, nnd sagte seufzend: „Hermann,! Immer weniger wern's! Bald Wern ma ganz allahn da sitzen!" — „Wieso, Sali?" — „No, wie lang wirds' dauern? In ahn halben Jahr is Gusti ans der Schul' und kommt dann ans'n Hans und.. sie beugte sich zu ihrem Männe und flüsterte: „Und Berta? Ich Litt' dich, sie ist im achtzehnten Jahr'! Was, wem: sich a Partie trifft? Wird sie auch bald aus'n Haus kom!- men!" — „Sali! Was kann ma machen? Sollen sie zU HaUs bleiben?" — „Du, hast ja recht, Hermann," nickte sie zustimmeud mit ihrem weißen Haupte, „es is ja wahr; aber schwer is es mir doch, wenn ich beit leeren Tisch seh'. Weißt du, Hermann, wie sie früher einmal alle fünse dagesessen sind, das war a Leben!" ^Fortsetzung im MonrtaM-atit.', 84