Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1922-10-22 · Heft 1328 (22.10.1922) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1328 (22.10.1922)
Date
1922-10-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2980129-2980408--12596-2999162
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

..." ' v.y SWMWM^ Ar. 1328 Men» sonmag Merker Vrorgettzerrung. Ü M ü D CII-SPEZIALFIRMA I H f r E H SEPPRYPLO iBBgMS^^ Papier- und Pappenfabriken-Niederlage ENGROS » WIEN, VII. STIFTGASSE 5-7S^.« 1'V, ) , > ' ' LS', onrirarr iwrs >Delke v kHv8L-(MSZ88ö) Psppsn Patent (braune) Papp en Grau pappe n Papiereilürlrt - Papierwaren EXPORT TKgesbZricht. Steu&en Drainins sechzigster Geburtstag. Heute feiert der hebräische Schriftsteller Re üben Brainin seinen 60. Geburtstag. Brainin gehört zu den ältesten noch lebenden Pionieren der neuhebräischen Literatur. In seiner Jugend schloß er sich dem Vorkämpfer des nationalen Gedankens in der hebräischen Literatur Perez Smolenski an. Unter seiner Leitung begann er seine ersten literarischen Arbeiten. Lagere Zeit schrieb er Artikel im Haschachar. Anfangs der Neunzigerjahre entschloß er sich zur Herausgabe einer hebrärsch-literarisch-wissenschaftlichen Zeitschrift, die er in Wien unter dem Namen „Mmisrach umimaaraiw" (von Ost und West) hevausgab. Die Zeitschrift erschien in mehreren Heften und zählte zu chren Mitarbeitern namhafte Vertreter der hebräischen Literatur und Wissenschaft. Brainin widmete sich sodann der Journalistik und bereichert fast sämtliche hebräischen Tageszeitungen, Wochenschriften und Zeitschriften mit seinen literarischen Arbeiten. In der nouhebräischen Bewegung spnlte Brainin eine führende Rolle, indem er an der Organisierung, hebräischer Sprachvereine, die sich die Verbreitung der hebräischen Umgangssprache zum Ziele setzten, lebhaften Anteil nahm. Trotz feiner journalistischen Tätigkeit fand er auch Zeit für ernste literar-historische Studien. So verdankt ihm die hebräische Literatur eine ausführliche und gediegene Monographie über Perez Smolenski und Abraham M a p u. Vor einigen Jahren übersiedelte Brairrm nach Amerika, um hier die hebräische Umgangssprache und Literatur zu verbreiten. Dort begründete er eine Reihe von Zeitschriften, für die er namhafte Mitarbeiter zu gewinnen verstand. Während des Krieges nahm er einen regen Anteil an der zionistischen Propaganda, und ihm verdat die zionistische Organisation einen großen Teil der Erfolge, welche die-in Amerika lebenden Ostjuden dem Zionismus gewannen. Seit einigen Jahren gibt Brainin die hebräische Zeitschrift H a t o r e n heraus. Vor ungefähr zwei Jahren erschien seine Monographie über Theodor Herzl, die sich durch ftsselnde Darstellung und eine Fülle von feuern Material zur Biographie Herzls auszeichnet. Anläßlich seines 60. Geburtstages wurden von den jüdischen Schriftstellern in Amerika große Festlichkeiten zu Ehren Brainms veranstaltet. HUfstrsnport über de« Dxjestr. Van N. Hermann, Paris. Gotr fe*i Dank,. alle Formalitäten sind erledigt. Die Ältmiasche vcll mit allen möglichen Bewilligungen der «rumänischen Regierung, steigen wir in K i s ch i n e w in den Zug, dw uns ans Dnejftrufer bringt., Mit mir fährt unser Delegierter fiir die Ukraine, Dr. Viktor Adle r, ein Sekretär und einige technische Beamte. Dr. Adler ist krank. Kurz vorher erhielt er Injektionen gegen Typhus, Cholera und Blattern. Das alles hat ihn furchtbar heruntergebmcht. Dazu konnnt noch die Aufregmrg bei dem Bewußtsein, daß er in wenigen Stunden jenseits des Dnjestr sein werde, HnÄ tvahrlich nicht mit leeren Händen. In wenigen Stunden kormneu 'wir m Bender, emec hübschen jüdischen Stadt anr Dnjestr, cm. Die Stadt ist in heller Ausvrgung.Cin Delegierter der jüdischen WelthLfscrganisation wird den Dnjestr übersetzen, noch dazu am hellrchten Tag, denselben Dnjestr, der auf beiden Seiten mit bolschew.lischern, beziehungsweise rumänischem Militär förmilch eingesäumt ist, denselben Dnjestr, der in mancher sii'sterxn Nacht zahllose Körper jüdischer Flüchtlinge verschlang, die dern junger und den Mördern zu entkomnren tmchtLtcn. Nun fahren wir zum Ufer hm. Dr. Adler und ich, b>.'gle'rot von Vertretern der Lokalbe'hörde. Militär- Uiw Ziv'lbcawte, Vertreter der Zollverwaltung sind mit von der Gesellschaft. Auch diese Beamten betrachten unsere Fahrt als ein oußergelvöhnlich bedeutungsvolles Exedgms. Seit drei Jahren ist der Dnjestr für jedermann gesperrt und nun wurden diese Beamten vo-n Bukarest aus beauftragt. den Delegierten der Welchrlfsorganisation bei der Herstellung einer Verbindung mit der bolschewikischen Seite des Dnjestr behilflich zu sein. Es ist seit drei Jahren das erste Mal, daß' das Dnjestrtor geöffnet wird. Nun stehen wir am Ufa*. UnS zuliebe wurde der Bevölkerung gestattet, sich rem Fluß zu nähern und zahlreiche Juden machen von diesem Gnadenakt Gebrauch. Wir nähern un* der gebrochenen Brücke. Auf der russischen Seite ist ein halber Brückenkörper völlig unversehrt, während auf der rumänischen Seite alles zerstört ist. Jenseits der Brücke, ganz nahe, liegt die Ukraine. Das Herz schlägt höher, die Augen suchen den Ort, wo die Stadt Tiraspol liegt. Nirgends Bewegung, wie wenn alles ansgestovben wäre. Keine lebendige ^Seele zu sehen. Ein rumänischer Soldat ruft russisch: „He, Mensch!" Keine Antwort. Er ruft ununterbrochen, gestikuliert mit den Händen, von irgendwo weit her sicht man einen Bauern neben einem Pferd daherwanken. Auf den Ruf des Soldaten bleibt er stehen, dann läuft er in ein nahegelegenes Haus und kommt bald in Begleitung eines roten Soldaten heraus. Dieser kommt ohne Kopfbedeckung, barfuß, ans Ufer und ruft: „Was ist denn los?" „Ruf den Kommandanten heraus!" antwortet man ihm. Bald kchrt er mit dem Kommandanten zurück. Die Verbindung ist hergestellt. Und nun beginnt die Wechselrede. Bon rumänischer Seite wird bekannt gegeben (der Klnmnanda'nt notiert und wiederholt jeden Satz mit lauter Stimme), daß Dr. Adler, Vorsteher der N a n s e n-Organisation und Delegierter der jüdischen Weltbilfso r g a n i s a t i o n, die - ersten drei Waggons Nahrungsmittel, Medikamente und Kleider für die jüdischen Flüchtlinge und die hungernde Bevölkerung am linken Ufer des Dnjestr ans Ufer gebracht hat. Dr. Adler wird den Dnjestr übersetzen, um die Verteilung zu organisieren. Ein Telegramm soll an den Vertreter der Nansen-Organisatkon in Odessa abgehen. „Chlebal!" (Brot) wiederholt der Kommandant mit der Stimme eines Hungrigen. Der Widerhall vom Ufer her läßt die Stimme des Säldaten nach lauter erklingen, als sie schon in der Tai ist. Bald ist ein Bootsmann mit einem Boot zur . Stelle> der -das Telegramm befördern soll. Der Bootsmamr legt das Telegramm in seinen Hut, bekreuzigt sich und fährt zum jenseitigen Ufer. Am anderen Morgen langt bereits die Antwort au3 Moskau und Charkow ein, welche die Erlaubnis für Dr. Adler, den Dnjestr zu übersetzen, enthält. Sieben Personen stchen jenseits des Flusses und warten mtf Dr. Adler. Die Vertreter der rumänischen Regierung halten sich verspätet. Bon der anderen Seite ruft man bereits ungeduldig: Z it ist -Geld, worauf tvartet man noch. Es ist bereits 3 Uhr! Bei ihnen ist 3 Uhr, während bei uns die Uhr erst 1 zeigt. Bekanntlich wurde die Uhr in Rußland um zwei Stunden vorgeschoben. Dr. Adler fährt hinüber. Lange Zeit winkt er zum Abschied mit seinem Taschentuch. „Do Swidanje" (auf Wiedersehen) ruft ihm die Menge am Ufer zu. Am zweiten Tag kmmnt Dr. Adler wieder ans Ufer zurück und berichtet, daß er alles für die Aufnahine de8 Transports vorbereitet habe. Er hatte sich telephonisch mit Odessa verbunden und erhielt die Zusicherung, daß ihm in Tiraspol einige Magazine überlassen werden, welche er versiegeln kann. Es wurde ihm auch das Recht eingeräumt, bei den Magazinen eigene ZivDvache aufzustellen. Ueber die Lage in Tiraspol berichtet Dr. Adler: Ich sehe vor mir lauter lübendige Leichen, verkrümmte Körper, schwane Gesichter. Menschen fallen in den Gaffen zusammen, andere rügen geschwollen, Kruder sterben an Hungerdhsenterie wie die Fliegen, keine Hilfe tvar noch in jene Gegend gekommen, Tiraspol. Dubosal, Gr'majopol, Petrowerka, Awdipol, alle diese Städte sterben allmählich aus. Bon der anderen Seite her nähert sich ein alter, rußbedeckter Schornstein. Einige Matrosen schleppten zwei kleine Schiffe ans Ufer, das tvaren alle Transportmittel, die uns von russischer Seite zur Verfügung gestellt tverden konnten. Das ist alles, was ihnen von den dutzenden Dampfern und Hunderten Barken, die in dieser Gegend zu Verkehren Pflegten, übrig geblieben ist. Auf der rumänischen Seite konrmen Bauern angeftchren, Wagen vollbeladen mit Kisten, Paketen, Fäffern. Das Ufer ist lebendig geworden. Jüdische Fuhrleute, Tischler, Träger, zumeist heimlose Juden von der anderen Seite, mit Peitschen, Hacken, Stricken Ersehen, tummeln sich auf de-ur Platze herum, und fr en ihre lauten Gespräche. Auf dem Bendever Berge sammeln sich Juden an, ziehen Menschengmppen herunter. Alles ist gekomruen, um des traurig berührenden Anblicks teilhaftig zu sein. Unsererseits ist alles fertig. Auf einen Wink kommen zwei bolschewikische Matrosen zum rumänischen User. Gerade als nmn mit der Verladung beginnen wollte, ereignete sich ein kleiner Zwischenfall. Irgend ein toter Körpw schwamm an unser User heran. Ist es etwa die Leich', eines unglücklichen ukrainischen Heimlosen, der sich vor den Banden oder vor dem Hunger retten wollte? Wie auch immer, der Leichnanr erschien uns gewissermaßen als Symbol des Landes, des großen Stevbens. Man beginnt zu verladen. .Ich stehe, und sinne und denke' laut. Brüder, jüdische Brüder, in diesen Kisten und Paketen liegen Pariser Franken, Pesetas aus Buenos Aires Pfunde aus Johannesburg und Capetown. . . In allen diesen weiten Städten empfand mau das Wch und das Leid d"r ukv nmschen Brüder, und nun ist mir das Glück b"sch cden, mit eigenen Augen zu sehen. wie die Hilfe ihr Zill erreicht. Ich se-he die blassen Gesichter der Kinder auf jener Seite vor mir und denke, sie werden bald diese Lebensmittel -genießen, sie und ihre kleinen Genossen, die vielleicht schon verschmachtet, mit verdorrten Lippen, mit glanzlosen Augen damederliegen. Der Schornstein setzt sich in Bewegung und kleine Kinder balgen sich um die Brosamen, die aus den Kisten fallen. Die Ueberführung nahm noch einige Tage in Anspruch, dazwischen fiel auch der Sabbat, und der gelehrte Rabbi von , Bb der läßt uns sagen, daß wir auch am Sabbat den 1 Transport durchführen können, denn es handle sich um Rettung von Menschen. Und Dr. Adler berichtet mit vor Freude strahlenden Augen: „Zwolfhundert Kinder haben wir bereits vom Tode gerettet, zwolfhundert Kinder erhielten bereits ihre ersten Portionen, ich habe mit den kleinen Schulkindern i** gönnen, mit den Kindern in den Waisenhäusern und Volksschulen. Er war der Mühe wert, der schivere Weg von PaviL über Bukarest, Kischruew und Bender bis Tiraspol. Die KrimirraNLKL der Juden. Aeußerrmgcn eines Wiener hohen Polizeibeamten. „Ihr Wunsch ist nicht ganz so leicht zu' erfüllen, wie Sie sich das vielleicht vorstellen", antwortete der leitende Polizeibcomte unserem a — -Mitarbeiter, der ihn um Angaben über d'e Kci'n-ualität der Juden ersuchte. „Gewiß Ließe eine mach lonscffioacllen Momenten angelegte Statistik viele interessante Beobachtungen und Vergleichs zu, aber eine solche existier mcht, zummdest nicht offiziell, da.ja, wie Sie wissen, die Gerichte und selbstverständlich auch die Polizei weder Juden, Christen oder Mohammedaner kennen, sondern eben nur Verbrecher und unbescholtene, einwandfreie Bürger unterscheidet, Ihre Fr'ge, ob die Juden einen großen Prozentsatz der Verbrecher ausmachen, kann ich also nur nach meinem eigenen Gclächttt'L aus meiner, allerdings jahrelangen Erfahrung Leoni worden. und da sage ich Ihnen: Ihre Frage ist glatterdrngL zu verneine». Unter den schweren Verbrechern sind die Juden über!)-uv! eine Rarität. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wem: id: behaupte, daß in den vielen Jahren meiner Praxis trvc.rx nu'er den Raubmördern, noch unter den Mördern ein Jude war und ungefähr dasselbe gilt von jenen, die wegen T-llstylogcs der irdischen Gerechtigkeit überantwortet wurden. Auch unter den vielen, die sich SiLtlichkeitZ de litte der verschiedensten Art zuschulden kommen ließen, sind jüdische Glaubensangehörige eine äußerst seltene Erschei-- n'mg Jnicressau1enveise..sind auch an den zahlreich«:!! Verfahren, die insbesondere in der Großstadt gegen Kupplerinnen geführt werden muffen, fast niemals Jüdinnen Letrrfstn, die — das ist ja allgemein bekannt — weder zu den gcherme», »'ch zu den kontrollierten Prostituierten ein nfnnensioe-.teS Kontingent stellen. Einen größeren, aber immer noch verschwindend kleinen Prozentsatz stellen die Juden bei jeneu Verfehlungen, die ins kommerzielle Leben lurcinstieleu. TaZ ist ia nur zu begreiflich. Denn die Jude» sind in der 5<'7ufmanns- und Geschäftswelt sehr stark vertreten, mid cs ist daher nur natürlich, da sie auch unter jenen schwarzen Srhasen mch^ fehlen, die nicht alle Gesetze ganz genau beachten. So erinnere ich-mich, daß Banknote ü* falscher w mehreren. Fällen mosaischer'Konfession waren. Dagegen die Juden — woran ich eingangs noch vergessen habe — an politijchen V-rlnechen in Oesterreich fast gar niemals beteiligt sind. Dagegen finden wir häufig jüdische Geschäftsleute der Hehlerei schuldig. Dia Möglichkeit, billige Waren zw erwerben, wirkt eben auf viele Geschäftsleute so stark, daß sie sich dieser Versuchung nur schwer entziehen können. . Um auch von kleineren Verfehlungen zu sprechen, sei erwähnt, daß bei den zahlreichen Arretierungen, die wir letzt im Verfolg.der AlkoholbekämPfüng bei Betrunkenen vornehmen, niemals Jude« zu finden sind, hingegen wurden jüdische Käufleute und Ge- TUCHHAUS «mv HIRSCHEN ^#Ttaborstr17i3 140 cm breit, rein Wolle \

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.