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Wiener Morgenzeitung · 1922-10-22 · Heft 1328 (22.10.1922) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1328 (22.10.1922)
Date
1922-10-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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In ihrem letzten Wahlaufruf verlangen sie eine ständige nationale Mehrheit im Sejm und Senat und fordern auf, die Herrschaft der mit den Deutschen und den Juden verbundenen Linken zunichte zu machen. Die Wahlen in Ortgalizien. Lemberg, 19. Oktober. (Tel. der „Wiener Morgen- Zeitung".) Das Komitee der Vereinigten jüdischnarwnalcn Parteien veröffentlicht folgende Kandidatenliste für die Sejmwahlen im. Wahlbezirk 53 (StaniSlaü-Kowmea- Smatyn): Dr. Leon Reich, Dr. Heinrich Rosmarin, Karl Eisenstein, Dr. David Schreiber, Dr. Abraham Jnsler, Rosa Melzer, Dr. Simon Federbusch. Korfsrrty hetzt? Warschau, 19. Oktober. (I. C. B.) In erner Rede im oberschlesischen Sejm warnte Korfanth die Deutschen Oberschlefiens vor einer politischen Verbmvung mit den Juden, da ein solcher deutsch-jüdischer Block als polenfeindlich angesehen werden müßte. Litauen. Gefährliche PoaroMaaiLaLion. Kowno, 18. Oktober. (I. C. B.) Ermuntert durch die allgemeine Unzustiedenheit infolge der durch.die Einführung der nerren Valuta steigenden Teuerung entfalten dunkle Elemente in der Stadt Wilkomir eine blutrünstige Pogromagitation. In allen Straßen der Stadt wurden Proklamationen affichiert, in welchen den Juden Litauens die Schuld an allem Unglück des Landes zugeschrisben und die litauische Bevölkerung.aufgefordert wird, an den.Juden, die als Bolschewiken, Spekulanten,, Blutsauger tituliert werden, den „Zorn des allmächtigen - Gottes" auszufühven. Die Proklamation trägt die Unterschrift: „Geheimer Bund zur Reinigung Litauens von Juden." Diese Plakate haben ihre Wirkung nicht verfehlt. In der Stadt herrscht Pogromstimmung und die jüdische Bevölkerung lebt in Panik. Jüdische S o l d a t e n der Garnison Wilkomir haben unter Protest des aufgehetzten Pöbels, oft unter Lebensgefahr, die Plakate entstrnt. Das Ministerium für jüdische Angelegenheiten intervenierte wegen dieser Vorfälle beim Gesamtministermm. Die Lage wird in Mischen politischen Kreisen deshalb als besorgniserregend angesehen, weil im. Zusammenhang, mit der Wahlniederlage der bis jetzt herrschenden Partei der Christlichen Demokraten die Autorität des mäßigen und taktvollen Premierministers G a l v a- -nowsky geschwächt ist. Mener Morgerrzermng. Rücktritt Sir Wyndham Aeed«? . Löndon, 19. Oktober. (I. C. B.) „Daily Mail" veröffentlicht eine Nachricht ihres Korrespondenten in Kairo, daß Sir Gilbert Clayton, zuletzt Rat beim ägyptischen Ministerium des Innern, zum N a chfolger Sir Windham Deeds als Zivilsekretär in Palästina auserseyen sei. -- <Schon - vor. einigen Monaten wurde, berichtet, daß Sir Wyndham Deeds seinen-Posten als -Zivilsekretär der palästinensischen Regierung zu verlassen beabsichtige, daß er jedoch dazu bewogen werden konnte, noch einige Zeit in Palästina zu bleiben. Sir Deeds, der auch den . High Commissioner währendseines Aufenthaltes' in-Europa vertrat, hat sich stets, als warmer Freund der zionistischen Forderungen erwiesen.) . SS.' Oktober *r.lS2* AAgoflavie«. Der FirranMinisLer über die SLabilisierung des Dinar. - Belgrad, 21. . Oktober. (Tschecho-slowakifches Preß-. bureau.) Der Gehilfe des Finanzministers P l a v c i t legte in einer gestern im Börsensaal abgehaltenen Versammlung von Vertretern der Industrie und der Kaufmannschaft die Politik der Regierung in bezug auf die S t a b i l i s i erung des D'inarkurses-dar, wobei er ausführte,, der Leitgedanke des .Devisenhandels müsse. das Prinzip sein, die Einfuhr durch die Ausfuhr zu decken. Aus, diesem Grunde, fuhr der Minister, fort, ist eine Kontrolle der Ausfuhr, besonders aber der Einfuhr, unerläßlich. Durch eine entsprechende Einschränkung der letzteren kann die Valuta stabilisiert werden. Auch muß mehr Gewicht auf die Ausg e st a ltung b e st e h e n d e r I n d u st r i e n als auf die Errichtung neuer Unternehmungen, gelegt werden. Im August dieses Jahres beliefen sich die Forderungen, des Auslandes gegenüber Jugoslaiwien auf. 750 Millionen Dinar; durch die Einschränkung der Einfuhr haben sich diese Forderungen vermindert und der Dinar konnte sich bis zu einem gewissen Maß erholen. Allerdings trug hierzu auch der Verkauf vo aus der Ausfuhr gewonnenen Dollar bei; doch ist das diesbezüglich zur Verfügung stehende Kontingent noch lange nicht erschöpft. Außer provisorischen Maßnahmen muß indessen auch an die Aufstetlunng eines wirtschaftlichen Programms, insbesondere an eine gründliche Steuerreform und eine Verbesserung des Verkehrs gedacht werden. Um! der: Handelsverkehr heben zu können, muß sich die Kaufmannschaft wieder mit einem/ normalen Gewinn von 20 bis 2o Prozent begnügen,-nicht aber Gewinne von Hunderten von Prozenten anstreb>/n, wie es gegenwärtig vielfach der Fall ist, Die Devisen werden in erster Linie fiir die Ernährung und Bekleidung der Bevölkerung und für die Beschaffung von Rohmaterialien für die Industrie bewilligt werden. Um einen genügenden Devisenvorrat zu besitzen, läßt der Staat durch die'Notenbank Devisen ans den Börsen anfkaufen. Die Regierung strebt an, den Dinarkurs auf der Züricher ^'irse mit acht bis neun Schweizer Centimes zu. stabilisieren. RNNÄfchKN. Error AbduLah irr Regelung des Verhältnisses zwischen Transjordanien und Palästina. London, 20. Oktober.. (I.: C. B.). Der Emir von Transjordanien Abdullah (bekanntlich der Zweitälteste Sohn des Königs Hussein von Hedjas und der ältere Brrn der, des Königs Feisnl von Mesopotamien) ist soeben ist! ^London eingetroffen, wo er als Gast der englischen Req gternng weilt. - -; *■ Die Anwesenheit des Emir Abdullah in London wird: von der englischen Regierug dazu benützt werden, um eine .Reihe mit Mesopotamien zusammenhängender Fragen zw regeln, so 'unter anderen die der Verteilung der Gebühren /für die im Hafen von Palästim gelöschten Waren auf Palästina und Transjordanien nach einem entsprechenden Schlüssel, die genaue Festsetzung der Gvenzlinie zwischen Palästina und Transjordanien; ferner das Benutzungsrecht der Haifa-Damaskus-Eisenbahnlinie auf der Strecke zwischen Semach am Naza:« thsee und Nasib, wo die Linie -in das transjordanische Gebiet übergcht- . / Bei Besprechung des Besuches des Emirs Abdullah tit London bemerken die „Times" mit einem gewisien Sarkasmus: „Die Offiziere - der britischen Armee in Lransjordanien sind alle mit einer einzigen Ausnahme Araber auch die Zahl der englischen Beamten in der Umgebung des britischen Vertreters Mr. Philby sowie rm Dienst des Emirs Abdullah selbst ist nur klein. Als Entgelt dafür ist der englische Name in Transjordanien viel weniger unpopulär als in Palästina oder in Mesopotamien und das Wort „Mandat" ist. dort nicht zmn Schreckgespenst geworden" AmöWski tittft PaderewskL Laltgestellt. Warschau,. 20. Oktober. (Tel. der „Wiener Morgen- Leitung".) Großes Aufsehen hat es hervorgerufen, daß die Nationaldemokraten auf ihren Kandidatenlisten weder den gewesenen Premier Paderewski noch ihren geistigen Führer D m o w s k i ausgestellt haben. Wie in maßgebenden Kreisen verlautet, hat Roman Dmo.wski infolge einer seit mehreren Monaten anhaltenden Kranlhert auf die Kandidatur vernichtet. Die Gegner der Nationaldemokraten verbreiten das Gerücht, daß Roman Dmowskr an einer Gehirnparalyse leide und ihn von den Aerzten die Teilnahme am, politischen Leben verboten wurde. Bezüglich der Kandidatur Paderewskis vermutet man, daß er (Paderewski) absichtlich nicht kandidieren will, Werl er von feinen Parteigenossen bei der letzten Präjidentschaftswahl als Gegenkandidat des jetzigen Staatschefs PilsudsH aufgestellt worden war. Die Eeldüberweisunge« »«ch Nutzland. Wie das Berliner I. C. B. erfährt, haben in der letzten Zeit Mischen «den Vertretern des JdgeKkom (Jüdisches gesell-" schaft'liches Komitee rn Rußland) und den jüdischen Entigrationsg^ellschafteu in Berlin Verhandlungen über die Form der G e ld übe.r w e i s ü n g nach Rußland stattgefunden. Die V'?> hM!dlrmgen sind vorläufig ergebnislos verlausen, da die Bedingungen Jdgeskom von der Gegenseite als zu belastend abgelchnt wordm sind. - . ' V Bekanntlich sind bis jetzt Geldüberweisungen nach Rußland ausschließlich 'durch die russische Staatsbank vollzogen worden, wobei die Staatsbank 6 Prozent Provision tu Ll'bzug gebracht hat. Die Vertreter der Jdgeskom teilten nun ssiiit, daß die Staatsbank Geldüberweisungen der jüdischen Enn- Ztationsgesellschaften nicht mchr entgegennehmen wird, daß jedoch das Jdgeskom solche' Uckberwoisuugen übevinitteln wolle. Da aber die Jdgeskom-Bertreter außer den 5 Prozent Provision d^r Staatsbank noch mindestens eine Vergütung von 8 Prozent dss überwiesenen Betrages für das Jdgeskom beanspruchten, wurden die Verhandlungen als aussichtslos abgebrochen. Die Vertreter der Emigrations-Organisationen erblärtcn sich außerstande, die Bedingungen der Jdgeskom-Bertreter zrl erfi'rllen. Raglan; orig. engl, von K 475.000 aufwärts, feine Herrengarderoben modernste und gediegenste Qualitäten in reichster Auswahl enorm billig* Eigenes Atelier fiir feine Massbesteüungen. Zahlungserleichterungen werden ohne Preisaufschlag gewährt. Samstag geschlossen. VH. Kaiserstr. 40 Telephon Nr. 36-1-66 sich mit der Geschichte des Dorfes eingehend befaßt und stellt uns in liebenswürdiger Weife mit, daß Tribuswinkel stange Zeit nicht nur für Jrrden, sondern zur Zeit der iGegenreformation auch für Protestanten ein Zufluchtsort war. Von ihm erfahren wir auch, daß in Tribuswinkel noch im 17. Jahrhundert eine Judenansiedlung in dem Mßchen bestand, das bis vor kurzem „Judengaffe" hieß >und jetzt den Namen „Wassergafse" tragt. Die vornehmeren -Juden tvaren in dem der Herrschaft gehörigen „Sängerhof" eingeinietet, wo sie auch eine Synagoge hatten. An einer Stelle in der Nähe des Schwechatbaches, der durch den Ort fließt, hatten die Inden einen Friedhof; noch heute ist diese Stelle in der Kataftmlmappe mit „Judensriedhost^ bezeichnet. Herr Roth zeigt uns eine Stelle in einem .Urbarmm aus denr Jahre 1663, in der unter anderen ^Äiebigkeiten verzeichnet ist: Schutzgeld von der Judenschast: In Tribuswirckel befinden sich derzeit 14 Paar Juden. Reicht jedes Paar jährliches Schutzgeld 5 st. und eineinhalb Psttnd Pfeffer. Die Juden, die in herrschaftlichen Zimmern wohnen, jährlich 46 st. dazu 10 st. Shnagogengeld, jährlich 10 st. zum neuen Jahr 3 Pfund Zucker und 12 Lemoni, bei der Richterwahl 1 Pstnrd Pfeffer, Sterberecht von alten Leute:: 1 st. 30, von Kindern 45 Kr., Heirat 1 st. 30 Kr. und 1 Pfund Pfeffer, mehr-von jedem Ochsen die Zunge." Vom Judenfriedhof konnten wir kein Spur mehr Archen und so war es uns nur möhr möglich, die Häuschen 'der ehemaligen Judengasse zu besichtigen, die jetzt vom Proletariat des Dorfes bewohnt werden. Vor unserem! geistigen Äug? sahen wir die Juden, die hier vor 260 Jahren 'hausten uttd samt dem übrigen Inventar von einem Güts- Herrn an den anderen übertragen wurden. Sie mußten froh sein, wert» nuan sie tagsüber in Baden ihren Geschäften'nachgehen, den Bedarfihrer Herrschaft an Kolonial- - waren herbeischasfen und im übrigen in ihrem Winkel ungeschoren nach ihren Gesetzen leben und sterben ließ. Mr kehren nachdenklich nach- Baden zurück^ Mein Freund erklärt, daß ihm-die Lust zur Pflege der Körperkultur in einer Umgebung, die gierig nach jüdischen Blößen sucht, vergangen sei, und ich muß ihm versprechen, ihm uuch einen Ort zu zeigen, der nicht bloß durch die Schatten der leidvollen Vergangenheit, sondern durch die Arbeit der. Gegenwart zu unserem Besitzstände gehört. So wandern wir denn auch am nächsten Tage durch das schöne Helenental nach Alland, wo einer meiner Freunde seit tttrzem als.'Arzt tätig ist. Unterwegs spreche ich davon, wieviel Geld dem Wiederaufbau von Erez Jisrael -zugeführt werden - könnte, wenn der österreichische- Jude sich mit Sommerreisen, nach meinem Rezept begnügen und das erübrigte Geld dafür verwenden wollte, künsügen Generationen die Schmach zu ersparen, die den vergangenen und auch der gegenwärtigen beschieden war. Ganz anders stünde es dann auch um unsere nationale Selbsterziehung, wenn so lebendiger Kontakt hergestellt wäre zwischen unseren Gemeinden und zwischen uns und unserer Geschichte. In Mayerling rasten wir ein Weilchen. Hier hat sich das Drama des Kronprinzen Rudolf-abgespielt.. Ob wohl die Weltgeschichteeinen anderen Verlauf genommen, hatte, wenn dieses Ereignis nicht eingetreten wäre? Jetzt hüten Nonnen den-Platz. Dann-kamen wir nach Alland und besuchten die bedeutendste Lungenheilstätte Oesterreichs.' Viele - hunderte' 5^ranke verdankten und verdanken noch die Wiederherstellung ihrer Gesundheit und Arbeitskrast - den . jüdischer; Aerzten dieser Anstalt und der beispiellosen Hingebung und' Tatkraft einer einzigen Frau, einer Jüdin, die allein ein Serk wiederbelebt und erhalten hat, das die „vereinten .Mäste" eines ganzen patriotisch-adeligen Vereins nach den: Versiegen der Ordensquellen hatten fallen lassen. Die Erhaltung dieser Heilanstalt verdiente in den Annalert unserer Geschichte als wahrhaft jüdische Tat festgehalten zu werden,. und wenn unter den Töchtern Israels eine Deborah und Judith ob ihrer Heldenhaftigkeit und eine Bernriah oder Ehanah ob ihrer Frömmigkeit geM)mt werden, so wird d-r jüdische Sänger einst Mlserer Zeit- und Weggenossin, Frau Henriette Weiß, die Palme reichen, da sie ein frommes. Werk mit Heldenmut vollbracht. Aber auch noch eine andere trostreiche Kunde ward uns in Alland. Alan erzählte uns, daß einst die jüdischen Patienten der Heilanstalt an einem Feiertage nicht wußten, woher sie Kiduschwein zstm gemeinsamen Gottesdienste nehmen sollen. Ta. stand ihnen der katholische Anftaltspriester, der in Palästina ge- M und dort jüdische Art . kennen gelernt hatte, hilfreich M und. ermöglichte ihnen die Beschaffung des Weines. Das griffen um jüdisches Leid und jüdische Arbeit und der Geist prophetischen Heldentums im wiedererstehenden Lande der Pater zwingen auch den Gegner in ihren Bann. Die Arbeit des bewußten Judentums muß auch der feindlichen Umwelt Perständnis für unsere Eigenart «bringen und leistet dsimit. der Volkorversöhnung einen unschätzbaren Dienst. Gingen mehr Juden, wenn sie in Baden. Tage des Gcnießens verleben, aus eine Stunde nach' Tribuswinkel spazieren und mehr Nichtjuden, weint sie im Heiligenkreuzer ^tiftskeller -einen güten Tropfen kosten, nach ' Wand, wahrlich,' es ginge ‘manches besser! * ß- Mow L. Moses.

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