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Wiener Morgenzeitung · 1922-02-04 · Heft 1084 (4.2.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1084 (4.2.1922)
Date
1922-02-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer K 45 Wien: Zum Abholen in der Expedition, n.,Taborstr. 1—3, oder in einer Verschleißstelle (Trafik) monatlich K 1200. MitPostversand fürWien und Oesterreich monatlich K1200. Tschßcfio-Slowakel: Mon. Kronen 20. Ungarn: Monatl. Kronen 120. Jugoslawien: Monatl. Dinar 18. Polen: Monatl. Mark 600. Deutschland: Monatlich Mark 25. Frankreich: Monatl. Frcs. 6. Nr. 1084 renrr Tscftectto-Stowakei tsch. K 1 Italien: Monatlich Lire & Rumänien: Monatl. Lei 40s Schweiz und das übrige» Ausland monatlich Francs A Redaktion u. Administration? Wien IL, Taborstrasse 1—Ä Telephone: 44-0-38, 43-3-ISO1 ab 6 Uhr abends 17-9-3&] Telegrammadresse: „Morgen^ zeitung“; Wien. Oesterreichisches Postsparkassenkonto 1SV.68L. Wien, Samstag, 4. Februar 1922 4. Jahrgang Die Probleme der Konferenz von Genua. —y. W i e n, 4. Februar. Der französischen Kammer ist eine Regierungsvorlage‘zugegangen, welche die Ermächtigung zur Erteilung von Vorschüssen sn Oesterreich bis zur Höhe yon 55 Millionen Francs verlangt Das ist die erste Tatsache, die im Verlauf der österreichischen Kreditaktion vorgefallen ist Es gab bisher nur allgemein gehaltene unverbindliche'Zusagen, {deren Erfüllung an einige Wenn und Aber gehängt, war. Es gab Untersuchungen, Expertisen, Kommissionen und als deren Krönu g wieder Vertröstungen. Erst der Augenblick, fn dem Oesterreich den Versuch unternahm, aus seiner Wüsteneinsamkeit zu Verhandlungen mit den Nachbarn zu schreiten uhd seihe Arbeitsfälligkeit als Kreditwert zu benützen, brachte eine Aendferung, aus der sich vielleicht der Beginn einer Besserung herauskristallisieren kann.' An dem Entschluß der französischen Regierung ist zu ermessen, wie gut der Weg nach Prag; war und welche schlimmen Folgen ein Sieg der großdeutschen Bockbeinigkeit nach sich gezogen hätte. Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß zur gleichen Zeit mit diesem Vorstoß der antiösterreichischen Antisemiten in der ungarischen Nationalversammlung von der Aufteilung Oesterreichs gesprochen wurde. Den Hoffnungen, die sich da auftaten, macht die Aktion der Großmächte ein vorläufiges Ende. Diese Träume werden aber erst dann Schwinden, wenn die Entente ihre Verpflichtung: .einhält, die sie im Friedensvertrag übernommen hat und die ihr die Sorge für Oesterreichs Konsolidierung zu einem großen Teil Überträgt; An dieser Verpflichtung partizipieren alle Signatar-' Mächte des Vertrages. Die Tschecho-Slowakei ist der. erste Staat gewesen, bei . dem die österreichische Regierung Verständnis für ihre Situation gefunden' hat und der / tschechische. Finanzininfster Hat sich vor einigen Tagen •?.darüber des Näheren ausgespryehen. mit , Oesterreich-als eine;Konsequenz des Friecfensyertrages. Die englische Regierung hat nun ebenfalls Finanzhilfe zugesagt und Frankreich wendet sich an die Kammer, um die österreichische Mahnung an den Friedensvertrag vor das breiteste Forum zu bringen. Mit all diesen Mitteln ist aber das österreichische Problem nicht zu heilen. Oesterreich ist ein Teil Europas; seine Krise wird verschärft und beeinflußt durch die Entwicklung in den anäeren. Teilen.; Die europäische Frage kann nur «n Ganzen behandelt werden, weil alle ihre Teile ein innig verflochtenes Ganzes bilden. Oesterreich ist eine sehr wunde Steile in dem kranken Organismus der Welt, aber doch nur deshalb, weil es so nahe an der.Gefahrenzone Jiegt, die den ganzen Osten umfaßt. Die Schwierigkeiten treten in Oesterreich schärfer auf, weil sich hier keine Ergänzung einer hochentwickelten industriellen Kultur mit einer sehr rückständigen Bödenbewirtschaftung zu einer wenn auch primitiven Wirtschaftseinheitliclikeit hersteilen läßt Dieser Mangel wäre aber durch den Import von Brotgetreide- . leicht »zu bekämpfen, wenn nicht das große osteuropäische Minimum, bestünde. Rußlands Produktion fehlt, und solange nicht die große Mauer zerbrochen wird, die der französische Chauvinismus gemeinsam mit dem bolschewistischen Weltbetrug aufgebaut hat, kann an eine Sanierung der Welt nicht einmal gedacht werden. Wie der Krieg ist auch der Mangel der Vater vieler bösen Dinge. Die Behandlung der unterlegenen Staaten hatüberall die gleichen Folgen gehabt: - einen materiellen, geistigen und sozialen Niedergang mit all den Erscheinungen, die wir seit vier Jahren sehen. Die Unversöhnlichkeit der Sieger hat Haß bei den Be siegten erzeugt und da sie zu schwach sind, sich an den Grqßen zu rächen, tobt sich die Rachsucht in einem erbitterten sinnlosen Klassenkampf, in der Verfolgung der schwächeren Schichten aiis. Der Antisemitismus in Deutschland und in Oesterreich, der allen Interessen des Staates und des Volkes zuwiderläuft, zieht aus dieser Stimmung seine nährenden Kräfte. Keine Aufklärung kann die Ueberzeugung vertiefen, daß Mitteleuropa, ohne jüdische Mitarbeit nicht aufgebaut werden kann, und daß die Fernhaltung des Judentums aus der politischen und geistigen, wie nicht, minder aus der wirtschaftlichen Entwicklung die Katastrophe beschleunigen muß. Hat sich hi diesen Staaten die Existenz der jüdischen Fragen derart als aktuell erwiesen, so ist sie im Osten noch ungleich gefährlicher gestaltet In Rußland ist das Judentum durch die Praxis des . Bolschewismus gegen das „bourgeoise Element“, ■ vielleicht, auch - durch die billigen Konzessionen an die Volksstimmung in seinen materiellen Grundlagen erschüttert worden. In Ungarn ist es zu einem Opfer der klerikal-chauvinistischen Maffia geworden, in der Ukraine fast ausgeschlachtet und in Polen vom gesellschaftlichem Boykott getroffen. Es ist überall der Ort des geringsten Widerstandes, Der tschechoslowakische Kredit gesichert. Ein sofortiger Vorschuß von 100 Millionen« Prag, 3. Februar. (Privat) Die Verhandlungen des Finanzministers Doktor Gürtler in Prag wegen des 500-Millionen- Kredits wurden heute aufgenommen und haben bereits einen Erfolg gezeitigt. Finanzminister Dr. Gärtler konferierte zuerst mit dem Ministerpräsidenten Dr. Benesc h, worauf eine längere Konferenz mit dem tschechoslowakischen Finanzminister Noväk stattfand. Wie ihr Korrespondent erfährt, ist der 500-Millionen-Kredit bewilligt Finanzminister Dr. Gärt l e r verlangte nur mit Rücksicht darauf, daß das Prager Parlament erst Ende Marz Zusammentritt und die Kreditvorlage ehestens anfangs April verabschieden könnte, einen sofortigen Vorschuß von 100 Millionen tschechischen Kronen« Diesem Ersuchen wird die Prager Regierung zustimmen und den Befrag für Oesterreich sofort flüssig machen. Amtlich wird über die Konferenzen gemeldet : Gestern mittags fand eine Besprechung; zwischen dem Ministerpräsidenten Dr. Benesc h« dem Finanzminister Dr. Gürtler und dem Legationsrat Dr. Marek statt, welcher nachmittags eine mehrstündige Konferenz, der beiden Finanzminister Dr. Gürtler und Noväk, des Legationsrats Dr. Marek und des leitenden Sektionschefs im Finanzministerium Via sak folgte. Das Ergebnis dieser Besprechung war eine wesentliche Annäherung der. beiderseitigen Standpunkte. den sich die gegen den Frieden arbeitenden Richtungen zuerst zur Explosion suchen. Der Völkerbundrat hat sich dieser Tage, wie gemeldet, mit einigen Symptomen der jüdischen Gesamtsituation zu beschäftigen gehabt und seine Aufmerksamkeit wurde zunächst auf die Frage der Staatsbürgerschaft der Juden im Danziger Gebiet, auf die' Stellung der jüdischen Minorität in Lettland und in Litauen sowie : auf die österreichische Waber-Praxis gelenkt Diese Aktionen erhielten ihre! sinngemäße Ergänzung durch e#ie Be-. sprediung-des Palästinä’Äädates* desBen^fezögeFüng^ in Palästina selbst zu einer Verschlimmerung der Gegensätze führt, im Judentum aber höchst' unvorteilhaft wirkt Die Unklarheit drückt auf die Psyche der jüdischen Massen und benimmt ihnen den einzigen Trost, den .sie noch besitzen, die Hoffnung auf die Zukunft. Die endliche Finalisierung dieser Irrage würde einen neuen fruchtbaren Energiestrom durch das gesamte ‘ Judentum treiben. - Aber es ist notwendig zu betonen, daß die Angelegenheit der jüdischen Minoritäten dadurch nur in geringem Maße tangiert wird. Diese Frage wird noch für sehr lange Zeit das politische Interesse des Judentums fesseln. Sie gehört mit zu den europäischen Problemen, genau so wie die Frage Oesterreichs oder des deutsch-französischen Konflikts. Sie ist nicht minder gewichtig und ihre Bedeutung wächst von Tag zu Tag. Sie müßte logischerweise in das Arbeitsprogramm der Weitwirtschaftskonferenz in Genua aufgenommen werden. Dies zu erzielen, wäre eine sehr wichtige Aufgabe der jüdischen Politik. __ Italienischer Kabinettswechsel. ' Kalbmette sind kurzlebig in Italien. Aiuich das Kabinett Bonumis macht keime Auishialhme von dieser Regel, die-sich seit Kriegsende eingebürgert hat, und wenngleich sein Rücktritt recht unvermittelt gekommen feit, so war seine Position seit längerer Zeit nicht besonders fest. Die unmittelbare Ursache von Bonomis Rücktritt bildet der Vorstoß der Demokraten, weicher der bestehenden Koalition den. Gana>us zu machen drohte. Dieser mag, soweit man beurteilen kaum, durch Italiens Haltung gegenüber dem VatilkaJu veranlaßt sein, aber die Gründe liegen Jedenfalls tiefer. Denn auf keinen Fall ist es der Regierung Italiens leicht. geworden, aus ihrer traditionellen Haltung gegenüber cbm Vatikan iherauiszugehen und das' Ableben des Papstes als eine offizielle Angelegenheit m behandeln. ' Diese Haltung hängt, mit, der Labilität der italienischen Politik zusammen» welche es seit längerer Zeit zu (keiner tragfähiger Regierungsmehrheit mehr bringen kann und sich genötigt sieht, auf einer aus recht ungleichen 'Genossen zusammengesetzten Koalition ihre Regierungen zw fundieren. Seit die bürgerlichen Parteien infolge ihrer Stellung au den Problemen der NadhkriegspQriode .untereinander zerklüftet sind, sieht sich jedes Kabinett genötigt, sich auf die katholische VoKkstpairteü, die Pcipolari, ziu stützen, welchees verstanden hat,' ihr Programm in demokratischem Sinne auszuges't,allen und unter den Massen der katholischen Kleinbauern und Ladanbeitcr einen; starken Anhang zu gewine, der sieb zu-m Mißvergnügen der antiklerikalen bürgerlichen Gruppen in einer starken Zahl von Mandaten aiuisdrückt. Die Sozialisten! jedoch gehören in ihrer Mehrzahl der radii-' kaleren Richtung an und halben es bisher abgeliehnit,- an der Regierung teilzwindhimen, obgleich da! an Verfluchen in' dieser Richtung innerhalb des soziaflistisclüen Lageiris nicht gefehlt hat uinldi die Fiage {gerade * gegenwärtig wieder unter den* Sozialisten,, den Anlaß zu heftigem Meinungslkämpfen bildet. . ' Die poliitifisdie. Schwächte «der itailiimisicbeni Rie< gierungein wird -noch. venrndhint durch die versohle-, denen Sorgen,,' „ welche Italien die *^.iirtschaf ts^a^s. und die .Fragen der ' .Außenpolitik bereitem»Auf außenpolitischem Gebiete ist es nianijentliiioli dlie Stel-“ lmng Italiens, jnwenhai’b der Emtemitfe, welche ei n eit beständigen Anlaß zu Reibungen' .zwischen den Parteien bildet und das imm-er wachsende Gefühl bei-' •seitege sch oben und in der 'Auseiniamdeuseteuing zw in •sehen England und Frankreich bezüglich der Rege-., lumg der Dinge als quamti-te megügeabie-' behandelt worden -zw sein, erhöht dlie allgemeine Nervosität sowie andererseits dlie Stimmung gegen Frankreich, das man-beschul digt, Italiens tie-rritciniiailie Ansprüche in- Klei-nasiiten foiintertrieben ziu- 'halben und! im Kon* fl'ikt mit Jiugoslawi-ein diesem die Stange au-' hialteir;- sich in letzter Zeit .stets verschlechtert halt.' Mit dieser wachsenden poüii'bisdhen Isolierung1 hängt es zusammen-, daß maneinie aktive Eigenipoli-tiiik einischlagen will, weiche darauf abzie-lt; Frankreichs Strebennachder Hegemonie in M-ittielemnopa ein Bein zw stellen und den Zusammenschluß' der mitteleuropäischen Nachf-odiges-taiaiben tu-niüdlist zir venhi-ndem, weil -man davon eine Schädigung der eigenen Interessen und eine Stärkung dies fnainizösitsdien Einflußes befürchtet. Daher wind, die fetzte diplomatische Extratour del-la Toruttais -in der Frage W-esituingar-nis erklärlich, daher diie in letzter Zeit zutage getretene Miagyarctphilie, weichte -die Horthy- Inredenta gegen die slawischen Anrainer Ungarns •aiuisspiielen will. Aber dieser Erfolg ist auf keimen Fall gron genug, um die verschiedenem Nieten , wettzuimiaic-licn t und auch die Washingtoner. Konferenz hat die Hoffnungen Roms, das eine Diskussion, de-r Schutlidien erwartete, nur zum Teilte erfüllt. . Auch die W-irtschaft slage Italiens bill'diet für die Regierungen eine sitete Sorge und genadie die letzten Wochen haben gezeigt, wie geschwächt der wirtschaftl-icbe Organismus des Landes ' infolge des Krieges ist. Eine Reihe von Unternehmungen?,, die die K riegskonjiunlktur stärker ömisdhwdllen lieiÖ, .ail-s es Italiens ökonomische Struktur normailerweise •verträgt, sind zus-ammengebtrochem und habeneinige Banken, darunter die Bamea dii Scon.bo. miiifcgenissen, ein Umstand, der sich nunmehr aiuf mamchon- Gebiet fühübar zw machen beginntt. , So tritt" Bonomiis Nachfolger auf keine-iii: Faifl ein leichtes Erbe an und es wird noch geraume Zeit vergehen, ehe sich der Sieger I'tailiien -'von «einem Siege erholen und die Möglichkeit für eine -ruhigere Politik hieben wird. Ob, wie man vermeint, wieder Giiolitbi ants Ruder kommt, bleibt vorderhand fraglich, daß man aber von dieser Möglichkeit spricht, beweist wieder die Sehnsucht nach der stärkeren Hand des Achtzigjährigen, welcher, in allen Künsten politischer Regie bewandert wie kein zweiter, einen Ausgleich dier Gegensätze versuchen soll-

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