Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1084 (4.2.1922)
- Date
- 1922-02-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Samstag Oesterreich. Ein französischer 55-Milüonen-Francs- Kredit. Paris, 2. Februar. Der Minister des Aeußcrn hat der Kammer einen Gesetzentwurf unterbreitet, der die Regierung ermächtigt, der österreichischen Regierung Vorschüsse bis zur Höhe -vor 55 Millionen F r a n k e n zu gewähren. * Vorläufig steht noch nicht fest, ob es sich um Goldfrancs oder französische Francs, handelt Das letztere ist anzunehmen, so daß zu dem jetzigen Kurs der französische Kredit etwa 1 Million Pfund Sterling betragen . würde und nicht — wie man ursprünglich annahm — 272 Millionen. Wir hätten daher im ganzen mit 3l/a Millionen Pfund Sterling zu rechnen. Es liegen jedoch, soweit der englische Kredit in Frage kommt, noch keine definitiven Nachrichten vor, und auch die Aufhebung der Einwendungen seitens Amerikas steht noch nicht endgültig est Die Beurteilung der Lage in Zürich ist skeptisch, A as der weitere Rückgangder Krone beweist Paris, 3. Februar. Wie von informierter Seite verlautet, beantragt die gestern eingebrachte Regierungsvorlage eine Kreditermächtigung zugunsten Oesterreichs bis zur Höhe von 55 Millionen Francs als Staatskredit oder in der Form einer Garantie für einen von den Banken zu gewährenden Kredit Tschechoslowakei. Der Streik der Kohlenarbeiter. Prag, 3. Februar. Die »Prager Abendzeitung“ meldet: Der Streik im n o r d b ö h m i s c h e n Kohlenrevier, dehnt sich auf die Staatsgruben aus. Donnerstag früh wurde die Arbeit auf dem Schacht „Hedwig“ eingestellt Im Schacht „Julius II“ wurde die Arbeit Donnerstag nachmittags und in den Schächten „Julius Iß“ und „Julius VI“ heute früh eingestellt Gestern streikten ira Revier im ganzen 14.718 Bergleute. Heute findet eine Versammlung der Betriebsräte in Brüx statt, wo über das weitere Vorgehen entschieden werden wird. In Kladno hat der Streik bereits heute nachmittags begonnen. f Die Arbeiterschaft des Ostraner Revier hat '/olgende neue Forderungen gestellt: l. Der.bisherige Kollektivvertrag muß im vollen Umfang weiter in Geltung bleiben; 2. die Arbeiterschaft besteht auf ihrem Antrag vom 29. August 1921 über den Lohnabbau, wonach die Löhne im Verhältnis zu den Preisen der Bedarfsartikel geregelt werden sollen, wobei diese Preise von der bestehen en Paritätskommission festzusiellen sind; 3. die durch den Streik versäumten Schichten vom 5. bis 10. Dezember v. J., ebenso wie die infolge des jetzigen Ausstandes versäumten Schichten, sind als entschuldigt zu betrachten. Die „Prager Presse“ meldet: Morgen findet im Ministerium für öffentliche Arbeiten eine Beratung statt, zu der die Vertreter der Grubenbesitzer der Falkeriaüer, Komotauer, Brüxer und Teplitzer Reviere vom Minister dngeladen wurden, der hierauf mit dem Streikkomitee Fühlung zu nehmen beabsichtigt. „Rüde Prava“ meldet, daß Sonntag in Prag eine Arbeiterversammlung stattfinden werde, die zum Generalstreik in der Tschechoslowakei Stellung nehmen wird. Prag, 3. Februar. (Tschecho-slow. Preßbur.) Das Ministerium für öffentliche Arbeiten teilt mit: In der heute in Brüx stattgefundenen Sitzung der Betriebsobmänner wurde beschlossen, den R e g i e r u n g syorschlag unter den Vorbehalten anzu nehmen,, die die Vertreter der koalierten Parteien am 2, d. M: gemacht haben. Mährisch Ostrau, 3. Februar. Heute nachmittags hat im hiesigen Revier auf allen Gruben mit 56.000 Arbeitern und in den 10 Kokserei en mit ungefähr 3000 Arbeitern der Streik begonnen. Es werden nur Sicherungsarbeiten ausgeführt. Im Revier herrscht vollständige Ruhe. In den letzten Tagen war die Kohlenförderung im ganzen Revier um 11%, das ist um, ungefähr 300.000 Zentner täglich gestiegen. Die Angelegenheit des Stinkbombenwerfers Baeran. Paris, 3. Februar. Wie die „Narodni Listy“ erfahren, Mrd der Präsident des Abgeordnetenhauses Tornas chek In der Angelegenheit Baeran morgen vom Untersuchungsrichter einvernommen werden. Lodgman wird voraussichtlich übermorgen einvernommen. Demselben Blatte zufolge vdrd Montag eine Besprechung der Reichsparteileitung und des Klubs der deutschen Nationalpartei in der Angelegenheit Baeran stattfinden. Dem Blatte zufolge sei. die Stellung Lodgmans, der schon zu seiner Stellungnahme im Falle Baeran ira Abgeordnetenhaus nur mit einer Mehrheit von 5 gegen 4 Stimmen die Ermächtigung des Klubs erhalten hat, schwierig. Jugoslawien. Demission des Handelsministers. Belgrad, 3. Februar. Handelsminister Dr. S p a h o hat dem Ministerpräsidenten seine Demission überreicht, weil einige Forderungen der muselmanischen Partei im Budgetprovisorium nicht berücksichtigt erscheinet». WIENER MORGENZEITUNG Ungarn. Vazsonyi gesteht Wilhelm Vazsonyi fiat sich izum Fühker des ütugarisohm Judentums aufgeworfen. Alls es in der größten Not war, hat tt seine teure Persönlichkeit in Sicherheit gebracht, sich io der Schweiz, in Baden bei Wien und daino im Wien selbst noch besonders bewachen lassen. Er hätte wohl auch als Emigramit «einen in Umigr.trn verfolgten oiind die größten Leiden erduldenden Brüdern helfen können, wenn er den Mut aufgebracht hatte, im Ausland für die Rechte der Arbeiter und der Juden tätig zu sein rnn-d in der Öffentlichkeit das zu sagen, was die Wahrheit ist und was zu sagen seine Pflidhit gewesen wäre. Alber diesem eitlem >Ge keimen Rat Sr. Majestät« staind cind stehtauch' heute noch «eine Person und seine politische Eitelkeit über allem. Er ließ die Juden rulhflg hinmördiem, aus-rauiben, internieren und wirtschaftlich zugrunde gehen und schwieg bis zum letzten Augenblick, da ilktm der Moment winkte, sich als Werkizcug anderer hinzugeben, sidh ihnen zu verkaufen umd damit auch das Judentum preiszugeben. So hat sich Vaizscimyi. im der Verbannung als stummer Zutreiber Horllhys bewährt, und so geht er jetzt daran; seine Juden dem Legitimismus zuzutreiben und sie neuerlich den größten Gefahren auszusetizien.r ‘ Was wk hier behaupten, wird durch das Geständnis ‘ Vajzsonyis selbst bekräftigt. In der letzten Nummer des >E g y e n 1 ö s e g«, dem Leitarg am Vazsdnyis, nimmt dieser Stellung zu der sogenannt ein »Versöthihumgsalkitio« dar ungarischen Regierung und etwickelt liietbeä, wie das Blatt sich a-usdrückit, sein" Programm für die ungainländiscihein Juden.' Vazsonyi nennt, und da» habenwir «vtotn ■ allem Anbeginn behauptet, die Vers^iniunjgsiakticm ein W a h 1 m a n ö v e r. Er lehnt die Zumutung, der Regierung eine Denkschrift über die Wünisdlne , und. Beschwerden zu überreichen, mit der Bemerkung ab, die Regierung möge nidhit den Unschuldigen Spielen, sie sei auf eine solche Denkschrift nicht angewiesen^sie kenne zu genau alle an den Juden begangenen Rechtsbrüche, es liege kein Grund für einen Friedensschluß vor, die Regierung gebe nur, was den. Juden fixmte fehlt, die Rechtsgleichheit. Und nun kommt das große, modersdhmeMeunidie Geständnis. Vazsonyis, das gleichzeitig der Ver- ■ such einer Rechtfertigung der eigenen unerhörten Haltung sein möchte. Vaonsonyi sagt: »Der Ministerpräsident macht sich einer schweren U nwaihrheit schuldig, wenn er behauptet, daß die Juden jemals ihre ausländischen Verbindungen zum Schaden Ungarns benützt hätten. Das Gegenteil davon ist wahr. Die Juden halben im Ausland lieber die Wahrheit abgeleugnet, a/ls daß. sie von ihrem Vaterland Schlechtes gesagt hätten. Aus dem Saate der Fester jüdisefhien Gemeinde -richteten wir jenes Manifest an die Judenschaft der loßgetpemmten Gebiete, in welchem wir sie auf forderten, nicht raur als Juden, sondern auch als Magyaren mit Arn,s die (kulturelle Solidarität aufrecht zu erhalten und, gestützt auf ihr im Friedensvertnag gesichertes Recht, sich auch) weiterhin all's Magyaren zu bekennen,.« Vazsonyi kehrt also die gnpßea Verbrechen, die er bisher schon am Judentum begangen hat, in eine Tugend um. Er brüstet sich damit, durch die Ableugnung der Wahrheit die Leiden der ungarländischen Juden verlängert und vergrößert zu haben. Der Abbau des Horthy-Heeres. Budapest, 3. Februar. (U. T.-K.-B.) Die heute der Nationalversammlung unterbreitete Gesetzesvorlage über die Ergänzung des Gesetzartikels 35 vom Jahre 1921 bestimmt, daß die nach diesem Gesetze in das. Uebergangsverhältnis versetzten Militärpersonen bis spätestens 1. Juli 1922 in den Ruhestand zu versetzen sind. Sie sind von jeder militärischen Dienstleistung enthoben und dürfen weder eine theoretische noch eine praktische militärische Fortbildung erfahren. Im Motivenbericht wird darauf hingewiesen, daß die interallierte militärische Kontrollkommission die in der Vorlage vorgeschlagenen Abänderungen des zitierten Gesetzartikels von der ungarischen Regierung gefordert hat n Abtransport der Attstauschkommunisten. Budapest, 3. Februar. (Ung. TeI.-Korr.-Bur.) Wie die Blätter melden, befinden sich unter den mit dem dritten Austauschtransport demnächst nach Rußland abgehenden Kommunisten die Journalisten Ludwig M a g y,a r und Oskar Robert sowie die ehemaligen Volksbeauftragten Dr. Ernst Zobel und Dr. Ernst L a n d I e r. Rumänien. Die Wahlbewegung in der Bukowina und die Juden. Czemowitz, 2. Februar. (Tel. der »Wleinisr Morgenzeituing«.) Die Parteien haben bereits mit einer regen Wahlagitation begonnen,. Im jüdischen Lager konnte bisher keine Einigung erzielt werden, un-d man muß damit rechnen, daß .die bestehenden Gegensätze zu einem Kampfe zwischen dem gewesenen Deputierten Dr. Strauch ec uimd dien 4. Februar 1922 Nr.lOM - -- . —m . Ulf I. -—I Zionisten führen werden, welche jenem ihrer» Präsidenten Dr. Mayer Ebner enitgegenstellen wollen. — Auch um die Stellte des jüdischen Stadt* rat es von Czemowitz ist ein Kaxntpf entbrannt!. Nachdem der jüdische Sbadtnafc Dr. Picker die« missioniert hat, bewirbt sich Dr. Strauche«! um das Mandat, während die Zionisten Dr. Picket! neuerdinigis pr,imo ikxao vorgcischlagen hadert. - Litauen. Der neue Ministerpräsident. Kowno, 3. Februar. (TeL-Komp.) Der bisherig« Finanzminister Galwanuskis wurde zum litauischen Ministerpräsidenten ernannt Rundschau. PoincarSs Programm für Genua. Einladung zu einer Vorbesprechung. Paris, 3. Februar. Ministerpräsident P 01 n c a r ä hat ah die alliierten Regierungen eine Note gerichtet, worin er sie zu einer Vorbesprechung über die Konferenz in Genua einlädt Die bestehendenV ertrüge m ü ß t e n und e r ü h r t bleiben und die Probleme, deren Lösung früher festgelegt worden sei, dürften keineswegs wieder in Frage gestellt werden. Das Fehlen beruhigender Sicherheiten in dieser Hinsicht würde Frankreich zwingen, seine Aktionsf reiheit zu wahren. Wie die Blätter melden, enthalte die französische Note die Erklärung, daß Frankreich der Anerkennung def Sowjetregierung nicht zustimmen könnte, wenn nicht alle Bürgschaften gewährt würden, die Millerand während seiner Ministerpräsidentschaft verlangt habe, . Der deutsch-französische Zwischenfall» Belagerungszustand in Gleiwitz. Oppeln, 2. Februar. (Havas.) Bei dem Angriff irl Petersdorf wurden zwei Deutsche getötet Die Untersuchung wird in Gleiwitz geführt, wo der Belagerungszustand verkündet wurde. Im Verlaufe der Verhaftungen wurde ein Mann, der der Polizei Widerstand leistete, getötet. Durch die Haussuchungen wurden W äff e n la ger entdeckt. Der Gesundheitszustand der verwundeten Franzosen ist im allgemeinen zufriedenstellend; nur ein Mann ist seinen Verletzungen erlegen. Der Eisenhahnerstreik in Deutschland» Berlin, 3. Februar. (Wolff.) Durch den Anschluß weiteren Personals und einer Anzahl dem deutschen Eisenbahnerverband a gehöriger Arbeiter an die Streikbewegung hat sich die Lage in Berlin verschärft. Die Aufrechterhaitang des lebenswichtigen Güterverkehrs erscheint in Zweifel gestellt. Heute sind fünf Züge mit Milch und Vieh eingetroffen. »Die Personenzüge wurden abgefertigt. Im Erfurter Bezirk ist eine Anzahl von Beamten, auch Lokomotivführer, die gestern noch gestreikt hatten, Heute wieder im Dienst erschienen. Der Zugsverkehr wird heute nach einem bestimmten Plan aufrechterhalten. In den übrigen Bezirken ist die Lage wesentlich unverändert Wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, hat die technische Nothilfe heute im verstärkten Umfang eingesetzt. Man hofft den lebenswichtigen Güterverkehr uhd den Berufsverkehr durchführen zu können. Die Bahnhöfe und sonstigen Anlagen, die vorübergehend von den Streikenden besetzt waren, sind geräumt. Verminderung der englischen Staats* schuld. London, 3. Februar. (Funkspruch.) Zum ersten Male seit Vorkriegszeiten weist die englische Staats« ' schuld gegenüber dem Vorjahr eine Verminderung auf. Demission des portugiesischen Kabinetts. Lissabon, 3. Februar. (Funkspruch.) Der Präsiden! hat di^ Demission des Kabinetts genommen. Amnestie für die russischen Emigranten» Bukarest, 3. Februar. (Funkspruch.) Die rumänische Presse meldet, die Räteregierung habe die Erlaubnis verlautbart, daß alle im Auslande lebenden Flüchtlinge, politischen Verbrecher und Deserteure unter Gewährung einer allgemeinen Amnestie , in die Ukraine zurückkehren dürfen. Der Wilnaer Sejm. Wilna, I. Februar. (Tel. der „Wiener Morgen* zeitung“.) Heute fand die feierliche Eröffnung dea Sejm statt. Del Regierungschef Meysztoricz erinnerte in seiner Eröffnungsansprache an die Heldentaten P 11 s u d s k i s und Zeligorskis und deren historischen Verdienste um Wilnas Befreiung. Hierauf übernahm den Vorsitz der Alterspräsident Erzbischof.Hoynilusecki, der in einet längeren Rede den polnischen Charakter von Wilna betonte, das mit der polnischen Geschichte so eng verknüpft ist Zum Sejmmarschall wird voraussichtlich Pilsudskis Bruder Jan Pilsudski gewählt werden. In den politischen Kreisen verlautet, daß di« Wilna-Projekte der Warschauer Regierung auf* Widerstand der hiesigen Abgeordnetengruppen stoßen werden. Für diesen Fall soll die Warschauer Reeierunjz,