Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1067 (18.1.1922)
- Date
- 1922-01-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980147--09983-2996288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wien, Mittwoch Nr. 1067 WIENER MÖRGENZEITÜNG 18. Jänner 1922 Seite 3 Commissioner Herbert Samuel hielt sich hier mehrere Tage auf und kehrte erst gestern nach Jerusalem zurück. Wie verlautet, standen diese Besuche im Zusammenhang mit der Auflassung der militärischen Kontrolle in Palästina durch die britische. Garnison Aegyptens sowie mit der vor. einiger Zeit vorgeschlagenen Versetzung des Generals Storrs nach dem Sudan. Rundschau. Die Wilnaer Frage. Wilna, 17. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Das serbische Mitglied der interalliierten Kontrollkommission L a s t i t s c h hat den Präsidenten der jüdischen Gemeinde Dr. U s i p o d s k i besucht und ihn um den Standpunkt der Juden in der Wilnaer Frage befragt. Lastitsch informierte sich auch über die jetzigen Lebensbedingungen und Forderungen der jüdischen Bevölkerung. Wilna, 17. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) In einem Interview, welches das japanische Mitglied der interalliierten Kontrollkommission, T s u - T s u, jüdischen Pressevertretern gewährte, erklärte er, daß für die Kontrollkommission einzig.und allein nur das Hymans-Projekt existiere, von den Sejmwahlen habe sie offiziell keine Kenntnis. Genf,. 17. Jänner. (Tel. der iWiener Morgen- Zeitung“.) Die vom Völkerbund in der Wilnaer Angelegenheit angenommene Resolution besagt, daß der Protest der litauischen Regierung zur Kenntnis genommen wird. Jedoch könne diese Angelegenheit ohne Zustimmung der beiden interessierten Parteien nicht geregelt werden. Der litauische Vertreter erklärte, daß Litauen die Uebertragung dieser Angelegenheit an ein internationales Tribunal gerne begrüßen wird. Der polnische Delegierte Askenase erklärte, die Resolution seiner Regierung zu übermitteln. Wie in maßgebenden Kreisen des Völkerbundes verlautet, wünscht der Völkerbund die Einleitung von direkten polnisch-litauischen Verhandlungen. Der litauische und polnische Vertreter sollen mit diesem Vorschläge einverstanden und die diesbezüglichen Anträge sollen bereits nach Kowno und Warschau weitergeleitet worden sein. . Die Keren-Hajessod-Kampagne in Amerika. New-York, 16. Jänner. (J. C. B.) In einer großen fCeren-Hajessod-Versammlung in Buffalo, wo Sokolow und Dr. Goldstein die Ehrenbürgerschaft der Stadt " vom Bürgermeister überreicht wurde, sind 20.000 Dollar für den Keren H a j e s s o d. gesammelt worden. Bei einer Versammlung in Brooklyn gingen 17.835 Dollar in bar ein. Poincare geht nach Genua. Paris, 17. Jänner. „New York Herald“ teilt mit, es sei die Absicht PoincarSs, an der Konferenz von Genua teilzunehmen, wenn Lloyd George und Bonomi beschließen sollten, persönlich England, beziehungsweise Italien zu vertreten. Eine Orientkonferenz Ende Jänner. Paris, 17. Jänner. (Havas.) Ministerpräsident Poincare. und der englische Außenminister C u r z o n erörterten gestern die Orientfrage und kamen darin überein, daß eine Lösung dieser Frage dringlich geboten erscheine. Die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens und Italiens werden Ende Jänner oder anfangs Februar zusammentreten und die gemeinsam einzunehmende Haltung festsetzen. Der kemalistisch-ukrainische Vertrag unterzeichnet. Moskau, 17. Jänner. (Funkspruch.) Am 2. Jänner ist der türkisch-ukrainische Vertrag unterzeichnet worden. Tagesbericht. Das Jubiläumsjahr des Keren Kajemeth TJisrael. Dea* 18. Teweitlh kt ein bedeutsamer Gedenktag (n -der Geschichte der zionisti'S'chen Bewegung. An diicsem Tage hat, vor zwanzig jaihiren., der V. Zionistenikongreß die Gründling des Keren Kajemeth Lejisrael 'beschlossen. Damit nahm der erleuchtete Plan, dein Professor S c h a p i r a schon an der Werde stunde unserer Organisation vertreten und den der I. Kongreß als den Beginn der Erlösung unseres Landesmit begeisterter Zustimmung ausgenommen hatte, feste Gestalt an. Es stand den Vertretern unseres Yoilkes vor der Seele, einen Fonds- ®u schaffen, der den Boden Erez Jiisraels in das unveräußerliche Eigentum des jüdischen Volkes1 {bringt und damit den nationalen Charakter der jüdischen Siedlung dauernd sichert. Und Herzl, der seine ganze Persönlichkeit für die Gründung des Keren Kajemeth eingesetzt hatte, gabihm die denkwürdigen Worte zum Geleit: »Das Vo-lk soll nicht muir der Stifter, sondern auch der dauernde Herr dieses Zweckvermögens sein.« Im Keren Kajemeth ist ein hoher Gedanke der mosaischen Gesetzgebung wieder aufgelebt, die Idee der sozialen Gerechtigkeit! Deshalb wandte sich dem Keren Kajemeth/von der ersten Stunde die Sym- .pat'hie, ja die Liebe aller Juden zu. Seine Einnahmen, •die' sich aus kleinen und kleinsten, -stets erneuten Spenden von tausenden und abertausenden' seiner Freunde in allen Ländern der Welt zusammen setzen, stiegen trotz der größten Katastrophen, die über unser Volk hereinhrachen, unaufhaltsam, von 12.000 Pfund Sterling im ersten SammeljakT 1902 auf 161.000 Pfund Sterling im Jahre 1920. Und die Gesamtsumme der Spendeneinnäihmen des Keren Kajemeitih in -den 20 Jahren seines Bestandes beläuft sich auf 880.000 Pfund Sterling. Dank ,diesem Aufschwung konnte unser Volkssdhattz seine Arbeit/ in Erez Jisrael alsbald aufnehmen. Zunächst galt;ps,i die;Voraussetzungen für den zweckmäßigen Erwerb des Bodens und seine Kolonisierung zu schaffen. Deshalb hat der Keren Kajemeth äü$ seinen Mitteln alle Ansätze einer nationalen Besiedlungstätigkeit zu fördern gestrebt und so die Begründung neuer, selbständiger Kolonisationsinstitute erleichtert. Als nun, nach San Remo! die Hemnisse des Bodenerwerbs in Wegfall kamen und die oberste zionistische Instanz den Koren Kajemeth als Träger der Jüdischen Bodenpolitik in Stadt und Land proklamierte, hat er, seiner eigentliichen Aufgabe wieder zugewandt, den nationalen Bodenbesitz mit festem Entschluß auf 75.000 Dunam hochgebraohifc. Hiemit sind die Anfänge einer wahrhaft nationalen Besiedlung ermöglicht, aber noch lange nicht die Aufgaben unseres Volksschatzes erfüllt. Allein im letzten Jahre hat er Land um 360.000 Pfund Sterling gekauft und sich für lange hinaus mit Verpflichtungen belastet; er muß sie ein losen, er muß die gekauften Böden ameliordersn, er muß für die dringenden Bedürfnisse tausender. Volksgenossen, die nach Erez Jisrael strömen und dort nach Land und Arbeit verlangen, planmäßige Vorsorge treffen, er muß eine große Landreserve sichern. Der 20. Gedenktag des Keren Kajemeth ruft alle seine Freunde, ruft das ganze jüdische Volk zu Einkehr und Arbeit. Das Jubiläumsjahr sei in doppeltem Eifer, in. doppelter Anstrengung ' dem Dienste unseres Voliksschutzes geweiht. Das Fundament der nationalen Kolonisation ist und bleibt der Boden. Geulah Titnu Laarez. .Bringt dem väterlichen Boden Erlösung, erschließet dem landlosen Volke die,Quelle neuen Lebens! Das Direktorium des Keren Kajemeth TJisrael: Ussischkin Schocken Die zionistische Exekutive: W e i tz m aji n. - Im Tebeth 5682. Von innen heraus und von außen hinein. Ein Beitrag zur alldeutschen Sittenlehre. Die s>Deutschösterreichische Tageszeitung« nimmt Bismarck gegen den Vorwurf in Schutz, daß ihm die Tragweite des jüdischen Problems nicht völlig bewußt war. Der. Begründer des Deutschen Reiches stand eben auf einer tieferen Zeitstufe und konnte - daher nedh der Auffassung des großdeutschen. Blattes nictit den weiten Blick der auf um so viel höherer -und fortgeschritteoi'erar Stufe stehenden Teutonen haben, deren weiser Politik die Vernichtung des Deutschen Reiches zur Last fällt. Nur einen Gipfel der kommenden Entwicklung hat ihm sein Genie noch gezeigt: die sittlich«'Höhe des U r s i n schon Parteiprogramms, demzufolge die Judenihekämipfung in dem Moment' aiufzuhören habe, wo für den Antisemiten ein Geschäft auf dem Spiele steht. >Der Mensch kann nicht gleichzeitig R e a 1 p o 1 i 11 k e r sein und all« vorhandenen Kräfte zu seinen großen Zielen und Zwecken ausnützem und verwerten uind gleichzeitig Reformator, bei dem die Erkenntnis groß genug ist, reale Kräfte im Dienste der Erneuerung und Erlösung nicht zu benützen, sondern zu bekämpfen und ihre Vernichtung vorzuberei-ten.« Der unerschrockene Bismarck-Verteidiger scheidet von dieser hohen Warte aus das Leben des eisernen Kanzlers in zwei Abschnitte: »Die erste Periode bis zur Kanzlerschaft, in der er gleichsam mehr von innen nach außen lebte und ganz demgemäß dachte, handelte und verordnete,' was seinem innersten Wesen entsprach; die zweite, da alle Fäden der Macht der wohl überblickten realen Kräfte in seinen Händen zusammen! iefen und er, .mehr von außen nac h innen l e b e n d, all die unendliche Mannigfaltigkeit des wohlerfaßten Gesamtlebens erkennt, benützt und verwertet, um sein großes Ziel mit ihrer Ausnützung und Hilfe zu erreichen.« Die nähere Ausführung dieses Gedankens ergibt dann das Resultat, daß Bismarck von innen nach außen Antisemit gewesen ist, nämlich wenn er. seinen Gefühlen folgen durfte, dagegen , von außen wach innen nicht, nämlich wenn es die Ausnützung und Verwertung der dem Judentum eigenen geistigen und materiellem Ueberlegenhcit galt. Bismarck hat also, obwohl auf »tieferer Zeitstufe« stehend, doch die Ethik der »Deutschöstenreiohischen Tageszeitung« vorausgeahnt und vorweggenommen, wobei etr nur die eine unange- Fertige Anzüge SJeberröcke und Mäntel zu Eröffnungspreisen m Naschmarkt-Warenhaus, V., linfiie Wleizoile« nehme Erfahrung machen mußte, daß die Juden, die er awsnützte,. auch ihrerseits,' aus den Beziehungen zum Kanzler. Vorteil zu ziehen suchten. Eine Erfahrung, die zum großen Mißvergnügen des großdeutschen Zeilenschinders jeder machen muß, »der sich mit Zion zu gemeinsamem Vorgehen zu- 1 sammebtatif. Wen das nicht von der jüdischem Verderbtheit übet zeugt, dem ist nicht mehr ziu helfen ... Aus Lenins Lehrjahren. In der »Baseler Natiowalzeitung« schreibt Out* sider: In dar Moskauer ihiistnriscbem Monatsschrift »ProletairskEijo Revoluzia« (die UÜbersetzung darf iidh mirwohl ersparen) werden inferesaaute Aus-i züge aus den Archiven des Gymnasiums der Stadt Simbirsk vom Jahre 1887 mitgeteilt. In diesem (humanistischen) Gymnasium holte ®idi der gefürchtete Diktator, selbst Sohn eines Gymnasial^ leihmecs der Maithemaitiik, seine Mittelschulbildung, In Rußland ist »1« ,die .schleditesjiej :unjd »5« die beste Note. Das Maturitätszeugnis Leninis .(dessen wirklichen- Nctoie Wladimir Uljbmow ist) enthält nun für sämtliche Fächer die Note »5«; miutr vd*s Examen in der Jogik ergab die Note,..»4«. Kein Wunder, daß Lenin von der »Pädagogenkoniferewz«: , des Simbirsker Gymnasiums mit der goldenen dadlle ausgezeichnet, .worden wair.v Die Lehrer'. Qhairak'terisierten , ihn als »iyMen stark, ‘begabt^ fleißig und pünktlich«. - Der menkwürdige Zufall-.wollte es, j daß- .dais Gymnasium vom |8-MbMk>'- wHhreM-:.-d>pr Studienzeit . Lenins von Fedor Kerenskd, dem Vater, des Revohi« - 'tiönsministers Alexander / Fedor-OwitHch Ke.reüskr, ' der beikannt'lich Lenins Vorgänger und erbittertster!, Gegner ist, geleitet war. Der alte GymuasiaMir ektof Kerenslci schreibt im Abgangszeugnis seines Schülers Lenin u 0.: »Uljanow zeichnet sich durch gutes’ Benehmen, hervorragende Entwicklung' und erfolg* reichen Studiengang aus. Seihe, moralische Stand* haftigkeit verdankt Uljanow seinen strengen Ekern, besonders der frommen Mutter, die auf häuslich« Disziplin hielt. Im Gharakter Uljanows fällt ml? übermäßige Verschlossenheit auf. Uljanow meidet den Verkehr ^sogär mit seinen Kameraden. Weder] innerhalb, noch außerhalb des Gymnasinmis hat abet Uljanow durch Wort oder Tat je Anlaß zur Miß, bilügung seitens seiner Lehrer gegeben.« Wenn der brave Gymnasialdiirebtor Fedofi Kerenski damiaäs gewußt hätte, welche Rolle damals seinem Sohne. Alexander und seinem Lieh- 1 Ingas clhüler Uljanow,. in der Geschichte Rußlands beschieden sein werde! Französischer Schieberroman aus Wien« In Pariser Blättern wird jetzt ein neuer Roman von Pierre Hamp viel besprochen, der unter dem Titel „Der Goldsucher“ das Leben und Treiben in der Schieberwelt behandelt. Ort der Handlung ist W i e n, wo der französische Romandichter längere Zeit geweilt und das Schieberwesen studiert haben will. Nach der allgemeinen Meinung der Kritik ist der Roman Pierre Hamps ein bleibendes Denkmal des Schiebertunis, in dessen Tiefen der Autor eingedrungen ist Die Hauptpersonen sind neben einigen kleinen und großen Agenten ein ungarischer Graf, ein Franzose und ein Tscheche. In diesen drei Personen verkörpert sich das Schiebertum, wie es Pierre Hamp gesehen hat. Meine Herren! — sagt an, einer Stelle der ungarische Graf zu dem Franzosen und dem Tschechen — mein Wort ist wie die heilige Schrift Wenn ich von einem Gegenstände sage, daß er einst im Besitze von Marie Antoinette war, so ist /as so viel, wie wenn es Marie Antoinette selbst sagte. Worauf einer der Schieberagenten. Herr Salzbach, gelassen antwortet: Ich glaube es Ihnen ja gerne, lieber Herr; Graf, daß Sie im Aufträge der Marie Antoinette vergehen. Aber so viel Provision, als ich Ihnen geben werde, wird Ihnen Marie Antoieette nie geben . . . » Und so wirbeln die großen Geschäfte dieser Oberschieber durcheinander. Sie sprechen von ihren Lagern in Amsterdam und in Genua, beraten,., mit würdigem Ernst über das Thema, wie man die abgeschlossenen Waggons von Pferde- und-Hündewurst am leichtesten wieder loswerden könnte, dann geht man ganz unvermittelt zu Platin und Goldstücken über und landet bei einer, großen Zuckerscliie^ung. Zwischendurch streift man das PetroleutngesChäfti # interessiert sich auch für Radium und. selbst die die Tiroler Waldungen und die Wasserfälle lassen diese Großmeister des Schjeberun wesens nicht kalt. Einer .überbietet ’ den. andern im Geben und Nehmen und ganz besonders ist es de? ungarische Graf, dessen Phan asie unerschöpflich ist und der außer dieser regen Phantasie auch noch seinen Namen als Trumpf ausspielt, mit dem er jedes Geschäft deckt Ein Kritiker ist der Meinung, daß der „Goldsucher“ von Pierre Hamp für alle Zeiten das treffsicherste Dokument der gegenwärtigen Schieberzeit bilden werde. Regenmäntel Hamm» und Damenwäsche, 7©xSIIuirad Stückwaren, ©ISes erstkrassSgg und billigst Im Warenhaus ljQMrM-TelepM7179 En gros 1074 En detail