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Wiener Morgenzeitung · 1922-01-12 · Heft 1061 (12.1.1922) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1061 (12.1.1922)
Date
1922-01-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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'Seite 2 Wien, Donnerstag WIENER TJmRX3ENZETTüNff Nr. 1061 12. Jänner 1922 Brief aus Wilna. (Von unserem Korrespondenten.) r. Wilna, 6. Jänner. Die Wilbaor J-uden^chaft steht jetzt vor schweren Ewtscheidu'n'g'on, die für ihre Zukunft von großer Bedeutung sein kommen, Die ganze jüdiche und aicbtjüdi&che Gesellschaft wird von der Frage der jüdischem Stelilumgmahme zu dem Wahlen beherrscht. Deal polmrisdian Regierutng’sikreisen in Wilna und im Warschau ist es daran gelegen, die jüdische Bevölkerung für den aktiver, Amteil am der Wahlbewegumg zu gewinmem, da in diesen Kreisen die iMeinung vorherrsohit, daß die Nichtteilmahmne der ‘Juden äm dem Wahlen die 'pclmi'sdtiem Aspirationen auf Wilma im Ausland stark schwächen würden. Man ist sogar der Ueberzeugumg, daß der Völkerbund bei seiner endgültigem , Entscheidung über die Wiln-aer Frage mit der Nicfhtteilnalime.- der Juden als Beweis, daß ein großer Teil' der dortigen Bevölkerung mit der Inkorporierung Wilma® am Polen unzufrieden sei, rechnen wird. Aus diesem Grunde bestrebt sich die ipolnisohc Presse sowohl in Wilma als auch im Warschau, mit allen möglichen Mitteln di« Juden veft der Notwendigkeit ihrer Teilnahme am Sejm zu überzeugen, und man merkt sogar, daß die hiesige polnische Presse ganz andere Töne in der Behandlung der Judemfrage aasdhlägt, als es die Warschauer polnische Presse bismun getan hat. In der jüdischen Gesellschaft ist es nach langen Diskussionen gelungen, einen , einheitlichen 1 Standpunkt zu erzielen. Wie bekannt, haben die Führer der Folkisfempsurtei, die hie, ohnehin mahlt besonders stank ist, auf Zureden der Führer der Warschauer Folkisten noch im Sommer versucht, die Wilnaer Judemschaft für den Anschluß an Polen mit der Begründung zu gewinnen, daß vom wirtschaftlichen Standpunkt-die Wilnaer J-udenschaft nur bei einem Anschluß an Polen eine bessere Zukunft zu erwarten halbe. Nur infolge des Auftretens Dir. Wigodskis und Rubisteins ist es 'gelungen, die Judenschaft von einer dezidierten Stellungnahme im der Wilnaer ■Frage aibzufhringen. Denn ihr Eintreten für ein , polnisches Wilna hätte in Kowno eine'starke Reaktion gegen die jitdiscbnadomale Autonomie hervomrufen müssen, weil die Litauer in diesem Falle darauf hin weisen könnten, daß die Judenschaft bei der Beurteilung ihrer Stellung zur Wilnaer Frage auf keinen Fall mit den Erfolgen der jüdischen Autonomie in Litauen rechne. Den besten Ausweg aus dieser sowohl für die Kownoer als auch für die Wilnaer Judenschaft schweren Situati ’d jüdische politische Kommission im iV . :r> W a h 1 e n <t h a 11 u n g zum Seism. •C -«e-5 : :ha?tung ist eigentlich einig Pfoklamier> .4 der;r-sehen Neutralität in der territorialen F ■‘cg-1, ci-’iv.v ah wie im Ostgalizien, bedeutet j* lo>: feindlichen Aktj weder gegen Kowno o>'kh -Lg- .- \Warschau. Die maßgebenden jüdischen Fr';' ..-ref .rtreten gegenwärtig die Konzeption eines üroßlitauems (sowohl Wilna als auch Kowno), welches auf föderativer Grundlage a 1.$ ein selbständiger Staat mit Polen verbunden werden soll. Ohne sich des Nä’-einen über den Kenn dieser Lösung der Wilnaer Frage zu 'äußern, betonen die jüdischen Vertreter vor allem 'die Notwendigkeit der Verwirklichung der j ü d i- Zehen Autonomie in Wikva ähnlich wie in Kowno. Es ist klar, daß die Wilinaer Judensdhaft, die von einem starken Volksbewußtsein getragen ist, das vollste Bedürfnis noch einer nationalen -Autonomie empfindet und bereits in der Begründung jüdischer Gemeinden und eines eigenen Jüdischen Schulwesens die Grundlage eines autonomen Gemeindewesehs von selbst gelegt hat. Interessant ist, daß die polnischen Kreise gegen diese Autonomiebestrebungen der Wilnaer Judenschaft nichts eintzuWendern haben) jedoch sich nicht trauen, sie zu realisieren, aus Angst, einen Präzedenzfall zu schelfern, . der dann die polnische Regierung zwingen würde, dieselbe Autonomie auch ider polnischen Judenschaft zu gewähren. . Die Warschauer Regierung ist unaufhörlich bestrebt, die jüdkhem Führer von der Schädlichkeit der Wahl ent hartung seitens der Juden zu überzeugen. In den letzten Tagen waren sogar authentische Nachrichten verbreitet, daß einige polnisch« (Minister nach Wilna kommen werden, um persönlich mit den Vertretern der hiesigen Judemschaft Verhandlungen zu pflegen. Aus unbekannten Gründen aber wurde dieser Gedanke Ln Warschau fallen gelassen, und vor kaum zwei Tagen traf Kier eine offizielle Einladung am die jüdischen Vertreter ein, nach Warschau zu kommen., um dort mit denn Außenminister Skirmunt und Innenminister Downaro witsch Pourparlers zu pfJegen. ' Die hiesigen offiziellen Kreise sind der Meinung, daß diese Verhandlungen nur-einen inoffiziellen Charakter tragen und keine bindenden Beschlüsse zeitigen werden. Im Auftrag der hiesigen Juidensohaft reisen der Präsident der jüdischen Gemeinde Dr. Wigodski, Ratbbiher Rubinstein und der Führer der Folkisten Dr.*Sch abad nach Warschau. Die genannten Herren haben von der politischen Kommission die Instruktion erhalten, der Warschauer Regierung vor allem die Forderungen der jüdischnationalen Autonomie klar zu machen, wie auch die Gründe, die die jüdische Bevölkerung zur Wahl Enthaltung gezwungen haben, darzutun. Man »st hier auch fest überzeugt, daß die polnische Regierung: den luden'so manche Kon- Gedenket Eurer Pressei Abonnieret die „Wiener Morgenzeitung“! Jeder Leser mnß neue Abonnenten w e r b e“nl Wenn jeder nur einen Abönnepten gewinnt, stärkt er das einzige jüdische Blatt Oesterreichs, unsere stärkste Waffe gegen eine feindliche Uebermacht. Die „Wiener Morgenzeitung“ kostet für Wien monatl. K 1000. (Bezugspreise für das Ausland am Kopf des Blattes ersichtlich) Ausschneiden und einschicken 1 I Ich abonniere die „Wiener Morgenzeitung* monatlich j und wünsche ab___die Zustellung durch die Trafik __ ..... . durch die Post_........_"..._-__ Unterschrift:............................... ... Zessionen wird, gewähren wollten, jedoch wild dieser Umstand auf keinen Fall zu einer Aenderung des Standpunktes der jüdischen Bevölkerung beitragen. ' Interessant ist auch die Stellung der orthodoxen Judepheit, die sich weniger mit der Wiln'aer Frage beschäftigt, jedoch mehr Gewicht auf die »Chedarimfnage« legt und mehr Interesse bekundet, das moderne .jüdische Schulwesen zu bekämpfen. Die orthodoxe Judeniheit sieht nach wie v>or in der Autonomie keine genügende Garantie für die Durchführung ihrer religiösen Schul forderen gen. In der letzten Zeit haben auch, die »A g u d a h -Leut e«, die hier nicht besonders stark vertreten sind, eine starke Kampagne gegen die nationalen .Bestrebungen begonnen und im Zusammenhang damit wird auch dieser Tage die Ankunft des Aguda'h-Führers Wölf Pappen heim aus W i en.erwartet, der, wie-erzählt wird, den bereits abgewirtschafteten Agudisten in Wilna zu ihrer Stärkung poch einige Injektionen machen will. Im übrigen steht'das jüdische Leben in Wilna heute infolge der bevorstehenden Lösung der Wilnaer Frage einzig und allein im Zeichen der Politik. - ' Oesterreich. Die Wohnbausteuer für Wien. Die „Arbeiter-Zeitung“ beschäftigte sich gestern mit der Wohnungsfrage und kommt zu dem Schluß, die Lösung sei darin zu suchen, daß der Bau von Wohnhäusern als Angelegenheit von Staat und Gemeinde zu behandeln ist, da die privatkapitalistische Bautätigkeit infolge der Unrentabilität eingestellt sei — wie das Blatt meint, für immer. Die öffentlichen Körperschaften hätten die Fond; für den Bau von Wohnhäusern dadurch aufzubringen, daß die Bewohner der alten Häuser, die ja niedrige Mieten bezahlen, eine eigene Wohnbausteuer enrichten, die nach der Art der Wohnung progressiv zu gestalten sein wird. Die Aufnahme einer solchen Bautätigkeit sei auch das beste Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Die Wiener Gemeindeverwaltung bereitet eben eine solche Lösung der Wohnungsfrage vor. Josef Schraffl gestorben. Innsbruck* ’! 1. Jänner. Alt-Landeshauptmann und Buhdesrat Schraffl ist heute um l/a3 Uhr morgens an den Folgen des vorgestern erlittenen Schlaganfalls im 67. Lebensjahre gestorben. Schraffl gehörte dem rechten Flügel der chi’stlichsozfalen Partei an und war im Jahre 1906 in Sillian zum’Reichsratsabgeordneten gewählt worden. Im Vorjahre fiel er gegen den Monsignore Schöpfer bei den Wahlen zum Nationalrat durch und zog sich dann aus dem politischen Leben ganz zurück. Er war einer der Führer der Anschlußpropaganda, weshalb ihn seine Partei kaltstellte. Tschecho-Slowakei. , - / Benesch und die Juden Karpathorußlarids. Kaschau, 10. Jänner. (J. C. B.) Gelegentlich des Aufenthalts des Ministerpräsidenten Dr, Benesch in Karpathorußland erschienen bei ihm die Vertreter der Judenheit, die ihn um die Ernennung jüdischer Referenten in den Sektionen der autonomen Verwaltung, ersuchten.. Ministerpräsident Dr. Benesch versprach entsprechende Fachleute jüdischer Nationalität in alle Sektionen, insbesondere in die des U n.t e rrichtswesens, tunlichst zu delegieren. - » Parlamentarisches. ' Prag, 11. Jänner. Die „Prager Abendzeitung* meldet, daß sich In der. heutigen Klubobmärinerkonferenz, der ajich der Ministerpräsident beiwohnte, die Vertreter der Opposition über die Durc!ipeit3chu:ig der einzelnen Verhandlungsgegcnsttlnde im Parlament beschwert haben. Sie betonten, daß es de- Opposition heute unmöglich sei, an den Beratungen Initiativ teilzunehmen. Die deutschen Abgeordneten wiesen insbesondere auch auf die schlechte Uebersetzung ihrer Anträge hin und darauf, daß sie in Interventionsangelegenheiten von den Ministern und Sektionschefs meist tschechische. Antworten erhalten. Wie das Blatt weiters berichtet, besteht die Absicht die Session bis zum 20., eventuell 25. jännes auszudehnen. Im Februar und im März wird das Parlament geschlossen sein. Die Deutschen erhalten eine Vertretung in der Landesverwaltung. * Prag, 11. Jänner. (Tschecho-slowakisches Preßbureau.) In der heutigen .Sitzung des verfassungsrechtlichen Ausschusses erklärte Ministerpräsident Dr. Benesch, daß die Regierung den Wünschen der Deutschen nach einer Vertretung im Landesverwaltungsausschuß *• für Böhmen auch ohne Vermehrung der Zahl der Mitglieder im Laufe des Monats Jänner Rechnung tragen werde. Prozeß gegen 300 nichteingerückte Soldaten. Pilsen, 11. Jänner. (Privat.) Vor dem hiesigen Divisionsgericht wird demnächst der Prozeß gegen 300 Soldaten durchgeführt werden, die gelegentlich der letzten Mobilisierung nicht zu ihrem Truppenkörper e$pgerückt waren. Polen. Tarbuth-Konferenz. Warschau, 10. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) In der Schlußsitzung t der Konferenz wurde eine elfgliedrige Exekutive, die mit der Leitung der Tarbulh-Organisation betraut wurde, gewählt ln die Exekutive wurden gewählt: Abgeordneter Dr. T h o n, Dr. K 1 u w e l, . Dr. Jakob Kohn, R u d n i c k i, M. G o r d o n, L e w i c k i, Dr. B. L e w i n, B e i g e 1, M i 1 n e r, Einstein und Majerowitsch. Außerkraftsetzung der Sonderbestimmungen gegen die Juden. Warschau, 11. Jänner. (Funkspruch.) Die nach der russischen Gesetzgebung noch in Kraft bestandenen Sonderbestimmungen für Juden sind außer Kraft gesetzt worden. Boykott der jüdischen Aerzte. * Warschau, 10. Jänner. (Tel; der „Wiener Morgenzeitung“.) Wie „R o b o t n i k“ meldet, wurde von einigen Warschauer Aerzten eine Gesellschaft zur Bekämpfun g der j ü d i sc h.en Aerzte begründet. Die genannte Gesellschaft verfolgt den Zweck, cjie Medizin zu „entjuden“. Sie fordert die polnische Gesellschaft auf, daß die Polen katholischen Glaubens zu keinen jüdischen Aerzten gehen. Ebenso sollen die polnischen Aerzte zu keinem Konzilium jüdische Kollegen berufen. Jüdische Apotheken und Drogerien sind zu boykottieren. Ebenso' wäre anzustreben, daß medizinische Zeitschriften keine Arbeiten jüdischer Aerzte zum Abdruck bringen. Die medizinischen Fakultäten sollen weder jüdische Studentennoch Professoren aufnehmen. — Für jeden Fall ist dies ein Zeichen, wie stark die polnische Gesellschaft von dem Antisemitismus und dessen Auswüchsen vergiftet ist Der „Bund“. Warschau, 10. Jänner. (Tel. d. „Wiener Morgenztg.“.) Vor kurzem fand in Warschau die zweite Konferenz des „Bund“, an der 49 Delegierte teilgenommen haben, statt Den Hauptpunkt der Beratungen bildete die Stellungnahme zu den 21 Punkfen der Dritten Internationale. Nach langen Debatten wurden diese Bedingungen .abgelehnt Der Patriotismus der Nationaldemokräten. Krakau, 10. Jänner. (Tel. der Wiener „Morgenzeitung“.) Wie „G o n i e c P o 1 s k i“ meldet, haben die Warschauer Behörden eie Sammlungen für Wilna verboten, da die gesammelte Gelder statt dem Wilnaer Komitee in die Kassen der. Nationaldemokraten * abgeführt wurden, wo sie für P a r t e i z w4e c k e verwendet wurden. Ungarn. Tumulte in der Nationalversammlung. Budapest, 11. Jänner. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) In Fortsetzung der Indemnitätsdebätte erklärte Abgeordneter KoVacs, daß die baldige Auflösung der Nationalversammlung eine Notwendigkeit sei. Er forderte voü seiten der Regierung das energischeste Vorgehen gegen die Elemente, die die Legalität und Gültigkeit des Entthronungs£esetzes anzuzweifeln wagen. Redner hielte es für einen großen Fehler, wenn - die Regierung sich in der Richtung nach Frankreich orientieren würde. Die. Zukunft gehört eher Deutschland als Frankreich. Als Redner zum Schlüsse der legitimlstischen Opposition wegen ihrer parlamentarischen Tätigkeit Vorwürfe, macht, entstand ein großer Tumult, so daß die Sitzung auf längere Zeit unterbrochen Werden mußte. ' Nach Wiederaufnahme der Sitzung konnte Abgeordneter Kovac3 seine Rede beenden, worauf das Haus zur Beratung der Interpellationen überging. Abgeordneter Markgraf P a 11 a v a c i n i intervenierte wegen der

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