Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1328 (22.10.1922)
- Date
- 1922-10-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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""7 WWWWMffLMEMk?' / J i; U^1S28 MM, Töüntag Wiener wroegenzerrung zz; vttffvit rsr&z . -v i r , ,. OsseiliuliencISCo.) in Damen Konfektion « «»m\\m >nan Oesterreich. Abänderunge« am Finanzplan. In politischen Kreisen verlautet, daß das vom Finanzministerium vorgelegte Reform- und Sanierungsproqramm Hei den bevorstehenden Beratungen einschneidende Änderungen erfahren wird. Diese Aercherungen durften alle Teile des Programms treffen, sowohl das Ersparungsprogramm wie die Steuervorschläge, vor allem soll aber der Produktionspolitik im Sinne der Anregungen des Wirtschaftsausschusses des Völkerbundes ein breiter Raum eingeräumt werden. Bezüglich der Ersparungsmaßnahmen dürfte speziell eine Präzisere Fassung des Abbauprogramms verlangt werden. Außerdenr wird auch ausdrücklich das Ende der Jndexentlohnung sestgelegt werden müssen. Um' Mißverständnissen vorzubeugen, wird amtlich mitgeteilt: Das gestern in den Zeitungen veröffentlichte Reform- und Saniemngsprogramm ist lediglich ein Vorentwurf, der rmr als vorläufige Grundlage für die bevorstehenden Verhandlungen zu dienen hat. Dieser Entwurf wird erst zuWeginn der nächsten Woche den MinisterraL beschäftigen. Die Regierungsvorlage, die im Nattonalrat einzubringen ist, kann erst nach den Verhandlungen mit den Delegierten des Völkerbundes und mit den Parteien fcrtiggestellt werden. Das Mantelgesetz angenommen. Der Finanzausschuß fetzte gestern die Beratung des Mantelgesetzes fort, das ist jener Vorlage, die bestimmt ist, das Junktim der einzelnen zum Segurschen F'nanzplan gehörigen Vorlagen aufzuheben. Die Sozialdemokraten setzten die schon in der letzten Sitzung eingeleiteten Verschleppungsmanöver fort, ohne daß jedoch ihre Taktik zu offener Obstruktion gelangt.wäre. Die Vorlage wurde angenommen. Der tschechische Außenminister Dr. Benesch in Wien. Auf seiner Rückfahrt aus Italien nach Prag ist gestern der tschecho-stowakische Außenminister Doktor Benesch in Wien eingetroffen, Nach kurzem Aufenthalt setzte er seine Reise nach Prag fort. Sein Wiener Aufenthalt hatte keinen politischen Hintergrund. Die Exzesse Ln Köflach. Die Arbeitervertreter protestieren gegen Nintelcn. Graz, 21 Oktober. Wegen der Exzesse in Köslach sind bisher 15 Personen verhaftet worden. Das Befinden des verletzten Bezirkshauptmannes Dr. Krammer ist stationär, doch noch immer e r n st. Da in Köslach Ruhe herrscht und die energisch geführten Erhebungen nahezu abgeschlossen sind, dürfte aus Antrag der Bezirkshauptmannschaft Feldsberg eine Kompagnie der nach Köslach entsendeten Reichswehrmannschast wieder nach Graz einrücken. Heute vormittags erschien unter Führung sozialdemokratischer Abgeordneter eine größere Abordnung der Arbeiterschaft von Köflach beim Landeshauptmann Dr. Rintelen und erhob Protest gegen den vom Landeshauptmann angeordneten Einmarsch von Reichswehr und Gendarmerie in Köflach sowie gegen das rücksichtslose Borgehen Lei den Verhaftungen. Die Abordnung verlangte in erregter Weise die bindende Zusage, daß, nachdem nunmehr in Köflach Rllhe eingetreten sei und die Vertrauensmänner der Arbeiterschaft die weitere Ausrechterhaltung der Riche verbürgen, die gesamte Militär- und Gendarmeriebesatzung bereits am Sonntag zurückgezogen werde. Als der Landeshauptmann erklärte, daß er eine bindende Zusage nicht mache und einer sofortigen Abziehung der ganzen Mannschaft nicht zustimme, machte die Abordnung erregt auf die Konsequenzen des weiteren Verbleibens der Gendarmerie und Reichswehr in Köflach aufmerksam. Tschecho - Slowakei. Graf Burian gestorben. Vorgestern früh ist hier der vorletzte Minister deS Aeußern der Monarchie, Stephan Graf Burian von Rajeez, im 71. Lebensjahre an einem Herzleiden gestorben. Er gehörte seit dem Jahre 1873 dem Außendienst an, war Gesandter in Bukarest, später in Athen und übernahm nach dem Rücktritt Kallays im Jahve 1900 das Ressort des gemeinsamen Finanzministeriums, daS bekanntlich gleichzeitig die oberste Verwaltungsstelle Bosniens war. Im Krieg leitete er nach Berchtolds Abgang vom Jänner 1915 bis Dezember 1916 daS Auswärtige Amt, das er dann an den Grasen Czernin abgab. Eine selbständige Regiernng für Deutschböbmen? Prag, 21. Oktober. Die Blätter verzeichnen das Gerücht, daß die deutschnationalen und die deutschen nationalsozialistischen Abgeordneten die Errichtung einer selbständigen Regierung für die deutschen Teile Böhmens an-> streben. Wie verlautet, steUn die übrigen deutschen Parteien diesem Plane ferne. _._ Ungar«. Der christlich-nationale Faszismns. Budapest, 21. Lcktober. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) In der von der Vereinigten Opposition erzwungenen Freitagsitzung der Nationalversammlung behandelte der Hauptredner deS oppositionellen Blocks, der sozialdemokratische Abgeordnete Stephan Farkas, die Teuerungsfrage und wies nach, daß die Teuerung durch die Politik der Regiernng, welche den Großgrundbesitz begünstigt, verursacht wird. Der Führer der bürgerlich-liberalen Opposition, Karl Rassay, führte aus: Was seit zwei Jahren in diesem Lande geschieht, ist weit entfernt vom wahren Christentum, weil diese Politik nicht den Jnteresien der arbeitenden Masten dient. Es wird eine christliche Geschäftspolitik betrieben. Diese Politik denkt nur an jene, die in der Schutzorganisation des Move und in? anderen ähnlichen Organisationen vereinigt sind. Wer nicht in diesen Verbänden organisiert ist, hat die gegenwärtige Wirtschaftspolitik in Ungarn am eigenen Leihe zu spüren bekommen. Redner lenkt die Aufmerksamkeit der Regierung auf die Gefahr, ivelche unbedingt e'vntreten muß, lvenn sie sich nicht mit ihrer ganzen Energie den Ereignissen entgegen-' wirft. Die Politik der Regierung wird d u rch r h r e O h nmacht charaktersiert. (Desider Ruppert: Der Ministerpräsident hat Angst vor den Verbrecherhöhlen.) Rassah (fortfahrend): Die Regierung traut sich nicht, energisch zu handeln, weil sie mit unerlaubten Mitteln, durch Gewalt' zur Macht gelangt ist. Wäre die Regierung nicht mit Hilfe? oer Bajonette, durch Vergeudung von Millionen und durch! Ccwalttatigkeiten zur Macht gelangt/ dann hätte diese Re-! gicruug auch die Berechtigung zu energischem Auftreten! und wäre auch , zur Führung des Landes berufen. Diese! Regierung hat jedoch das Recht verwirkt, Führerm des! Landes zu sein. Gell iß darf die Teuerung nicht zu Ver< hetznngszwecken mißbraucht werden. Wir fragen aber: Sind! wir es oder ist es di' Presse der Regierung, die! bisher ^gtäglrch nichts -anderes tat als Hetzen und. btej Masten cufre'zen? Dr» Regievungpresse übt die Aufreizung! in so r aßlosw Weise und so ungehemmt, daß die gegenwärtigen Zustand? shr stark jenen vom.Jänner und Februar 1919 ES wäre Pflicht' der Regierung, die> Ordnung aus der ganzen Linie aufrecht zu erhalten. Dem-! gegenüber nmsten sich auf den Straßen Budapests ganze? Volksmasten abermals vor den Geschäften an stellen! und in der Hauptstadt des Agrarlandes müssen die Men-? scheu stundenlang vor den Geschäften warten, bis sie ein! wenig Lebensmittel erhalten. Das ist jedoch nur die eine! Seite der Medaille. Zur selben Zeit begehen in-den Straßen! Budapests turbuiemc, unverantwortliche Elemente Ge-? walttätigkeiten aller Art. Es sind das wirklich? unverauttvortliche Elemente, beim sie werden für ihre Ta-? ten von niemandem zur Verantwortung gezogen. (Johann^ Esztergallyos: Sie werden sogar aus den Kerkern freigelassen.) Rafsay: Wir sind schon so weit, daß diese unbotmäßigen, unverantwortlichen Gruppen? nicht mehr bloß die Juden, sondern auch die Polizei-? organe auf ihren Posten a n g r e i f e n, (Ministerpräsi-' dent Graf« Bethlen: In den oppositionellen Blättern? erscheinen immerfort Artikel mit der Uebersrchift: „Die Regierung als - Verteuere!.") Rässah: Wrnn die oppo-, sitionellen Blätter schreiben, daß die Regierung an dev! Teuerung schuld sei, so üben sie bloß objektive Kritik, hin-? gegen müsse entschieden eingeschritten werden gsgen jene? Verhetzung und Aufreizung, welche von der Regic-i rungspresse verübt wird, die in ihren Hetzartikeln! mit der Aufforderung zum Mord gehe. Rassay? bespricht die neue ungarische Faszistenbewegung.? in welcher er die Organisation einer neuen geheimen Ne-? benregierung erblickt, gegen welche die Regierung beizeiten? oinschre'tten müsse. ' Ministerpräsident B e t h l e n gab abermals eine jener? bei ihm bereits gewohnten unklaren Antworten, indem er? erklärte, daß er auf dem streng chri st lichen Stand-? HS Unerreicht ist die Billigkeit, Qualität u reiche Auswahl in feinsten engl'sehen Stoßen, Regenmänteln, Damen* n. Herren* Wäsche, in Sfcrlok- und Wirkwaren im Warenhaus Schiffmann II., Taborstraße 481 Telephon 47-1-79 ] En «ros En detail] SpaziergSnge. Es ivar ein schöner Sonntag im Sommer. Ich fuhr «lach Baden und tauchte dort bald im Strome der Spaziergänger unter. Eine besondere Note verliehen dem Bilde der Kurstädt an diesem Tage die vielen mit dem Zeichen des Wohltuns geschmückten Menschen. Jüdische Hilfsbereitschaft hatte sich einer im Kriege zu trauriger Popularität gelangten Form bedient und fast ohne Ausnahme trug alles im Knopfloch den Nachweis der dem jüdischen Kriegswaisenhause gegenüber erfüllten Pflicht. Im Kurpark saßen dichtgedrängt die Gäste — zum großen Teile Juden — unb genossen eine von Staub und Parfüm geschwängerte Luft, die ihnen die Bruchstücke einer Musik brachte; dvs Bild einer jüdischen Volksmenge unter freiem Himmel, aber aus eigenem Boden schwebte mir vor... Ich begrüße einen Bekannten und teile ihm meine Eindrücke mit» Er erzählt, daß er mit seiner Familie den Urlaub an irgend einem Alpensee zugebracht habe, und spricht bald auch von der immer bedrohlicher werdenden Abneigung der Aelpler gegen die jüdischen Sommerfrischler. In früheren Jahren war er nach seiner Heimat gereist, die jetzt in Polen liegt, oder nach Bösing, das. zur Slowakei gehört; jetzt verleiden ihm die Paßschwierigkeilen und noch Wiele andere Unannehmlichkeiten solche Reisen und so bleibt ihm und vielen anderen kein anderer Ausweg als eine Reise ins. Salzkammergüt übrig. Wie der Vogel, der plötzlich in einen Käfig gesperrt wird, nur umso hefttger zwischen den Stäben umherflattert, sucht nun der Oesterreicher, natürlich auch der jüdische, die Freiheit zwischen Buchs und Marchegg, zwischen Gmünd und Villach, nur MÄ lehtzaflLL WSMMe«. Zer m Wien M LMfchauer Jude kann nicht mehr so leicht nach Luhatschowitz fahren, da es ihm schon die teure tschechische Krone verbietet, und muß mit der kostspieligen und■ verdrossenen Austeer Gastfreundschaft vorliebnehmen. In diesem Kleiüer- Oesterreich aber entladen sich die durch Verengung des KrästeseldeS überschüstig gewordenen Energien nach der Stelle des geringsten Widerstandes und suchen mit Eifer nach — jüdischen Verfehlungen, ttttb als aufrichtiger Mann muß mein' Bekannter tatsächlich mit dem Geständnis solch einer Verfehlung Herausrücken. Er zeigt mir Bilder, die ihn mit seiner Familie in fröhlichem Kreise in Badekostümen und seine noch immer sehr hübsche Frau in gewagtestem Trikot auf dem X-See festgehalten haben. Nun glaube ich, daß der ohnehin in gereizter Stimmung befindliche Landbewohner, der ganz andere Sorgen hat, dem Fremden solche ihm unverständliche Vergnügungen mißgönnt, die freilich dem Städter ganz harmlos erscheinen. Mein Bekannter fragt, ob man denn in Wien eingesperrt bleiben solle, bis ein Sommeraufenthalt in Erez Israel oder eine gänzliche Uebersiedlung dorthin möglich wäre. Und damit hatte ich ihn dort, wohin ich ihn bringen wollte. Ich machte ihn. Ms die vielen kleinen Judengemeinden aufmerksam, die es in Oesterreich und namentlich im Bürgenlande gibt. Orte,, in denen der Anblick von Juden der Bevölkerung nicht so ungewohnt ist. wie in den Alpeniälern, da man dort nicht bloß den genießenden, sondern noch mehr den schaffenden Juden kennt, Orte, in . denen inan am Inden weder Arroganz noch besondere Eleganz, sondern höchstens Fleiß und Bedürfnislosigkeit aussetzen kann. Ich . machte * ihn darauf aufmerksam, daß die Industrie des Wiener Beckens in. bedeutendem Prozentsatz jüdischen Nnteri nehMnMeiL.. A' ^rzäM auch von den vielen Orten in Oesterreich, zu deren Besuch? uns daS dort geflossene Blut Mischer Märtyrer hinreichende? Legitimation gibt. Bon Wolfsberg in Kärnten und? von Indenburg, von Perchtoldsdorf und. Pulka in Niederösterreich und noch vielen guderen Leidensstattonen der jüdischen Geschichte in Oesterreich sprach? ich zu ihm und ttonit führte ich meinen Freund aus Baden? hinaus. Eine Viertelstunde später befanden wir uns in' Tribuswinkel. Die „Wiener Geferah" erwähnt unter den Ortschaften Niederösterreichs, aus denen im Jahre 1421 die! Juden vertrieben wurden, einen Ort namens „Winkel".! Professor Kvoms, der wistenschaftliche Bearbeiter der „Ge.-? sevah" untersucht, welcher von den zahlreichen Orten dieses! Namens gemeint sei, und führt auch die Herkunft &§! jüdischen Familiennamens „Winkler" auf diesen Ort zu-? rück. Nun ist dieser Familienname gerade in den Schewin KeMoth, den „Sieben Gemeinden" im Burgenlande, hei-! misch und hier, unweit von Tribuswinkel, das ja auch im Bolksmund häufig fürs „Winkel" genannt wird, spricht die? Ueberliefemng noch heute von einer jüdischen Gemeinde! in Tribuswinkel und leitet — in Uebereinstimmung tntifj einem von den vielen nichtjüdischen Erklärungsversuchen;? für den Namen dieses Ortes — diesen Namen von der Bo-j Zeichnung „trübes Winkel" her, die die Juden dem Ort« beigelegt hätten. Dieselbe Ueberlieserung ging sogar soweit^ die Bezeichnung „Karne' aphela" aus einem Gebetstücks für den Sabbat vor dem Wochenfeste auf unser Tribuswinkel] anzuwenden, obwohl sie eigentlich/ auf Elairmont, den? Schauplatz der Kirchenversammlung .' a-ntiphrgfeologisch ge-? münzt war, in der der erste Kreuzzug beschloW wurde.; j Der Gemeindesekretär und Oberlehrer von Tribus^ : J]m saä