Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2859 (12.2.1927)
- Date
- 1927-02-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4 Wien., Samslay Wiener Morgenzettrrrrg Altes und neues Judentum im (ßurgentand ißtmi»e&rtefe man Cttu Atomtest) Mnttendorser Bergangenhelt. — «atteriburger Gegenwart. Gmrz wie im Erker des Großvaterhauses 'zu Nikolsdurg, steht im Fenster meines Gastgebers ein alter, massiver, ausgetretener Holzschemel bereit, damit du dich, die Menbogen auf den Fensterpolster gestützt, richtig und gemächlich hinauslehnen kannst Man überblickt die Gaß. Ms auf den buntfarbigen Anstrich — sie scheinen hier Freude daran zu haben, die Fassaden rosig und bläulich, dunkelgelb und Violen zu bemalen — ist wohl alles seit Generationerr und Generatiorren im Gassenbild unverändert, und die Phantasie hat leichtes Spiel, diese Gasse von einst mit der: Menschen von einst zu beleben. Ich sehe vor allem zwei Frauengeftalten, ein Schwesternpaar mit vollem, schneeweißem Haar. Sie tragen keine Perücken, denrr sie sind Mädchen geblieben, und sie hießen in Mattersdorf die „z w e i N e w i e t e s" (Prophetinnen). Es waren die im Talmud sehr bewanderter: Geschwister des Kabbalisten Nathan Rate, in der Khille sehr geachtet und nicht minder gefürchtet. — Dott drüben in der Stube neben der Schul, über Folianten gebückt, erscheint mir die Gestalt eines sehr Großen in Israel, des Rabbi Moses Ssofcr. Der Tisch an dem ter sitzt, ist dicht an die Stubentüre geriickt, und rieben ihm steht ein Schaff mit kaltem Wasser. Ein Fußbad mußte die Müdigkeit vertreiben, wenn sie ihn beim Studium überkam, und Schlaf gestattete er sich rmr unter erschwerten Umständen: er drückte die Stirn an den Türschlüssel und mußte erwachen, werrn der nur leicht ins Schloß gesteckte Schlüssel herausfiel. — Und über diese holprigen Steine trugen die Mattersdorfer die Totenkiste, in welcher Rabbi Jssachar Beer Bloch auf den guten Ort gebracht wurde. Ein merkwürdiger, ein denkwürdiger Sarg! Beer Bloch hatte letztwillig verfügt, daß man den „Oraun" aus der Tischplatte zimmere, an welcher >er zeitlebens das Wort Gottes lernte. — Dann tauchen die scharfen, bitteren Gesichtszüge eines genialischen Mannes auf, geistig, wie mir scheint, hoch über die Zeit gewachsen, in der er wirkte, eine unbändige Bohemenatur, die Lehre Lebend, aber Gottes Geschöpfe, foferne sie Menschengestalt trugen, recht sehr verachtend: der polnische Jude Rabbi Mayer Popper, der den Mattersdorfern gar viel zu schaffen gab, mtt seinen beißenden Reden der Geringschätzung, ja der Verachtung, die Juden bis zur Empörung gegen ihn aufstachelte, zeitweise aus freier Stücken seine gar nicht geliebte Gemeinde Mattersdors verließ, . um sich anderswo an der Geistesträgheit und Kleinlichkeit seiner Zeitgenossen zu reiben, und schließlich Mattersdorf für immer verlassen mußte. Wie trefflich verstand er es, den Balbatim zuzusetzen! Seine Vorträge würzte er mtt den kränkenden Ratschlagen, die bärtigen, zum Teil schon ergrauten Zuhörer mögen lieber zum Kinderlehrer gehen, als ihm zu lauschen. Und die Frauen oben in der Weiberschul warnte er mtt den Worten: „Weiber, verschelt entere Kinder nit!" sich ja nicht in einen seiner vielgeliebten Zuhörer und Diskutanten zu verschallen, denn der Sprößling, den die oder jene zu erwarten habe, könnte als Dummkopf zur Welt kommen. Bon so großen Männern der Lehre geführt und von dem zuletzt genannten Spötter aufgerüttelt, mußten die Mattersdorfer besonders talmudkundige Juden werden. Man erzählt mir von einem Mattersdorfer „Ättgeto" (Fleischhauer), der anläßlich seiner Anwesenheit in Altofen dem Vortrag des dorttgen Rabbiners anwvhnte und in der nachfolgenden Diskussion die berühmte Talmudleuchte hart bedrängte. Er berichtete stolz, nach Hause zurückgekehrt, der Rabbi hätte ausgerufen: ,Menn in Mattersdorf die Kazowim so lernen können, wie erst die Mnei Thoire (die Thoragelehrten)! — Ja, es war ehrenvoll, Gemeinderabbiner von Mattersdorf zu sein. Auch Rabbi Hirsch Zwi Chajes (der Großvater des Wiener Oberrabbiners) hatte die auf ihn getroffene Wahl angenommen, konnte aber nicht nach Mattersdorf übersickeln, well man ihm beim Transport seiner Bücherei Zollschwierigkellen machte. Von seinen Büchern aber wollte er sich nicht trennen. Mein Gewährsmann, der neben mir am Fenster steht — er hat auch Dr. Max Grunwald reiches Material für seine lesenswette Schrift über Mattersdorf geliefert — berichtet mir, seiner Jugendtage gedenkend: „Unsere Kehilla war ausgezeichnet durch wahre Gelchrsamkett der Kaufleute und ließ fanatische Intoleranz, wie sie anderswo überwucherte, nicht in unsere Mauern, In dieser Judengasse hatte die wahrhaftige, die entsagende Religiosität eine Heimstatt. Sie ist hier nicht mehr zu finden... Dort oben in der Königsstraße, deren diesseitige Häuserreihe zur Judenstadt gehört — Sie können sie von hier nicht sehen — ist unser Schulgebäude. Schon vor 150 Jahren hatten wir kein Cheder, sondern eine Volksschule mit systematischem Unterricht. An zwei geliebte Gestalten meiner Knaben- und Jünglingsjahre denke ich. An unseren Lehrer Breuer, der ein Pädagoge ersten Ranges war und uns Mattersdorftr Schulknaben einen wellen Hottzont öffnete, sowie Mosche Hirsch, den Erzieher der jungen Generation von damals. Er war ein kleiner armer Hausierer, die ganze Woche unterwegs. Mer am Sabbatnachmittag hielt er Botträge, und ich versichere Ihnen, wir beellten uns *) Siehe „Wiener Morgenzeitung" vom 3., 4.« 9. und Kl Februar 1027. rechtzeitig aus dem Walde zurück, m wir unseren Erholungsspaziergang machten, und ließen die Mädchen allem dort, um ja kein Wort aus seinem Munde zu verlieren. Er pflegte den erzählenden Teil der Propheten als Stofs seiner überaus temperamentvollen, herzhaften, seine Hörer eng an sich bringenden Vorträge zu wählen, unterließ es geflissentlich, religiöse Gebote zu dinieren und lehrte uns ein hohes Ethos." Mein neuer Freund wurde warm im Gedenken an den Hausierer Mosche Hirsch, und ich war neugierig, Näheres, Bezeichnendes Über ihn zu hören. Hier zwei Anekdoten, wie sie aus der Ettnnerung an die Sabbatvotträge Hirschens hervorgehokt und mir, eindrucksvoller, als ich es jetzt vermag, wiedererzählt ivurden: „Bon einer Reise soll man niemals hungrig nach Hause kommen. Kann sein, daß kein Essen vorbereitet ist. Kann sein, daß man auswärts schmackhafter gegessen hat. Kann sein, daß man im Hause keine Ordnung, die Frau nachlässig gekleidet, die Wohnung nicht gut ' gelüftet antrifft. Kann sein, daß von den Kindern am Hausrat ein Schaden verursacht worden ist. Der hungrige Heimkehrer ist dann sehr zu Unzufttedenheit, Streit und Zank geneigt Der Wohlgefättigte aber wird milde sein. Iß und tttnk, bevor du dein Haus Letttttst und die Mesusah küssest. So vertreibst du den HausfriÄens- und Ehestörer aus deiner Brust." „Ein Sohn hatte den Vater zu erhalten. Er tat es anfangs freudig, später unwillig, begann dann den Alten die Abhängigkeit fühlen zu lassen, wurde roh, und es geschah im Verlause eines Streites, daß er, vom Zorne übermannt, den Vater an der Schulter faßte und aus der Wohnung schleppen wollte. Der Greis ließ den entarteten Sohn stumm gewähren. Wer als man bei der Wohnungstüre anlangte, herrschte er ihn an: „Nicht weiter! Bis hierher hübe auch ich meinen Vater getragen!"... Wir schwiegen beide nach dieser Erinnerung an den alten Hirsch. Mein Gastgeber weilte jetzt wohl in der nahen nächsten Vergangenheit, und ich freute mich, in seinem Mattersdors angelangt zu fein. In dem alten, älteren Mattersdors, in dem treuen, urwüchsigen, in welchem der Schammes am Schemini Azereth aus dem Synagogensenster Nüsse ans die versammelte Gemeinde warf, in welchem man bei Hochzeiten in der Gaß ausrief: „Alle gebetene Leit fallen Kimmen und sollen das . Eßzeig mitbringen" und in welchem am Simchas-Thora- Mend der Rcbbe unter, dem- Hochzeitsbaldachin, mit Musikbegleitung, von Fackelträgern flankiert, auf den Schultern der Bachurim nach Hause getragen wurde. Noch sind schöne, alte Sabbatstuben in den Wohnungen, die Möbel mit Linnen überzogen, noch gibt es prächtige weiße Laubhütten, und ein rühmlicher, witziger Purimspieler, der Glasermeister Mendel Steiner, ist auch noch da. Mer, uias ist sonst geblieben, wie fügt sich die alte, rühmliche Gemeinde in diese Gegemvart, in diese jüdische Gegenwart? Ich weiß doch, daß im Mattersdorfer Kahal seit jeher drei Gemeindevorsteher das Ehrenamt „für Erez Israel" verwalten: Was geschieht für Erez Israel? Weiß man hier vom Werk des Chaluz? Ist man besorgt, well es jetzt dott drüben eine Krise gibt? Nichts weiß man, nichts will man wissen, und man ist nicht besorgt. Rabbi Ehrenfeld, gegenwärtig Seelsorger dieser Gemeinde, ist ein frommer Mann, aber auch ein Politiker, betet für Zion und eifert hitzig gegen den Zionismus. Er selbst ist häufig auswärts, denn er hat viel in der Kunerol-Fabrik und in der Zucker-Fabrik mit der Ueberwachung des Kaschruth zu tun. Mer dafür ist vorgesorgt, daß zionistischer Geist den Weg über das Holzbrückl an den Erew-Stangen vorbei in die Judengaß auch dann nicht nehmen kann, wenn der Herr Rabbiner verreist ist. Die Mattersdorfer Juden sind fleißig, erwerbstüchtig, leben mtt den christlichen Nachbarn im bestien Einvernehmen: Könnten sie ihren Kindern und denen ihrer Armen nicht so viel Licht, Luft und Reinlichkett gönnen, wie die Bauern den ihrigen? Die Mattersdorfer Juden'sind nicht unbemtttelt: Könnten sie nicht jeden santtären Fortschritt mttmachen, die Heranwachsenden körperlich regenerieren, müßten nicht diese — vor allem diese — Opfer für den Aufbau von Erez Israel bringen? Wäre es nicht an der Zett, daß im Sinne des Wortes und im übertragenen Sinne — endlich, endlich auch in den „Schema Khilles" Blumen sprießen? Fruchtloser Stoßseufzer — wenn ich an die Erlebnisse von Deutschkreuz denke. Darüber in meinem nächsten Bttefe. Km Wir«« SrdMetzr für«. L. vrrdou. Sonntag, den 13. d. M., findet um halb 8 Uhr abends im Jüdischen Zentrum, 2., Untere Angartenstraße 35, eine Gedentfeier anläßlich des Todestages von A. D. Gordon statt, welche vom zionistischen Landeskomllee und der „Hitachduth" veranstaltet wird. Einleitende Worte: Dr. David Rothblum, Gedenkrede: Oberrabbiner Doktor Chajes. Karten sind im Zionistischen Bureau, 1., Kärntnerstraße 28, und in der „Hitachduth", 3., Glockengüsse 30, sowie an der Abendkasse echältlich. 18. Februar 192' Nr. 2869 «euer Hakeakreuzunlug in der «llrntnerflrate. Für heut« abends neun Uhr mst die Hitlergruppe der Nationalsozialisten ihren radaulustigen Anhang zu einem „Spaziergang" in der Kärtnerstvaße auf. Das jetzt angeblich wieder aus München alimentierte Hakenkrenzlerorgan kündigt den Unsirg mit folgender Aufforderung an: „Warum, lieber Volksgenoffe, hast du dich an den Gedanken gewöhnt, daß die Kärntnerstraße, eine der schönsten Straßen unserer Vaterstadt, ftir die Promenade der jüdischen Meute reserviert ist? Auch wir wollen an unseren freien Samstag-Älbenden nach der Woche Plag' und Müh' in dieser schönen Straße lustwandeln! Wenn du so gegen 9 Uhr abends hinkommst, vielleicht gar im Hitler-Hemd, bist du von dem dortigen Stammpublikum besonders gern gesehen!" Es ist zu erwarten, daß diesmal die Häkenkreuzler mtt der in der Kärntnerstraße rvn Beru's wegen prome ie enden Weiblichkett und den männlichen Beschützern allein bleiben werden. „Wahlwindel." Aus der Gitzu-ng des Wien« Gemeindonttes. Im Wiener Gemeinderat wurde gestern, trotz der Ankündigung eineyverschä rften Obstruktion durch das führende Mitglied der christlichsozialen Opposition, Stadtrat Rummelhardt, recht flott gearbeitet. Bon den 48 GeschästSstücken der Tagesordnung wurden 36 ohne Debatte angenommen. Einen lärmenden Zwischenfall gab es während des Referates des Gemeinderates Kohl, den die Opposition nicht sprechen lassen wollte, weil er sich anläßlich der Budgetdebatte geäußert hatte, man solle die obstruierenden Christlichsozialen aus dem Saale hinauswatschen. Zu einem wetteren Zusammenstoß kam es zwischen Gemeinderat Reismann und Gemeinderat Doppler; nur mit Mühe konnten Tätlichkeiten verhindert werden. Evhetternd war eine Kontroverse zwischen Stcvdtrat Professor Tandler, der über die Beteilung armer Wöchnerinnen mtt Krnderwäsche referierte' und Gemeinderat Angermayer, der den Zwischenruf „Wahlwindel" machte, worauf Stadtrat Tandlen replizierte: „Sie werden aber weiß, nicht rot sein." Gfae Bertranenskundgebnng der Tiroler Landtagsmehrhelt für Sr- Grüner. Der Tiroler Landtag hat gestern für die durch den Verzicht des sozialdemokratischen Landeshauptmann-Stellvertreters Dr. Grüner freigewordene Bundesratsstelle notwendig gewordene Neuwahl vorgenommen. Aus der Wahl ging als Mitglied des Bundesrates mit großer Mehrheit — für ihn stimmte die bürgerliche Majorität —« "neuerdings Landeshcruptmann-Stellvettreter Doktor 'Grüner hervor. Als feinhnabe /seht.^Parteigenosse Abg. Prantl gewählt. Nach der Vollziehung des Wahlaktes erklärte Dr. Grüner, er habe aus triftigen Gründen auf sein Bundesratsmandat verzichtet und er sei nicht in der Lage, dieses Mandat, das ihm durch eine so starke Bertrauenskundgebung des Tiroler Landtages neuerlich zugefallen sei, anzunehmen. Er müsse daher in aller Form den Bericht aussprechen. Der Landeshauptmann erllätte darauf, dach der Landtag nichts anderes tim könne, als diese Verzichterklärung zur Kenntnis zu nehmen und sie zugleich mtt dem Ergebnis der Wahl dem Bundesvate mitzuteilen. In den Bundesrat wird nunmehr der Ersatzmann Prantl einberufen. Die Hochstapeleien der „Sonnt" Peters. Verhaftung der Äebensssfährtm dos Schwindlers. In der Strafsache des früheren Hoteldirektors Kattl Peters aus Regensburg, der durch Jahre als Erbe eines englischen Lords austrat, und mit dem Hinweis aus seine Milliardenerbschaft zahllosen Leuten wett mehr als eine Milliarde entlockt hat, ist insoferne eine Wendung eingetreten, als gestern auch die Frau, mit der er durch Jahre in gemeinsamem Haushalte gelebt hat, verhaftet und dem Landesgerichte eingeliefert wurde. Sie steht im dringenden Verdachte, um die Machenschaften des Peters viel mehr gewußt zu haben, als er und sie zuzugebeu bereit sind. Die Frau ist die 42jährige Marie Friedrich, geborene Müller, eine Wienerin. Sie war mit einem Doktor der Philosophie verheiratet und hat sich nach vierzehnjähriger Ehe von chm scheiden lassen. Die Friedrich hat sich namentlich durch zwei Depeschen verdächtig gemacht, die sie nach der Verhaftung des Peters nach London richtete. Auch liegt eine Strafanzeige von Verwandten der Friedrich vor, in denen sie und ihr Lebensgefährte beschuldigt werden, einem Ehepaar im 7. Bezirk 10.000 Sch i l l i n g entlockt zu haben. Srfterrekchlsche Ken« Hofeffod-Mlon, Im Rahmen der Keren-Hajessod-Aktion finden in den nächsten Tagen nachstehende Veranstaltung statt: Heute, Samstag, halb 9 Uhr abends: MeetingimWähringer Gemeindehaus, 18. Bez., Martinstraße 100. Redner: Oberrabbiner Dr. Chajes, Dr. Rahum Gold, mann (Berlin). Morgen, Sonntag, halb 11 Uhr vormittags: Massenmeeting im 9. Bez., Fliegerkino, 9. Bez., Liechtensteinstraße 37. Redner Dr. Nahum Gold mann (Berlin), Dr. Leo Gold Hammer, Präsident der Zionistischen Landesorganisation. — Filmvorführungen: halb 11 Uhr vormittags im 18. Bez., .Hriskiyo", Rednerin Frau Dr. Nadja Stein; halb 12 Uhr vormittags im 19. Bez., Kino „Universum", 19. Bez., Sieverlngerstrah«, Redner: Dr. CH. Tartakower.