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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-12 · Heft 2859 (12.2.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2859 (12.2.1927)
Date
1927-02-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2850 Wien, Samstag Wiener Morsenzeitung 1L. Febr uar 1927 Veite S Tagesbericht. MW«ms, Iilettantismus, Seuilistonismus. Stet eedensnftaniK. Bon Arthur Schnitzler. Der berühmte Dichter hat jüngst im Verlag Fischer eine Schrift „D er G e i st i m K o r t und der Geist in der Tat" erscheinen lassen, -je das Gebiet des menschlichen Geistes analysiert. Mit Erlaubnis des Verlages veröffentlichen wir aus dieser Schrift, auf die wir noch eingehend zuruckkommen werden, den folgenden kurzen Abschnitt: Es kann in derselben Menschenseele eine bestimmte Eigenschaft zugleich als Begabung und als CHarakteran la ge und als fließender Seelenzustand vorhanden sein, z. B. gibt es zuweilen kritische Begabung iin Verein mit einer Art kritizistischer Charakteranlage (Nörgelsucht); oft genug gibt es eine solche Anlage ohne spezifisch kritische Begabung; oder auch wieder kritische Begabung ohne eigentliche kritizistische Charakteranlagc. Der Seelcnz u st and des Kritizismus wird sich unter den Repräsentanten der negativen Typen besonders häufig beobachten lassen, insbesondere wird er hier als fließender Seelenzustand Neigung Huben, sich zur Eigenschaft zu entwickeln, da er aus Minderwertigkeitsgefühlen, Eitelkeit und Ressentiment hervorzugehen Pflegt. Politiker, Journals st en, Literaten sind vor allem zum Seclenzustand des Kritizismus disponiert... Die Bezeichnung Dilettantismus gehört ja zu denjenigen, mit denen der Sprachgebrauch am willkürlichsten'zu verfahren pflegt. Bald bezeichnet man als Dilettanten einen Künstler von einer gewissen aristokratischen inneren Lebenshaltung, einen spielerisch angelegten Geist, dem es weniger auf die Vollendung des Werkes ankommt als auf die Schaffens- oder Spielfreude an sich. Manchmal wieder nennt man so irgendein mäßig begabtes Individuum, das sich an Aufgaben heranwagt, denen es nicht gewachsen ist, und das durch seine unbegründeten Ambitionen kläglich oder lächerlich erscheint. Der Dilettantismus als Seelenzustand hat mit dem Grad der Begabung nichts zu tun. Literaten sind dilettantischen Seelenzuständen weniger unterworfen (und müssen sich auch mehr vor ihnen hüten) als Dicht e r. Es gibteine Art von Dilettantismus, für den als richtigere Bezeichnung das aus der Psychopathologie geholte, in Laienkreisen wenig populäre Wort M a t o i d i s m ü s in Frage käme, ejn Zustand, der sich in Kürze als eine Verbindung von Schwachsinn mit irgendeiner spezifischen, meist künstlerischen Begabung in wechselnden Mischungsverhältnissen charkterisieren ließe. Es gibt Matoide, die gelegentlich wie bizarre Talente, andere (oder die gleichen bei anderer Gelegenheit), die wie Flachköpfe oder wie Narren wirken. Es gibt Dichter von hohem Rang, die zu manchen Epochen ihrer Existenz oder in Beziehung auf düs eine oder andere Werk dilettantisch eingestellt waren. Und es gibt anch Dichter, nicht nur Literaten, von dichterischer Begabung — die eine zweifellos matoide Anlage ausweisen. (Manche der sogenannten „verkannten Genies" gehören hieher.) Der Seelenzustatrd des Feuilletonismus gehört (im Gegensatz zu dem des Dilettantismus) zu denjenigen, die eine Affinität wohl nur zu den Typen des negativen Gebietes zeigen, und zwar besteht eine besonders starke Affinität des Seelenzustandes Feuilletonismus zur Geistesverfassung Journalismus. Das Charakteristische des f e u i l l e t o n i st i s ch e n Seelenzustandes: Mangel an Verantwortungsgefühl, Gleichgültigkeit gegenüber dem ,,Wesentlichen", Unsachlichkeit, Oberflächlichkeit; all dies prädisponiert natürlich bei Vorhandensein einer spezifischen schriftstellerischen Begabung zur Anwendung, resp. Beherrschung jener künstlerischen Form, die wir Feuilleton nennen. Es gibt Feuilletonisten von Beruf, es gibt auch Feuilletonisten von Begabung, die ihrem Seolcnzustande nach (manchmal zu ihrem Schaden) keineswegs Feuilletonisten sind. Es gibt Natürlich keine spezisisch dilettantische Begabung. Es gibt nur spezifische Begabungen irgendwelcher Art in Verbindung mit einer dilettantischen Anlage oder einem dilettantischen Seelenzustand. (Man kann den Beruf eines Feuilletonisten, aber nicht den Beruf eines Dilettanten ergreifen.) IN Toderopser eines Schneestmmer. Aus Tokio irntb gemeldet: Infolge eures Schneesturmes in den Provinzen Niigata, Toyarna mrd Fukni sind 103 Personen ums Leben gekommen. Zehn Personen werden vermißt. Mehr als 20.000 Soldaten sind gegenwärtig mit den Aufräumungsarbeiten längs der Eisenbahnlinien beschäftigt. An manchen Stellen liegt der Schnee 16 bis 18 Fuß hoch. zugrznsammenstak auf dem Warschauer Bahnhof. Aus Warschau wird gemeldet: Gestern abends stieß auf dem Warschauer Hauptbahn Hof infolge falscher Weichen sietlung beim Verschieben ein Güterzug mit dem zur Abfährt bereitstehenden Danzig er Personenzug zusammen. EinigeWagen wurden vollkommenzertrümmert. Drei Personen erlitten schwere Verletzungen. Unsere Aemworttötsel'Konkurrenz. Morgen Sonntag, Loginut di« „Wiener Morgenzeitung" mit einer großen Kreuzworträtsel-Konkiiorenz, für deren. Lösung wir besonders schöne Preise amsASsecht hahen, deren Erringung wohl in jedermanns Jntevesse Ml«gen schn dürfte. So betragt der e r si e Preis eine geschrrmckvoll zusaanmengestellte Bibliothek von 3 0V Bänden, der zweite Preis gestattet dem Gchoinnor, eine G r atisrejse nach Palästina zu unternehmen, während mit dem dritten Preis der Erwerb von fünf Du na m V o d e n i n Palästina verbunden ist. Außerdem stehen den restlichen Gewinnern — es werden iu sgesamt 50 P r e i f e a n s g e f e tz t — eine Reihe schöner Gewinste .zur Verfügung, so Dament o i l s t t e g e g e n st ü n d c, Herrengebranch^- a r t i k e l, Bilder, Nippes, Bücher usw. usw. 7 Der Kluge baut vor. Dies gilt besonder» während der gegenwärtig herrschenden Grlpip-e tut. Innuensfl Sanitätsbehörden und Aerzte empfehlen als bestes Vorbengnngsmittel strenge Hygiene. DIANA •MO FRANZBRANNTWEIN MIT M6MTHOL ist das beste Hausmittel zur rationellen Pflege der Atmungsorgane sowie des Körpers. Täglich mehrmalige Spülungen von Mund und Rachen, einige Tropfen dem Waschwasser beigegeben erhöhen die Widerstandskraft und stärken den Organismus Daana - rranzbranniwefln - ÜBERALL ERHÄLTLICH! Rekordjahr für Sonnen- und Mondesfinfteruiffe Das Jahr 1927 schlägt den Rekord in bezug aus Sonnen- und MLondesftnsternisse. Es gibt heuer' nicht weniger als drei Sonnenfinsternisse, davon zwei partielle und eine totale, sowie zwei totale Mott. desfinsternisse. Am 3. Januar gab es bereits die erste Verfinsterung, eine teilweise Sonnenfinsternis, dii: jedoch nur auf der südlichen Erdhalbkuge! zu sehen war; die zweite, ebenfalls nur in den südlichen Breiten sichtbare partielle Sonnenfinsternis wird am 24. Dezember stattfinden. Die totale Sonnenfinsternis am 29.Juni wird in Mitteleuropa bei günstiger Tageszeit zu beobachten sein. In Mitteleuropa wird an diesem Tage die Verfinsterung der Svnnenscheibe bis zu 87 Prozent ihrer Fläche betragen. Eine gleich bedeutende Sonnenfinsternis ist in Mitteleuropa seit 13 Jahren nicht mehr zu beobachten gewesen, und nach dem 29. Juni dieses Jahres wird eine Panse von 27 Jahren eintreten, bis wieder — im Jahre 1954 — eine so stärke Verfinsterung der Sonne zu sehen fein wird. Von den beiden totalen Mondesfinsternissen wird die erste — am 15. Juni — für Europa unsichtbar bleiben, da sie in den Vormittag fallen wird, die andere — am 8. Dezember — wird zur Nachtzeit erfolgen und in Europa gut zu beobachten sein. Ursache der Verdunkelung ist bekanntlich die Einhüllung der Mondkugel in den Schatten der Erde, eine Erscheinung, die erst nach vier Jahren — im April 1931 — wieder in Europa zu beobachten sein wird. Katastrophale Ausbreitung der Grippe in Bulgarien. Sofia. 11. Februar. Die Grippeepidemie in Bulgarien nimint weiter an Ausdehnung zu und fordert zahlreiche Todesopfer. Nach einer amtlichen Statistik sind in der vergangenen Woche 130.000 Grippeerkrankungen vor geko mme n, die Zahl der Todesfälle im gleichen Zeitraum betrug 2 85 5. Am schwersten heim-gesucht sind die Städte Vidin, Küstendil rmd Burgas. belegt ist, der aber nicht einmal weiß, was ein „Forscher und Gelehrter" auch daun wissen sollte, wenn er der Freund eines M. Juryg ist, daß schon „300 Jahve vor unserer Zeitrechnung" ein gewisser Alexander der Große Juden in dem „Nevouish all Aim" antraf, das andere Leute auch „Neru Schalem" abbeil-en könnten, wenn sie durclxms üNbriiMn wollten, daß sie wissen, was „Vision des Friedens" heißt; diesem Idioten M. de Laig'ue sitzt nun nicht nur der ehrliche M. Jung auf, sondern er knüpft daran noch mit Augenywilvkevn und väterlich lächelnd den Rat: „Die Zionisten täten „also" gut, nicht zu «st'hr ans .ihren historischen Rechten zu bestehen; Uobersetzer-, welche nichts von Geographie verstechen, ha'ben alles durcheinander. gebracht." («Seite 201.) Ganz unsere Meinung, Herr Jung. A pvopos: Sie, Herr Jung, haben doch auch van «den 16 Millionen Arabern geschrieben, die in Arabien leben, obwohl es dort n>ur 4 Millionen gibt, von denen die Hälfte keine Araber sind? Wie sagten -Sie doch... „Usbersetzer, die nichts von Geographie verstechen." * Ein- Buch eines anderen Franizosen, -der auch aus der Gegend von Tonlkiu seine politische Autorität «bezieht : Paul B l u y s e n, Senator von Frangösisch-Judien, schreibt über „Den Weg nach Indien" (Da Renaissance du Livre, istaris, 1986). Das Buch hat 212 Seiten; auf Seite 9 schreibt der Herr Senator, seine Reise habe einen Monat und einen halben ge-da-uert; er hat auf einem Dampfer die einzelnen Häsen des Mitteluwers besucht und nutzevdenl noch eine Reise nach Lberägyptvu und zurück absolviert. Und 212 Seiten Boobach'l'ungen, Herr Senator! Wer das doch auch könnte... Er beginnt (Seite 15) „O ddlce Napoli!" Ich blätterte rasch iveiter. Was M. Bluysen über Syrien und Lihauon sagt,-istoborftäMich. aber nicht unrichtig, daß er als Beweis, daß Frankreich die Situation beherrscht, awfiihrt, -er sei unibchellrgt von Beyrouth nach. Haifa gefahren, ist MovfWssig. Dann kommt er zur palästinensischen Grenge. Die sranzösiischen Gendarmen schütteln ihn: die Hand, die Engländer untersuchen peinlich genau die Wagen und das Gepäck. Und der Herr Senator, der aus einem von AuiMänden durchflammten Land kommt, bemerkt weise HS. 127): „die englischen Behörden spaßen nicht, mit gutem Grund. Man findet häufig Dynamitladungen, welche die Chauffeure ... verbergen. Das englische Mandat verteidigt sich." Wir wollen dam „in diesen. Dingen erfahrenen Torrristen" erzählen, daß das in den me-iisten Ländern so. ist.: tvenn man ans einem Land hmausg-echt, wird nrarr-nicht oder nur ,^ge-n'timmen«t" untersucht, kommt man in ein anderes hinein, aller streng. Auf alle -Fälle ist.es hübsch, wenn Herr Bluysen meint, daß die Eng-, länder mehr Uvsache hallen, sich vor syrischer Wa-ffeneinslchr g'll verteidigen als die Frangoson vor valästiiven fischer.Alber Herr Senator! - . lind nun kommen Zislsern. Wie traurig, daß unwr -hundert Orie-ntschriiststellern, die Ziffer rr schreiberl, nur ztvei oder drei ettvas davo-n verstechen. Jerusalem hat „unter 100.000 ElMvolhnern 75.000 Israeliten". Wie schön, ivenn das wahr wäre. (Es sind unter 73.000 Einwohnern voraussichtlich 42.000 Israeliten.) Die Beschreibung Jerusalems ist übrigens ebenso WHch wie einfach, vorn-chin, gut gesechen. Wir wissen, wie schwer es ift^. über Jerusalent zu schreiben, ohne gaschmacklos z»t werden rnid »vollen es Herrn Bluysen hoch anrechuon, daß. er das getroffen lMt. Und nun spr'vcht er iiber Zianisnms. Ebenfalls anständig, vornehm. Mit gewisser Sympathie. Aber... wieder.-die -unglücklichen Zissern! Nach einem U-ellerblick itller die zionistische Arbeit sagt er «wörtlich: „Was macht Jacob, werrn er mit Jerdbeam zu tun haben wird? Lia wird sich lange mit Rebecca vevstyhen? Mer wird den anderen auslfressen? Schon verfliegen die Illusionen, denn ... man zählt 80.000 Juden, die nach Palästina zurückgekeh-r-t sind... ans 40.000 Personen, die einigewandert und. wieder ansMoa-ndevt. sind. ' Sie konnten sich au manuelle und landlvirtschaftliche Arbeit nicht gewöhnen." Ach Gott, es blieben 100.000 Immigranten und nur 20.000 wanderten aus, aber... -M. Bluysen schl-ietzt sein Kapitel mit dem Wunsch ,/bonne. «chance, llonne chänee a tous, fils d'Jlsrael!" Arbeitet und „glau'bet"! Und so wollen wir rrns für diesen Wunsch bedanken und ich persönlich will Herrn Bluysen sogar verzechen, daß er aulf Seite 210 mich als Agenten ei-nes deutschen Komitees in Berlin, der in desse«m Die-nste die Revolution der Drusen unterstützt hat, der Oessentli«.t)keitvorstellt. Bonne chance, M. Blnys-en, arbeitet nnb glaiM! * Ein drittes Buch, das — glücklicherweise — von ganz anderer Art ist und das ich schon seit langer Zeit empfehlen wollte, sei n-nr mit wenigen Worten den deutschen Lchevn, die von der modernen Art des Drauslosischresbens nervös geworden sind, ans Herz gelegt: es ist eine neue Gesamtausgabe «des alten, präckitigen Heinrich Seidel, die von dein: Verlag Hermann Klemm, Berlin, herausigegeben «wurde (6 Bände, 30 Mark). Wer Seidel lesen kann, ohne ruhig und friedlich geistrmnlt zu werden, muß schon sehr nervös sein. Und wer sein wunderbares „Leberecht Hühnchen" ließt, ohne sauste Tränen alchsteigen zu fühleu, ohne mit sich, Gott uud der Welt so recht vo«in ganizrnr Herzeri zufriede-u zu «werden, ist ein Urunens'H. Und wenn ich Sei'del gerade hier und im Znsairumeuhang mit diesen Ovientschriststellern lobe mrd Müpfehle, dann ist es pure Dankbarkeit. Nach 100 Seiten Jung oder sonstige moderne, p-olitischc Orientliberatur gibt es nichts Schöneres, nichts Ber-uhigenderes als e>iit paar Seiten Seidel. Dann ^beginnt man verstehend zu lächeln,, statt zu schvmpsen und verzeiht sogar solchen Politikern,, daß sie Bücher über Palästina schreiben.

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