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Wiener Morgenzeitung · 1922-05-12 · Heft 1178 (12.5.1922) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1178 (12.5.1922)
Date
1922-05-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1178 Men, Freitag Wiener Morgenzeitung 12. Mai 1922 Seite 8 Emmersd., '1. Mai 1892. Briefe Adolf Fischhofs.*) Die Forderungen der Wilnaer Judenfchaft. Wilna, 19. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) In einem Interview erklärte der Präsident der jüdischen Gemeinde Dr. Wigodski, daß die Wilnaer Judenschaft die Stellungnahme der polnischen Regierung zu den n a t i oualen Rechten, die das Hauptprmzip der jüdischnationalen Politik bilden, abwarte. Die erste Probe dieser Stellungnahine wird bei der Organisierung der Judengemeinden im Wilnaer Gebiete gegeben werden können. Sollte die polnische Regierung der Judenschaft «ine Religionsgemeinde auftwingen, was natürlicherweise nur die Unzufriedenheit der Wilnaer Judenschaft Hervorrufen müßte, so wird sie deü Beweis haben, daß die polnische Regierung nach wie vor den falschen Standpunkt vertrete, die Juden nur als eine religiöse Gruppe und nicht als eine Nation anzuerkennen. Im gegenwärtigen Moment, w.) selbst Beschlüsse der Friedenskongresse in Versailles und San Remo betreffend die Anerkennung der jiidischnaiionalen Rechte vorliegen, ist es schwer und geradezu unmöglich, nur den Standpunkt der Anerkennung einer jüdischen Religionsgemeinschaft zu vertreten. Wir müssen unbedingt eine weltliche nationale jüdische Gemeinde besitzen, ähnlich wie es die gegenwärtige Wilnaer Gemeinde ist. Die Schaffung solcher Gemeinden kann auf, keinen Fall dem polnischen Staatsgedanken Abbruch tun. Im Wilnaer Gebiet betrachten sich die Juden als Mitglieder der jüdischen Nation und nehmen für sich alle damit verbundenen Rechte in Anspruch, ohne dadurch ihre Pflichten als Staatsbürger zn verletzen. Im Interesse der polnischen Staatlichkeit liegt es, gerade in den Randgebieten, wo die Polen oft eine ganz kleine Minderheit bllden, die Bevölkerung durch die Anerkennung ihrer nationalen Rechte zn gewinnen. Der Standpunkt der Mehrzahl der polnischen Politiker, daß man alle Randgebiete und alle nichtpolnischen Nationalitäten mit Gewalt assimilieren könne, sei falsch. Die Zeittzn, in denen eine solche Gewaltassimilation Erfolg gehabt hat, sind langst vorbei. Die Wilnaer Judenschaft ist gerne bereit, als Mitbürger mit den Polen friedlich mitzuarbeiten, jedoch unter einer Bedingung, u. zw. der Anerkennung ihrer nationalen Rechte. Die Schaffung der von der Regierung geplanten Religionsgemeinden würde nur die jüdische Bevölkerung von dem Gedanken einer polnischen Staatsangehörigkeit abstoßen. Die polnischen Staatsmänner und Politiker müssen als Patrioten diese Situation begreifen und dürfen nicht Schritte, die Polen ans keinen Fall Nutzen bringen können,, zülaffen. Der Kampf um die Mische Autonomie in Litauen. - . Kowno, 9. Mai. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Der Jüdische Nationalrat hat in den letzten Tagen in allen jüdischen Gemeinden große Protest Versammlungen gegen die Beschlüsse des Parlaments, durch welche die Zusagen der litauischen Delegation an das Komitee der jüdischen Delegationen betreffend die Erfüllung der jüdischen Minderheitsrechte verletzt werden, organisiert. In allen Städten und Ortschaften, wo nur Juden wohnen, fanden große Volksversammlungen statt, tu denen scharfe Protestresolutionen gegen die Ablehnung der jüdischen Autonomie gefaßt werderl. Die Resolntionen fordern die Negierung , auf, ehestens die durch ihre Pariser Delegation gegebenen feierlichen Versprechungen auf Erfüllung der jüdischen nationalen Autonomie einzuhallen. Die Protestresolutionen wurden allen Regierungsfaktoren wie auch den großen jüdischen Organisationen des Auslands übermittelt. Der abgeblitzte Lrrde«dorff. » Herr L u d e n dorff, den die Sorge nm die Vermehrung feines Ruhmes nicht schlafen läßt, hat unlängst die Absicht geäußert, die Argentinier durch seine Vorträge zu beglücken. Die deutschrepublikanische Vereiniguug iu Argentinien schüttelt den Helden sehr deutlich ab. Sie verlautbart: „Wir sind, offen gestanden, erschroüen, als wir vernahmen, daß General Ludendorff nach Argentinien zn reisen beabsichtige; denn wir kennen den Autoritätsglauben der Deutschen und die in einer mittelalterlichen Borstellungswclt wurzelnden Anschauungen so vieler Auslandsdeutscher. Ludendorsf wird den Haß gegen die Deutsche Republik und damit gegen Deutschland überhaupt schüren, denn die große Masse ist doch nicht imstande, Institutionen und Staat zu trennen... Auch er muß den „halbwilden" Südamerikauern ad oculos demonstrieren, wie ein glorreicher Feldherr aussicht, der Sonne, Mond und sämtliche Sterne erobert - hätte, wäre ihm nicht meuchlings ein Dolch in den Rücken gefahren... Deutschland erwirbt sich erst langsam wieder Vorrat an Vertrauen, und es ist daher sehr zu bedauern, daß der General auf eigene Rechnung, aber ohne Verantwortung, diesen Vorrat wieder vergeuden will... Die Mehrheit der deutschen Kolonie, die jedenfalls alle selbständig senkenden Köpfe in sich vereinigt, dankt für das Danaergeschenk eines Ludendorsf. Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, daß Ludendorffs Argentinierreise nur ein Gedanke war, wenn auch nicht einmal ein schöner." Es wird also dem Vernichter Deutschlands nichts anderes übrig bleiben, als seinen Kampf gegen die deutsche Republik zn Hause fortzusetzen und antisemitische Verleumdungen ad majorem Germarsiae gloriam weiterznverbreiten. Verhaftung eines Doknmentenfülschers in Berlin. Hochg. Herr Dr.! ...Das „Freie Blatt" erhielt ich nur ein einziges Mal, u. zwar dessen erste Nummer. Es wäre voreilig, nach der Lectüre der einzigen Nummer sich ein Urtheil zu bilden. Ich will hoffen, daß sich die folgenden besser gestalten werden. Ein Kampfesblatt mag die honneien Leute durch Argumente überzeugen, das Argumenten unzugängliche Lumpenpack aber muß man mit der Aetzlauge des Spottes übergießen. Zur wirksamen Argumentation gehört Kenntnis 1 des Judenthums u. der jüdischen Literatur. Daher kann das Blatt ohne Beihilfe jiidischer Mitarbeiter nicht wirken und nicht gedeihen. Sehr wichtig yxire es, wenn die Doetoren Jellinek u. Gndemann dem Redacteiir berathend zur Seite stünden. Der Beschluß des Landtages, von dem Sie sprachen, verletzt auch die. Rechte der mchtkatholi scheu Christen. Haben sich auch diese beschwert? Wenn dies nicht der Fall, sollte man die Vorsteher der protestantischen Gemeinde in Wien dazu veranlassen; denn ein Protest derselben würde dem jüdischen vielleicht Wirksamkeit verleihen. Die Aenßerungen des Justizministers haben mich sehr betrübt. Graf Schimborn hat in Bezug auf Anstellung von Juden in der richterlichen Sphäre liberaler als seine Vorgänger erwiesen, und daß auch er nicht frei vom Wahne ist, daß es Juden gebe, welche ans Fanatismus Christen hl nt trinken, muß auf das schmerzlichste affieiren. Di« Seele wird schon in der Kindheit mit diesem Märchen imbibirt und „qua semel eft imbuti recens testa, dui servabit odorem". Wenn die Mitteilungen der „N. Fr. Pr." bezüglich der Judencolonien in Paraguay richtig sind, dann steht es mit den Humanitären Plänen des Baron Hirsch sehr schlecht. ' Haben Sie jüngst die statistische Notiz über den Uebertritt der russischen Juden zur orthodoxen Kirche während der letzten Jahre gelesen? Sie bestätigt die Anschauung des mir befreundeten Statistikers n. ’ berechtigt zur Annahme» daß er unter den jetzigen Verhältnissen sich enorm steigern chverde. Was die Arbeiter betrifft, so sind sie prinzipiell gegen nationale und confessionelle Schranken. Der Motor der sozialen Bewegung ist ja der Magen u. dieser kennt" keine ethnische Sonderung, keine religiöse Scheidung, keine geographische Abgrenzung, er ist kosmopolitischer als das Herz u. der Intellekt des Fin de siecle, er empfindet weder Racenhatz noch Glaubensfanatismus. Was er fühlt zu allen Zeiten, in allen Welttheilen, Climaten und Zonen fühlt, ist Hunger, und was er fordert, ist -Atzung. Nur wer ihm den Brotkorb höher hängt, ist sein Feind, mag er Christ sein oder Jud. Sie berufen sich auf Deutschland, aber haben denn die Sozialisten antisemitische Abgeordnete in den Reichstaggesendet? Die wenigen Antisemiten im deutschen Parlamente sind Vertreter des Kleinbürgerthums. Mein Befinden ist ein ziemlich gutes; doch geht es physisch n. psychisch immer jäher bergab. (Zum Schluß über Fanrilienbeziehnngeu.) '■■■) Siehe Nr. 1172, 1176 und 1177 der „Wiener Morgenzeitnng" vom 6., 10. und 11. Mai 1922. politische Dokumente lieferte, wurde gestern verhaftet. Nach einer hiesigen Korrespondenz war eurer der Hauptbetrogenen der ehemalige französische Kriegsminister Lefevre, der eingehendes Material über die Schutzpolizei, Waffenlager und geheime Ausmarschpläne erhielt, wobei gestohlene Briefbogen eines Studentenkorps eine wirksame Rolle spielten. Polnische und amerikanische Abnehmer wurden von Anspach ausgiebig mit wirtschaftlichem Material beliefert. Die antisemitischen Verleumdungen in Deutschland. Berlin, 8. Mai. (I. C. B.) Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" teilt mit: „Eine ständig wiederkehrende Behauptung der Antisemiten geht dahin, daß nicht zu konj trollierende, jüdische Geheimvorschriften bestünden. Obgleich von jüdischer Seite schriftlich und mündlich, öffentlich rlnd privat, vielfach das Anerbieten gemacht wurde, alle unsere Schriften durch eine unparteiische, des Hebräischen kundige Kommission prüfen und übersetzen zu lassen, haben wir trotzdem dahin gewirkt, daß eine Rabbjnerversainmlung zunächst in Berlin, später vielleicht in größerem Kreise Zusammentritt, um die vorerwähnten Aufgaben zu lösen. Ist die begonnene Arbeit vollendet, dann müssen alle Vorwürfe über jiidische Geheimlehren oder -gesetze verstummen." * Dem assimilatorischen „Zentralverein" und seinesgleichen konzentriert sich das gesamte jüdische Problem in der Apologie, im Kampfe gegen die antisemitische Schmutzhetze. Daß die Bemühungen des Zeniralvereins, die sich in ständigen Protesten erschöpfen, einen positiven Erfolg haben können, ist zumindest fraglich. Jedenfalls über sollte in dieser Einmersdorf, 5. Oktober 1892. Hochg. Herr Doctor! . Nachdem Sie in den Salzslntheu der Nordsee gebadet und die herrliche Meeresluft womöglich geschlürft, müssen Sie nun im Schlamm unseres öffentlichen Lebens waten und die verpestete Lust^des Antisemitismu's äthmen. Eine große Selbstüberwindung fürwahr, aber auch eine notwendige. Kann man die Lust nicht ganz reinigen, so kann man doch desinfizierend wirken. Nicht jüdische Hände beschäftigen sich mit dieser Desinfection nur wenig. Und wie noth thäte sie aus Rücksicht für das gesamte öffentliche Wohl! Denn was die Antisemiten jüngst im niederösterr. Landtag geleistet, i'rbersteigt selbst das Maß dessen, was. der potenzierte Pessimismus erwarten durste. Und wer stand den Ruchlosen gegenüber? Ein lendenlahmer Präsident und eine -ch leim blutige Majorität, die nicht inr entferntesten daran dachte, der parlamentarischen nud sittlichen Entartung im Centrum des Reiches ein Ende zu machen. Wie anders ging der croatischo Landtag vor. ObgleichStarcevic und seine Compagnie in Bezug auf Bildung und Sittlichkeit des Strebens thurmhoch über unsere Antisemiten standen, fühlte er sich doch in seiner Würde ' verletzt und bereitete durch Einfügung einiger Paragraphen iu die Geschäftsordnung den Scandalen ein jähes Ende. Unser Landtag rafft sich nicht auf zu solcher Energie. Man h.a.t, diesseits der Leitha den.Volkschara ti er feit- Jahrhunderten entmannt, die Charakterschwäche großgezogen und das rächt sich nun.. Keine unserer nationalen und politischen Parteien hat einen Mann von ^großem Charakter und imponierender Energie, in ihrer: Mitte, einen Mann, von dem sie sagen könnte: „Hie nnüs. nobis salvebit rem." Die Ungarn besaßen eine mittelalterliche . Verfassung und bis zu unserer Zeit mittelalterliche Zustände, aber der männliche Stolz und der männliche Trptz wurden durch sie erhöht und darum hatten sie in jeher Situation die Männer, deren sie bedurften, Männer, die ihnen Ver-» trauen und Respekt einslößten. In den Tagen der Revolution hatten sie Kossuth, inr Wafsenkampfe Görgey und Klapka, beim Ringen ums Staatsrecht Deak, da es den Hof mit den neuen Zuständen zu versöhnen galt, den feinen Hofmann. Andrassy. Als es zu verwalten galt, . besaßen sie Tisza, zur Förderung des Handels und Verkehrs fanden sie einen Man wie Baroß und jetzt, da die Valuta zu regeln ist,, stellt Wekerle zur rechten Zeit sich ein. Wir Crsleithamex hingegen suchen vergeblich nach einem rettenden Mann, der mit fester, sicherer Hand den Wirren ein Ende macht. Man weicht ängstlich vor administrativen Schwierigkeiten zurück und läuft den größten politischen Gefahren leichten Sinnes in die Arme. Hätte der Kaiser sich nicht Beust ansgeborgt, unsere liberalen Politiker schlügen sich noch heute mit den Magyaren ganz so wie mit den Czechen herum. Und ohne weitere politische Anleihe wird sich Oesterreich kaum von seiner nationalen Misere befreien. „Unsere Politiker," sagte mir einst der Chefrcdacteur des leitenden Blattes der liberalen Partei, Max Friedländer, in einem Momente des Unwillens, „sind kleine Männlein, verfolgen kleine Ziele und benützen kleine Mittel." Mit diese.« Worten hat er sie trefflich charakterisiert. Und nun genug! (Der Schluß berührt private Angelegenheiten.) Sisyphusarbeit Würde und Augenmaß nicht außer acht gelassen werden. Die antisemitische Verleumdung vom Bestände irgendwelcher gefährlicher jüdischer Geheimschriften kehrt seit längster Zeit wieder und wird neuerdings in Deutschland von der Verleumdermente uiit jener Skrupellosigkeit aufgewärmt, die sie zum niedrigsten Mittel greifen läßt, um dem Hasse nur ein willkommenes Objekt stets parat zu halten. Die Einberufung einer Rabbinerkonferenz, welche diese lumpige Behauptung erst priisen soll, ist eines der untauglichsten Mittel, das sich nur denken läßt, und eines, das geeignet sein konnte, den entgegengesetzten Effekt zn erzielen. Eine RaMnerkommission in einer Frage einzusetzeu, in der es nichts zu untersuchen gibt, ist zumindest überflüssig. 5 Tagesbericht. Aus der Wiener jüdischen K«mssgemrinde. Streiknltimatum der Beamten. — Eine interessante Exhumiernngsangelegenheit. Die Vertreter der Bemntenorgcmisation haben dem Präsidiunr eine Eingabe übermittelt, in welcher die definitive Angleichung an das Gehaltsschema und daS Pensionsstatut der Stadtgemeiude Wien und die Auszahlung rückständiger Teuerungszulagen für die Atonale Dezember und Jänner gefordert werden. Im Falle der Nichtbefriedigung bis zum 15. Mai tritt die Beamtenschaft an diesem Tage in den Streik. DaS Vertreterkollegimn der Gen rinde hat beschlossen, die Vermittlung des Min i steriums für soziale Verwaltung anzurufew. . Berlin, 11. Mai. Ein gewisser Anspach, der auslänschen. Kreisen fortgesetzt gefälschte, dem Inhalt nach hochenxl. Stoffe, Herren- und Damenwäsche, Leinen-und Strickwaren, alles erstklassig und billigst bei Schiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-70 En gros En detail

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