Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2538 (17.3.1926)
- Date
- 1926-03-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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i;r »I t t!?r r ' tt t mit, MMch Wlenrr MovserrzeMns 17. Mr; IM Nr. SW _ risset «n Werte sind. Mer der Historiker tarnt alle jem! Idräfte ausjcheiden, von denen er iveiß, daß s-e damit in keinem! Assammeeihaug sichen. Die Entwicklung der Juden Wiens und I Leperv^chs in dem abgeSmssenM Jahrhundert stcht nicht direkt im Zusammenhang mit dem DteigniS, das wir honte : .feie«. Gang andere KM« waren im Mniel. Das Judentum Chatte sich auch entwickelt, wenn vor hundert Jchren das Bethaus! der Seitenstettengasse nicht errichtet worden wäre. Wir »vollen > «ns heute nur mit diesem Ereigniis beschäftigen und betrachten, »inwieweit ti alB ei« geschichtliches bezeichnet »veröden kann. Diebe von Ihnen werden denken, daß ich in diesem Augendtick, in dem ich hier spreche, wo vor hundert Jahren die Syna-! goge hier eingeweiht wurde, irgendwie die FlügÄ der Geschichte! über mir Magen höre. Ich stehe hier als Vertreter des Juden tu ms und ein Jahrhundert der Geschichte kann mich nicht erdrücken. Denn mich heute besondere Gefühle erfüllen, jo äst es nicht deswegen, weil die Geschehnisse eines Jahrhunderts an mir vocke iziehen, sondern wckrl ich drei Jahrtausende Geschichte « mir und um mich sehe.. Das historische Ereignis, dos vor einem Jahrhundert Wirklichkeit wurde, besteht darin, daß die geüstigen Väter dieser Synagoge es ermöglicht haben, daß mau hier OK Mf lyraWe von ovK Jnyrmufettvm fühlerr kann, daß man hier den Zusammenhang si'chtt mit allen Geschlechtern, d:e vor uns waren und mit allen Jude» der Welt, die mit uns leben. Glauben Sie nicht, daß es Zusall war und daß dies so ganz leicht vor sich - ging. Vor einem Jahrhundert, als man daran ging, hier eine Synagoge zu erachten, da tvaren bei uns und in anderen.Teilen des deutsch» Judentums Kräfte am Werk, die rin ganz anderes Judentum hätten formen wollen als bas, das wir seit Jahrtausenden kennen -und in uns auMncmmen haben. Als Kaiser Josef der Zweite sich mit dem J-udenprcblem zu beschäftigen begann, hat er dies nicht wie die wirklich freien Fürsten und Völker getan, wie es etuva in FoantrÄch und Engband noch der Revolution vor sich ging. Der «sgeklLrte AbsoluVismaS Josefs des Zweiten und seiner Nachfolger wollte jeden Schritt des jüdischen Volkes überwachen. Wir durften keinen Schvitt ohne Aussicht der Behörde machen. Als geisthgm Wächter — fast möchte ich sagen —, als Wärter unseres geistigen Gefängnisses, schickte man den Jünger Mendelsohns. .Herz Homberg nach Wien, der das Judentum mit der ganzen Stärke seines Temperaments haßte. Er'war der Berater der Regierung und hatte dafür zu sorgen, wie man die Juden von amtswegrn zu Menschen macht. Er' wollte den jüdischen GotteÄ-iLnst ganz dem Zeitgeiste änpassen, das Hebräische streichen und deutsche Gebete eiwführen. Man'hat es damals nicht verstanden. und viel« verstehen es auch heute noch nicht, was es hieß, diese Aenderungen hier üt.ber Burg des Judentums im EM durchzuführen. Mm sagt, die Juden unserer Zeit verstehen die hebräischen Grbetze nicht mehr und sie Hecken auch Miz andere Gefühle und Gedanken als die waren, die sich in unseren Gebeten spiegeln. Hätte mm diesem Geiste Rechnung getragen, jo gäbe es nicht nur ein modernes Sidur, sondern rs müßte genau so viele geben, als es jüdische Menschen gckt. Was hier gebetet wurde, warem nicht Gebete einzelner Juden, es waren Gebete «ud Stimm-ungeu des. ganzen jüdischen Volkes. Jeder, der in dieses Haus kqmmt, muß sich hier heimisch Men, woher auch immer er komme. Hier, in der Synagoge darf man nichts Neueschassen, Hier muß man nur abstauben. Sonst wird da- Band zerrissen, das uns mit den Jahrtausenden verbindet und das ML nÄ tat Millionen Juden ver- Eine entschiedene Verschlimmerung in der Lage der Juden in der Provence entstand im vierzehnten. Jahrhundert (gegen das Jahr 1343), gerade als an der Spitze der christlichen Welt der aufgeklärteste der Päpste der Avignonschm Periode, Klirnent der Sechste, stand. Die Ursache war die ausgebrochene Pestepwemie, gegen die als bestes und wirksamstes Bskämpfungsmittsl Judenpogrome gepredigt wurden. Denn die Pest war natürlich nichts, anderes als eine Mache der Juden, die in ihrem Bestreben,, die ganze christliche Welt auszurotten, die Brunnen in allen Städten und Dörfern vergifteten. Die Menschenfreunde. jener< liebenswürdigen Zeiten, die in der Ersorschmtg der Ursachen aller Ursachen nicht weniger schlau waren als ihre Epigonen aus diesem Gebiete, warm sogar imstande, alle.Details dieses teuflischen Planes auszukundschaften und bekanntzugeben. Die Direktiven sollen aus Toledo gerichtet worden sein. Der bekannte Christenhassrr Jakob» PaSkat« sei zu diesem Zweck mit einer ganzen Schar tüchtiger Agmten abkommandiert worden. Pastate sei mit seinen Helfershelfern nach Chamberg (Savoyen) gekommen, wo er bewährre Mitarbeiter in der Gestalt des dortigen Rabbiners, Peiret, und eines reichen Juden, Abognet, fand. Bon hier aus haben sich die Brunnenvergifter in alle Städte der Provence zerstreut, wo sie überall den Tod säten. Sogar die Zusammensetzung des Giftes, das die Pestkrankheit verbreitere, wurde festgestellt. ES war eine Mischung von Spinnen, Fröschen, und Eidechsen, vermengt mit Unterteilchen christlicher Herzen und Hostienbrotteigs. Diese Beschuldigungen genützten. Eine jüdische Gemeinde, die in einem malerisch gelegenen Dorf bei Carpentras wohnte, wurde in einer Nach! ganz ausgerottet. Tag und Nacht fing man, wo man sie nur fand, Juden «in, zu zehn, zu hundert, Männer, Frauen und Kinder, ertränkte und mordete sie. Die milde Strafe des .Lerknallens" wurde für ein« Zeitlang abgeschafst. Der humane, aufgeklärte Papst Klimerrt der Sechste, dessen Schulden an die Jude» damals schon viele zehntausend , STOCK ncinbrand: ECHT aus naturechten, besten Weinen ün amtlich plombierten Flaschen (Erlaß des Ackeibauministeriums ZI. 16199/474 ex 1904) Gegen Grippe bestbetuährt ÜBERALL ZU HABEN 1 bindet, die ln allen Teilen der Welt leben. Wir fomten cnrflstischen, bas Chaos lichten, aber das Wesentliche muß bestehen bleiben. Vor hundert Jahren bestand di« Gefahr, daß dieses Band, das uns mit den Juden der ganzen Welt und mit den Jahrmusanden unserer Geschichte verbindet, zerrissen wird. In gewissen Teilen des jüdischen Volles ist es zerrissen worden. Hier in dieser Synagoge aber hat man es verstanden, nichts zu untern chmen, was irgendwie den Zusammenhang mit der jüdischen Geschichte oder mit der jüdischen Gesamtheit unterbricht. Es ist schwer, ein Prophet zu sem, aber träumen, hoffen und wünschen dürfen wir alle. Wir können träumen, wie es nach hundert Jahren se>in wird. Wir hoffen und wünschen, daß nach hundert Jahren ■ das Zentrum des Judentums 'm Palästina sein werde und daß Juden ans der ganzen Welt treu ergeben ihrem Judeutum dort znsanmwnkommen. Eingang bieser Synagoge steht der Psalm: Tretet ein durch dieses Tor sini: Dankbarkeit, kommet in diese Hallen dos Lobes. Wir empfinden diese Dankbarkeit für die Menschen, die vor hundert Jchrcn diese Synagoge m i t dem Geiste des Judentums erfüllt habon, der sie heute noch erfüllt. Wir sind ihnen dankbar dafür, daß sie diese Brücke zwar nicht geschaffen, aber aufg-ssrischt haben, die von der Vergangenheit znr Zukunft führt. Auch spätere Geschlechter werden diese Brücke trogfthig finden und ruhigen und sicheren Schrittes darüberigchen." Mit dein Einheiten der Thorarollen schloß die eindrucksvolle Fei?f. GedenVrnrsstelluwg zur Hunverdjachrfercr des Wiener Stwdttempels. Iw Jüdischen Museum, welches durch das „Wiener Zimmer" eine ständige Uebersicht über die Entwicklung dor Judengöschichte Wiens bietet, hat der. Kustos Dr. Bronner aus Anlaß des hundertsten Gedenktages der Gründung des Stodttempols eine bescheidene Ausstellung zusanrmengsstellt. Es konnte mit den Objekten der Musoalfammlungeu, Paramenten, Urkunden, Akten, Porträts und Reliquien bedeutender Persönlichdoiten erziÄ werden, daß dem Beschauer eine Belehrung über hundert Jahre jüdischer Gemeindegeschichte Wiens vermittelt »vird. Allerdin-gs i-st es bedauerlich, daß der nrßprüngkich« Plan des Museums auf Vereinigung aller diesbezüglichen Gegenstände, die sich im Archiv und in der BMiothrk der Israeli tischn Kultusgemeinde befinden, aus unbedeutenden Gründen tan dem Vorstände der Kultusgemeinde abgelehnt wurde. Nichtsdestoweniger sieht man in dor Ausstellung des Museums einiges Schöne und Interessante. Hervorzicheben ist insbesondere ein stimmungsvolles Pastellgemäide der Innenansicht vom Seiten st et tentempeil, eine Arbeit der bÄannten Wiener Malerin Frau Rega Kreibl, geb. Wnterbevg, die durch Zeichnungen Wiener Äirchm ri'chmi'ichst bekannt ist. Der Besuch der Ausstellnntz ist lehrreich und empfehlenswert. (Samstag und Sonntag van 11 bis 1' Uhr bis Ende Apriil.) Florins erreichten, übernahm ihre Verteidigung mittels Bullen, für die jede jüdische Gemeinde nach ihrer Zahlungssähigkeii zu zahlen hatte, wandte sich an die christlichen Gefühle der Bevölkerung, dichte ihr mit harten Strafen, mit Zlusschließung aus der Kirchengcmeinschaft für die Verbreitung falscher Gerüchte und sinnlosen Aberglaubens. Und es gelang ihm schließlich, diese grausamen Metzeleien einzustellen. Das erlntene Martyrium machte den Juden alles, was daran erinnerte, zu heiligen Reliquien. Als das Ghetto in Carpentras schon längst abgeschafft tvar und auch das Tragen des Radabzeichens auf der Brust und der Frisur mit Hörnchen nicht mehr obligat war, wollten die Juden noch ürnge nicht auf diese Sondermerkmale Verzicht.:» und dis Ghetto mit seinem im Winter und Sommer finsteren Gaßchen nicht verlassen. Im neunzehnten Jahrhurrdert mußte nran sie mit Gewalt aus dem Ghetto delogieren. Es blieb aber noch durch sehr lange Zeit die heißeste Sireitsrage zwischen den konservativen und aufgeklärten Elementen der Gemeinde, ob das Radabzeichen, die Erinnerung an die Jahrzehnte des Martyriums, beizubehatten sei. Für die ersteren galten sie als ein von Gott gegebenes und gebotenes Ionderabzeichen; ein Verzicht daraus war also gleich einer Verneinung des Glaubens der Väter und Verrat. Was aber die Frisur mit Hörnchen ans den Zöpfen anlangt, so stand sie den jüdischen Schönen so gut zu den ovalen wie aus Elfenbein geschnitzten Gesichtern — die alten Chroniken und Legenden der Provence sprechen sehr oft und sehr viel von dem Zauber der jüdischen Frauen —, daß keine der von den Juden später errungenen Freiheiten diese Frisur, di« einst als Zeichen der Erniedrigung und Berstoßenheit ihnen auferlegt worden war, abschaffen konnie. Im Gegenteil,' die hohe Frisur und die Zöpsehörnchen (Kränchen) wurde im neunzehnten Jahrhundert herrschende Mode. Und nicht nur in der Provence. Schuberts 91 Psswlm. Wir erhalten folgende Zufchr-ft: Geehrte Redaktion! Sie haben in einem Artikel Dr. Leopold Thalers des Whkbns Salcmon Sulzers gedacht Daß 1826 bei der Eröffnung des Tempels in der Seitenstettengasse eigens komponierte Söerte von nicht jüdischen Künstlern anfgeführt »müden (Drechsler zmn Beispiel) ist mchrsach erlrähnt tvorben. Dagegen scheint es ganz in Vergessenheit geraten zn sein, daß Frairz Schubert, allerdings erst im J»M 1828 (kr»rz vor seinem Ende) für Bullzer und diesen Tempel feinen 92. Psalm geschrieben hat, für zwei Bariton-, je eine Sopran-, Mt- und Baßstimme. Er erschien zuerst irr der Sannnlung „Tchir Zion". Der Text Schuberts war der hebräische, und die llebersetzung von Wirlh (?) wurde erst der Musik angcpaßt. Das verschollene Manirffri'pt soll früher bei Dulzer .cwircsen sein, dessen Sohn darüber nichts wußte. Vielleicht findet -'s sich doch rwch im Archiv der Gemeinde? Eine Aufführung aus Anlaß des hundertjährigen Jubriläums wäre sehr passend gewesen. Hochachtungsvoll Otto Erich Deutsch. Hundert Jahre Wiener Stadttempel heißt das Sonderheft der Zeitschrift „Menorah11 mit Beiträgen von Prof. Dr. S. Ehrmann, Prof. Dr. Max Efsler, Dr. N. Rosenmann, Ludwig August Frankl, Josef Wertheimer, Dr. Moritz Rosenfeld, Betti Paoli, Dr. H. P. Chajes, Dr. Max Grunwald, Dr. Jakob Bronner, Leopold Kompert, Paul Wertheimer, Dr. Alexander Kristlanpoller 30 Bilder auf Kunstdruck und Im Text Broschiert S 1,50 Gebunden S 5.— Buchhandlung R. L&wii, Wien I., Rotenturmstrafte 22 Inland. dar Annktlm zwischen Mietenaufwertvug «ad Kleinrentnersonds. Im Klemrentner-Uuterausschuß gab Dbg. Hölzl die Erklärung ab, daß die neue Regierungsvorlage für die Sozialdemokraten solange indiskutabel erscheine,^als darin Bestimmungen enthalten sind, die mit emer Abänderung des Mietengesetzes zusammenhängetk. Abgesehen von dem hier in Betracht kornmenden § 19 der Vorlage, dcr das Junktim -zwischen Kleinrentnergesetz und Aufwertung der Mieten enthält, gebe auch der Schlußparagraph, der den Grundsatz r o n e i st Krone" gesetzlich festlegen will, zu den ernstesten Bedenken Anlaß. Berichterstatter Dr. Schumacher gab die Anregung, die Beratung dieser beiden beanstandeten Gcsetzesstellen vorläufig zurückzustellen, da der.ganze übrige Teil der Vorlage urrabhängig hievon in Beratung gezogen werden könne. In einer längeren Debatte wurde die Anregung des Berichterstatters als eine geeignete Grundlage für die weiteren Verhandlungen bezeichnet. Die Vertreter der sozialdemokvatsschen Partei behielten sich jedoch vor, spezielle Beschlüsse ihres Klubs emzuholen. Bei den folgenden Verhandlungen soll der Gegenstand in drei Gruppen behandelt werden, welche folgende Fragen betreffen: 1. Wer hat zum Kleinrentnevfonds beizmragen? 2. Wer hat Anspruch auf Beteilung aus dem Kleinrentiterfonds und wie regelt sich die Bertei'lupg? 3. Regelung der Leibrenten auf Grundlage der bekannten Entscheidung des Obersten Gerichtshofes. Nach Beihandlung dieser Gruppen würde noch die Erledigung des § 19 sowie des Schluhparagraphen offenstehen. Die nächste Sitzung des Unterausschusses wird am z'iveiten Tage nach der übernächsten Haussitzung stadlsindeu. Rückgang drr «rbellrlofigkett in Wie«. In -er ersten Hälfte des Monats März ist die Zahl dpc Unterstützten in Wien um 4102 auf 9 3.2 9 3 z u r ü ckgegangen. Gegenüber dem Vorjahre ist der Stand der Unterstützten um 13.9 6 0 g r ö ß e r. In dieser Zahl ist die Zahl der im Bezüge der außerordentlichen Beihilfe stehenden Arbeitslosen nicht eingeschlossen, welche um 210 auf 5131 zurückgegangen ist. Eine Besserung zeigt sich vor allem in der Schnei^rei, und zwar sowohl in der Maßarbeit als auch m der Konfektion, ferner bei den Modistinnen ulid in der Wäscheerzeugung. Eine leichte Verschlechterung zeigt sich in der Mühlenindustrie, fortdauernd ungünstig beschäftigt ist die Zuckerwarenindustrie. In der mechanischen Industrie schreitet die Besserung fort. Eine kleine Besserung ist auch bei den Taschnern und Ledergalanieriearheitern zu verzeichnen. Sin vrnbrnhuud in der „Reichepoft". Das christlichsoziale Regieriingsorgan, die „Reichspost^, ist in seiner Kampagne gegen den rePublAnischen Schutzbund einem Spaßvogel böse hereingesallen. Gestern brachte es im Anschluß an zwei Preßgesetzliche Bericht-igungen dieses Bundes ein« saksimilievte Liste von Ausrüstungsgegenständen, die die subversive Tätigkeit der Schutzbundleitung beweisen soll. Die Liste beginnt mit Leibchen und endet mit Revolvertaschen. Di« Anfangsbuchstaben der ausgezählten Gegenstände ergeben -a- Wort ^Leichenschände^.