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Wiener Morgenzeitung · 1922-01-18 · Heft 1067 (18.1.1922) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1067 (18.1.1922)
Date
1922-01-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2__Wien, Mittwoch_ gekommen. Die »Tägliche Rundschau« macht darauf aufmerksam, wie gefährlich diese Verschiebung von Berlin mich Prag ist. Zaun ersten Male wird hier von rechtsstehender Seite dieselbe Argumentation verwendet, die von jüdischer Sette Jahrelang tauben Ohren gepredigt wurde. Es wird auf die große Bedeutung der russischen Emigranten für die künftigen deutsch-russischen Beziehungen, insbesondere für die Handels- und wissenschaftlichen Beziehungen, hingewiesen. Allerdings darf niaht übersehen werden, daß bei dieser Sehnsucht nach den russischen Emigranten der Umstand eine Rolle spielt, daß man in ihnen konterrevolutionäre Elemente vermutet, die gerade die »Tägliche Rundschau« gern in Deutschland sieht. {Trcftzdem ist es won großer Bedeutung, daß einmal die Erkenotnis ausgesprochen wird, daß auch die Behandlung der Ausländer in Deutschland ein für die künftige Stellung Deuts chlk'N'chs außerordentlich.wichtiges Moment darstellt. Man darf begierig sein, ob aus dieser Erkenntnis nun auch' in der -praktischen. Ausländer litik der hinter, der »Täglichen Rundschau« stehenden Partei die .entsprechenden Konsequenzen gezogen werden. . Oesterreich. Zur Krise. Daß Bundeskanzler Schober das Ausscheiden Dr. W a b e r s aus seinem Kabinett mit dem diesem Ereignis angemessenen Gleichmut aufgenommen hat und nunmehr fast noch nachdrücklicher als früher auf der baldigen Erledigung des Lanaer Abkommens durch den Nationalrat besteht, wurmt die Großdeutschen grimmig. Der Ton, den ihre-Presseerzeugnisse gegen den Bundeskanzler anschlagen, wird immer ungnädiger. Namentlich die montägige halbamtliche Auslassung der offiziösen Politischen Korrespondenz deuten die Nachfahren des Deutschen Nationalverbandes ganz richtig als einen ihnen erteilten (allerdings nicht unverdienten) Fußtritt. Aus dem großdeutschen Lager ertönen darum scharfe Kampfansagen gegen den Bundeskanzler, dem jetzt einfür allemal die Freundschaft gekündigt wird. Die Großdeutschen lassen verlauten, Kanzler Schober werde, wenn er sich den Lanner Vertrag mit Hilfe der Sozial emokraten bewilligen lasse, nie und nimmermehr ihrer Unterstützung teilhaft werden können. Machen die Deutschnationalen ihre Drohungen wahr, so Ist tatsächlich mit der G e s a m t d e m i s s i o n der Regierung Schober — allerdings erst nach Ratifizierung des Lanaer Abkommens — zu rechnen. Was dann kommen soll, darüber scheinen sich die führenden Persönlichkeiten des Nationalrates, obwohl sie schon seit Wochenbeginn eifrig die Köpfe zusammenstecken, noch nicht klar geworden zu sein. Die Christlichsoziale Vereinigung für den Prager Vertrag. Gestern nachmittags hielt die Christlichsoziale Vereinigung unter dem Vorsitze des Obmannes Dr. Seipel eine mehrstündige Klubberatung ab. Der Obmann berichtete über den Vertrag?on Prag und die durch die Stellungnahme der Reichsparteileitung der Großdeutschen Volkspartei vom 15. d. M. geschaffene- Lage. Nach eingehender Wechselrede beschloß die Vereinigung einstimmig, auf der ehesten parlamentarischen Behandlung dieses Vertrages zu bestehen. Die Vereinigung beschäftigte sich auch mit dem Fall D r. W a n e c k. Der Obmann teilte die Antwort der Großdeutschen Volkspartei mit, die er auf seine Beschwerde in dieser Sache erhalten hat," Die Christlichsoziale Vereinigung erklärte einstimmig, diese Antwort als völlig ungenügend nicht zur Kenntnis nehmen zu können. Beginn der Kreditverhandlungen mit der Tschecho-Slowakei. Wien, 17. Jänner. Die Politische Korrespondenz schreibt: Die Detailverhar.dlungen über den bei den Prager Konferenzen zugesagten tscheeho-slowakischen Kredit werden demnächst aufgenommen wercleh, Die tschechoslowakische Regierung hat ihre Unterhändler bereits nominiert und Oesterreich die Festsetzung des Datums für den Beginn der Verhandlungen überlassen. Die Liste der österreichicchen Delegierten wird nunmehr fertiggestellt und die Verhandlungen werden alsbald eröffnet werden. Die Tschecho-Slowakei refundiert der* Gemeinde Wien über eine halbe Milliarde Kronen. Wien, 17. Jänner. Die Politische Korrespondenz schreibt: Unter den wirtschaftlichen Angelegenheiten, von deren Erledigung Bundeskanzler Schober in Prag die Einleitung einer Aussprache üb^r das politische Abkommen abhängig gedacht hat, befand sich auch die in mehrfacher Hinsicht wichtige Frage cUr Doppelbesteuerung der Wiener Gaskohle. Hier wurde ein Übereinkommen geschlossen, in dem die tschecho-slowakische Regierung zugesteht, daß für die Zuku ft eine Doppelbesteuerung zu unterbleiben hat Gleichzeitig hat die österreichische Regierung von der tschechoslowakischen Regierung die Zusage erwirkt, die Refundierung der aus der Doppelbesteuerung ' bereits eingehober.en Beträge in wohlwollende Erwägung zu ziehen. Nunmehr liegt eine WIENER MORGENZEITUNG Meldung vor, derzufolge in Erfüllung dieser Zusage die tschechoslowakische Regierung die erwähnte Angelegenheit dahin erledigt hat, daß an die Gemeinde Wien 6,747.000 tschechoslowakische Kronen refundiert werden. Der Handelsvertrag mit Ungarn. Wien, 17. Jänner. Die Politische Korrespondenz meldet, über den Stand der handelpolitischen Besprechungen mit Ungarn: Die handelspolitische Kommission , hat heute ihre Arbeiten geschlossen. Sie hat den im Jahre 1920 fertiggestelltcn Entwurf eines Handclsübereinkommens einer neuerlichen eingehenden Lesung unterzogen und mit einigen Ergänzungen und Abänderungen versehen, die nicht tief eingreifender Natur sind. Dieser Entwurf ist im wesentlichen ein Meistbegünstigungsvertrag, in .dem alle jene Grundsätze niedergelegt sind, die sich nach der' bisherigen Praxis zur Erleichterung des Warenverkehrs zwischen zwei Staaten als wünschenswert erwiesen haben. Der Abschluß eines Tarifvertrages, der auch erörtert wurde, war nicht möglich, da die ungeklärten wirtschaftlichen Verhältnisse eine Bindung auf diesem Gebiet vorläufig nicht zulassen. Jedenfalls wird aber nach dem Vertrag die bisherige Differenzierung österreichischer Waren ia Ungarn nicht mehr möglich sein. Der Vertrag selbst ist hier paraphiert worden und soll noch im Laufe dieses Monats in Budapest formell unterzeichnet werden. Budapest, 17. Jänner. (U. T.-K.-B.) Der außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister Ludwig V a 1 k o, Staatssekretär K e r n 11 e r und Ministerialrat Hauer sind aus Wien nach Budapest zurückgekehrt, um bezüglich der Details der österreichischen Vorschläge mit den kompetenten Fachreferenten des Finanzministeriums in Berührung zu treten. Die mit der Verhandlung der finanziellen F ragen Beauftragten reisen unter Führung des Gesandten V a 1 k o und des stellvertretenden Staatssekretärs Paul E r n y e i Ende dieser Woche zur Fortsetzung der Verhandlungen nach Wien ab. Die Einladung Oesterreichs nach Genua. Amtlich wird mitgeteilt: Der Italienische Gesandte Orsini-Raroni hat am Dienstag dem Bundeskanzler Schober eine Note des italienischen Ministers des Aeußern Marchese della Torretta übermittelt, mit der Oesterreich gemäß der Resolution, die am 6. d. M. auf der Konferenz zu Cannes angenommen wurde, zur Teilnahme an der wirtschaftlichen und finanziellen Konferenz eingeladen wird, die am 8. März 1922 in Genua beginnt Germanendank. Bundesminister Dr. Wabe r verabschiedete sich gestern von der Beamtenschaft des Ministeriums für Inneres und sprach allen Herren und Damen für ihre Unterstützung während seiner Amtstätigkeit seinen herzlichsten Dank aus. Er verwies darauf, daß das Bundesministerium für Inneres während seiner Amtswirksam eit mit dem Aufgebot aller Kraft und allen Fleisses das O p t i o n s g e s c h ä f t, das so große Anforderungen an das Ministerium gestellt hat, zumAbschlusse geb rächt hab e. Diese Bösheit wirft kein schönes Licht auf den Charakter des scheidenden Ministers. Auch jene Kreise, die in der unentwegten Abweisung aller jüdischen Optionswerber ohne mühevolies Ansehen der Perso.ii ein Verdienst des Waberschen Regimes erblicken, werden die Frozzeiel peinlich empfinden, die die Beamtenschaft von ihrem gewesenen Ressortchef in der Abschiedsstunde einstecken mußte. Auch Ter grimmigste Gegner der Bureaukratib hatte keine bissigere Blasphemie erfinden können, als die Behauptung, daß die Ausfüllung vorgedruckte r Abweisungsformulare ein Geschäft ist, 1 daß die Beamten nur mit dem Au fgebot aller Kraft und allen Fleißes erledigen konnten. Was soll die Bevöl' erung von Beamten denken, denen ihr oberster Chef eine solche Qualifikationsnote ausstellt? Noch dazu öffentlich! Wenn das keine ausgesuchte Bosheit war, dann war es eine eklatante Verletzung des — Amtsgeheimnisses. Tschecho-Slowakei. Eine. Kommission für die Konferenz von Genua. Prag, 17.v Jänner. (Preßzenfrale.) Wie „Cas* erfährt, wurde die Tschecho:Slowa' el offiziell zur Teilnahme an der wirtschaftlichen Konferenz in Genua eingeladen. Im 'Außenministerium wurde zu diesem Zwecke eine besondere Kommission errichtet, welche mit der Vorbereitung des nötigen Materials betraut wurde. Diese, Kommission tritt diesen Samstag zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Ein tschecho-slowakischer Lloyd* Prag, 17. Jänner. (Tel.-Komp.) Wie die „Tribuna“ erfährt, will die tschechoslowakische Dampfschiffahrtsgesellschaft mit Hilfe von Privatkapital einen tschechoslowakischen Lloyd ins Leben rufen, der zunächst den Dampfschiffverkehr auf dem Schwarzen Meer zwischen russischen, rumänischen und bulgarischen Häfen vermitteln soll. Später soll der Lloyd (en Verkehr auch auf Südamerika. Indien usw. ausdehnen. 18. Jänner 1927_ Nr. 1067 Jugoslawien. Schließung der Agramer Börse? Belgrad, 17. Jänner. (Privat.) Die Regierung beabsichtigt, die Agramer Börse wegen Devisen- und Valutamanipulation, die dm Kurs des Dinars im Auslande drückten, zu schließen. Die Belgrader Börse soll unter Regierungsaufsicht gestellt werden, Polen. P. Lutoslawskis — Gedächtnisschwäche* Warschau, 17. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgen* zeitung“.) Wie wir vor einiger Zeit gemeldet haben, hat der Jüdische Sejm’ lub den Sejmmarschall in der Angelegenheit der Verleumdungen des P. Lutoslawski interpelliert. Vor einigen Tagen ist dem Jüdischen Klub vom Marschall Trompczy nski ein Schreiben zugekommen, in dem festgestellt wird, daß die von Lutoslawski erwähnte und ihm gegenüber gemachte Aeußerung eines jüdischen Abgeordneten, wonach die polnischen Juden Rußland und der Ukraine vor Polen den Vorzug geben, nicht richtig sei, „in diesem Falle scheine H. Lutoslawski sein Gedächtnis irregeführt zu haben“. Mit anderen Worten — H. Lutoslawski hat wieder einmal eine Unwahrheit behauptet. Oeffentlichkeitsrecht für eine« jüdische Mittelschule. Warschau, 17. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Das Unterrichtsministerium hat v r einigen Tagen zum, ersten Male einer Warschauer Mittelschule mit jüdischer Vortragssprache das Oeffentlichkeitsrecht erteilt Ungarn. Nationalversammlung, Budapest, 17. Jänner. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Vor Eingehen in die Tagesordnung erklärt Kultusminister V a s s, daß der Ministerpräsident und er sich gleich* geblieben seien, jedoch die Königsfrage eine andere geworden sei. Zu Ostern sei der König allein zurückgekehrt, jetzt sei er mit bewaffneten Soldaten gegen die Hauptstadt und die Regierung gezogen. Als er ohne Waffen einzog, stand man ihm als Herrscher , gegenüber, der die Macht mit konstitutionellen Mitteln zu übernehmen versuchte, nun aber standen < ie Interessen des Königs und des Landes ganz im Gegensatz zueinander. Abgeordneter Stephan Friedrich erklärt, daß er und seine politischen Freunde Legitimisten seien, da sie auch auf diesem Wege die Integrität Ungarns wieder zu erreichen hoffen, Er erklärt namens sämtlicher oppositionellen Parteien, daß die Opposition geneigt wäre, die Indemnitätsdebatte sofort zu beendigen, falls die Regierung die Wahlrechtsreform unterbreite. Von einer Einschränkung des Wahlrechts könne jedoch keine Rede sein. Redner befaßt sich sodann mit dem Exposö des Fi anzministers und erklärt. daß eine neuerliche Banknoteninflation dieselben zerrüttenden Folgen nach sich ziehen würde, die das volkswirtschaftliche Leben Ruß* . lancls, Oesterreichs und Polens untergraben haben. Die Karl-Brigade. Budapest, 17. Jänner. Wie die Blätter melden, hat die Polizei, einen ehemaligen Hauptmann verhaft e t, in dessen Wohnung mehrere kompromittierende Schriftstücke gefunden wurden, dis sich auf die Errichtung einer Karl-Brigade beziehen. Die Polizei hat festgestellt, daß mehrere ehemalige westungarische Aufständische an diesen Vorbereitungen teilnahmen. Einer derselben wurde gleichfalls verhaftet. ■ ■ ■ Rumänien. Einberufung einer Minoritätenkonferenz# Klausenburg, 16. Jänner. (J. C. B.) Der Staatssekretär für nationale Minoritäten Hortopan ist während seines Aufenthalts in Siebenbürgen mit den Vertretern der Minoritäten in Fühlung getreten. Minister Hortopan wird auch über den politischen Standpunkt der jüdischen Minorität Informationen einholen» um nach Anhörung aller Richtungen eine Konferenz der Minoritäten zusammenzurufen. Reorganisierung der jüdischen Gemeinden. Bukarest, 16. Jänner. (J. C. B.) Da die Reorganisation der jüdischen Gemeinden erst jetzt begonnen hat, wurden in allen Ortschaften, wo keine Kultusgemeinde i bestehen, zwei- bis dreigliedrige jüdische Interimskommissionen als vorläufige Vertre ungen der Judenheit errichtet. Diese Kommissionen besitzen auch in den Magistraten beratende Stimme. Palästina. General Storrs verläßt Palästina? Kairo, 16. Jänner. (J. C. B.) Der Gouverneur von Jerusalem, General Storrs, weilt hier seit einigen Tagen als Gast des ägyptischen Oberkommissärs Marscliall A 11 e n b v. Auch der High

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