Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1061 (12.1.1922)
- Date
- 1922-01-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1061 Wien, Donnerstag WfeMER 12. Jänner, 1922 1»°^-,!» itflni uniT^f iiMii i —--- i nii_ 'Seite 3 Mißhandlung von Offizieren nach den Vorgängen bei Budaörs, wobei er mitteilte, daß unverantwortliche Elemente auch in das Tataer Schloß einzudringen versuchten, wo der E x k ö n i g bewacht wurde. Ivan Hejjas kandidiert für jiie Nationalversammlung. Budapest, 10. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Durch den Tod des gewesenen Äckerbauministers Julius R u b i n e k ist das Mandat für den ersten Kecskemeter Bezirk frei geworden. Rubinek hatte sein Mandat hauptsächlich Ivan Hejjas und seinem Detachement, das in Kecskemet und im Umkreis die Bevölkerung in Schrecken hielt, zu danken. Nunmehr glaubt Ivan Hejjas die Zeit für gekommen, selbst nach diesem Mandat zu greifen. Er hat seine K an didafür für den freigewordenen Wahlbezirk an gern e 1 d e t und es wird allgemein angenommen, daß er auch ohne Schwierigkeiten gewählt werden wird. Der Massenitförder Ivan Hejjas, dessen Freiheit in allen oppositionellen Reden in der Nationalversammlung als klassisches Beispiel für die Rechtsunordnung in Ungarn angeführt wird, wird nun voraussichtlich in die Nationalversammlung einziehen und dadurch More hungarico mit allen seinen Abgeordnetenkollegen auf Du-Fuß stehen. Interpellation wegen des Leichenbegängnisses Josef Kiss\ Budapest, 10. Jänner. (Bericht der „Wiener Morgenzeitung“.). Im hiesigen Gemeinderat hat das Mitglied der Stadtrepräsentanz Wilhelm Karczag eine Interpellation an den Bürgermeister ängemeldet, in weicher gefragt wird, weshalb die Hauptstadt Budapest an dem Leichenbegängnisse des gefeierten ungarischen Poeten Josef Kiss nicht vertreten war. Der Interpellant führt aus, daß es, wenn selbst die gegenwärtige ungarische Regierung es als ihre Pflicht erachtete, dem ungarischen Dichter jüdischer Konfession die letzte Ehre zu erweisen/ auch der Würde der ungarischen Hauptstadt nicht geschadet hätte, wenn sie ihre Vertreter zu dem Leichenbegängnis des großen Dichters entsendet hätte, Rumänien. Das Martyrium der jüdischen Flüchtlinge am Dnjestr. König Ferdinand fordert die sofortige Abstellung der unglaublichen Zustände. Die rumänische Presse veröffentlicht Berichte über verschiedene Vorgänge an der russisch-beßarabischen ■Grenze, äiis denen ersichtlich wird, daß am Dnjestr von rumänischen Soldaten Schandtaten verübt wurden, deren Opfer die jüdischen Flüchtlinge sind, denen es gelungen ist, sich . aus Sowjetrußland zu > retten. „Mantuirea“ berichtet von Fällen, in denen Solche Flüchtlinge, darunter auch Frauen und Kinder, getö'.et oder ihrer gesamten Habe beraubt wurden. Der „Addeverul“ in Bukarest bespricht in einem Artikel die Raub- und Mordtaten, die . sich seit geraumer Zeit am Dnjestr abspielen und die in der letzten Zeit den Charakter von Massakers angenommen haben. Diese Zustände dauerten 'an, obgleich der Minister des Innern gegen Exzesse von Sol :aten eingeschritten sei, Welche sich den Kriegszustand und die Zensur für ihr Verbrechen zunutze gemacht haben. Das Blatt berichtet von einem gräßlichen Fall aus den letzten Tagen, wo eine Gruppe von acht. Personen von einem Grenzposfeh in gräßlicher Weise verstümmelt und dann erschossen wurde. Es wurde eine Untersuchung angeordnet, bei welcher zunächst die barbarische Roheit festgestellt wurde, mit der die Mörder vorgegangen waren. Die russischen Behörden forderten, daß eine Kommission von vier Offizieren die Erlaubnis erhal e, über den Dnjestr zu kommen, um sich Über die Vorfälle zu erkundigen. Die erbetene Erlaubnis wurde erteilt. IVJag es auch seltsam erscheinen, schreibt das Blatt; daß eine Kommission fremder Offiziere auf unser Territorium zum Zweck einer Enquete kommt — Tatsache ist jedenfalls, daß die russischen Offiziere die Erlaubnis erbeten und erhalten haben. Nach heute eingelangten Nachrichten steht es fest, daß diese Offiziere von unseren Grenzsoldaten, verhaftet, mißhandelt und ausgeraubt, und, nachdem ihnen alles weggenommen war, schließlich erschossen wurden, Diese Tatsachen sind nur einige von den Taten, die in präziser Form bekannt sind. Es wird uns versichert, daß noch viele andere und schwererwiegende verübt wurden. Es wird sogar vom Aufstand eines ganzen Dorfes, gesprochen, als Folge der Verbrechen, die von dem dortigen Militär begangen wurden; dieses schändete und plünderte, als wäre es in einer Negerkolonie. Mit dem Bericht über all diese Schreckenstaten, deren Urheber der Kapitän Mardarie ist, begab sich der Minister des Innern ins königliche Palais. Der König war, wie wir hören, tief berührt von den Nachrichten, die er hören mußte, und hat verfügt, daß die Herren Take J o n e s c u und Kriegsmini s't er General Holban sofort telephonisch ins Palais berufen würden. Die Diskussion, die hernach folgte, dauerte fast zwei Stunden. So viel kann berichtet werden, daß der K ö’n i g erklärt hat, er werde nicht dulden, daß diese Situation auch nur noch einen T? g dauere. Der Ministerpräsident versprach, daß die s t r e n g s't en Maßnahmen gegen .die Schuldigen ergriffen werden würden. Es wurde auch die Angelegenheit des Belagerungszustands besprochen, dem zum größten Teil diese Schreckenstaten zu danken sind. Litauen. Gleichstellung der jüdischen Gemeinden mit den städtischen Selbstverwaltungen. KoWno, 10. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung*.) Von detf zuständigen Regierungsstellen ist eine Erklärung erfolgt, wonach die jüdischen Gemeinden von der Leistung der Postgebühren und Portogebühren befreit werden, da sie im Sinne der Verfassung analoge Institutionen wie die Organe der Munizipalität und der Lokalselbstverwaltungen sind. Die Wiederaufbauarbeiten. Kowno, 10. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung^) Die hier seit längerer Zeit bestehende Wiederäufbaukommission hat vor einiger Zeit eine allitauische Konferenz der Ingenieure und Techniker abgehalten. An cler Konferenz haben über 30 Delegierte teilgenommen. Anschließend an die Konferenz fand auch eine Kunst- und Bauausteliung der litauischen Künstle!- und Architekten statt. Rundschau. Amerika gegen die Reverspässe. N^w York, 10. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgen^eftung“.) In letzter Zeit macht sich hier selbst in jenefl Kreisen, die bis vor noch nicht langer Zeit Gegner schärferer Maßnahmen zur Beschränkung der Einwanderung waren, ei e Neigung bemerkbar, die bereits bestehenden Einwanderungsbeschränkungen noch zu" verschärfen. Unter den vielen anderer! Gründen wirtschaftspolitischer Natur sind für diese Stellungnahme auch Vorgänge in den Paßstellen der Auswanderungsländer maßgebend geworden. Es häuft sich nämlich in letzter Zeit immer mehr die Zahl solcher Einwanderer aus dem europäischen Osten und merkwürdigerweise gerade jüdischer Einwanderer, deren Pässe den Revers des Paßinhabers aufweisen, durch den slfjh der Auswanderer verpflichtet, nicht mehr in s 6 in ursprüngliches Heimatland zurückzukehren. Der Besitz solcher polnischer und rumänischer Pässe bringt die betreffenden in die Ungeheuersten Schwierigkeiten und sowohl Amerika als auch Kanada v e rweigern die Landung von Besitzern solcher P ä s s e, auch in dem Falle, wenn andere Gründe zur Abweisung nicht vorliegen. IP einer furchtbaren Lage befanden sich 461 jüdische Flüchtlinge ausderUkraine, die mit einem polnischen sogenannten Reverspaß versehen nach Kanada fuhren. Den Flüchtlingen wurde die Landung 'verweigert und die Schiffsgesellschftft, welche sie herüberbrachte, “verhalten, sie wieder nach Polen zu deportieren. Die Lage der armen Emigranten, die glücklich wareii, der ukrainischen Hölle 5» entkommen, war verzweifelt Sie erklärten, bis auf den letzten Mann und das letzte Kind über Bord zu springen, wenn sie deportiert würden. ES gelang wohl den übermenschlichen Bemühungn der Mischen Einwanderer-Hilfsgesellschaft von Kanada und dtf* H i a s, diese Unglücklichen vor der Zurückbeförderung zu retten, doch wurde; diesen Gesellschaften erklärt, daß in Hinkunft jeder, der mit solchem Paß versehen oder ohne das Visum der in den Auswanderungsländern etablierten kanadischen Paßstellen nach Kanada kommt, rücksichtslos deportiert werden wird. Es wäre daher Aufgabe aller europäischen jüdischen Gesellschaften, die sich mit der Emigr^tionsfrage befassen, in dieser Hinsicht aufklärend zu wirken und ihre Schützlinge durch rechtzeitige Warnung vor unsäglichen Leiden zu bewahren. Bareingänge kür den Keren Hajessod in Amerika. London, 10. Jänner. (J. C. B.) Der letzten Dezembernummer des amerikanischen „The New p a 1 0 s t i n e“ zufolge gingen bis dahin 8 5 0.000 Dollar in bar für den Keren Hajessod ein. wurde eine intensive Kampagne zur Einkassierung dir auf ungefähr ' 2V» Millionen Dollat lautenden Zeichnungen aufgeriommen, die unbeschadet der weiteren, auf neue jüdische Kreise ausgedehnten Keren-Hajessod-Aktion vor sich gehen soll. Per Kommunismus in Amerika. New York, 10. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“*) Die Kommunisten haben lip Dezember eine neu® Partei organisiert, die alle Schattierungen der radikalen Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten umfaßt. Diese Partei hielt einen Konvent ab, auf dem 150.000 Mitglieder von Gewerkschaften vertreten wareri* Auf diesem Konvent wurde der Vereinigte A’rbeiterrat von Amerika gebildet Es wurdtf. erklärt, daß es sich vor allem darum handle, den Gewerkschaftsführer Samuel Gompcrs zu beseitigen. Gompers hat, wie mqn weiß, seit Beginn des Krieges die Gewerkschaften in nationalem Fahrwasser gefühft* Die konservative Arbeitervertretung Für den Fasching Seidenstoffe, Etamine lind Dirndlstoffe In unerreichter Auswahl infolge kleiner Regien am billigsten bei KANN & FRIED VI., Linke WBenxelle 40 463 I m H o ff « des ganzen Landes soll sich indessen zu einer einzigen großen Union vereinigen, um dann mit gesammelten Kräften die Kommunisten zu stürzen. Polizeiagenten der Vereinigten Staaten haben zwar noch keine Verhaftungen von Kommunisten vorgenommen, es ist ihnen aber gelungen, sich eine vollständige Liste aller maßgebenden Persönlichkeiten zu verschaffen. Sitzung des Völkerbundrates. Genf, II. Jänner. (Eigenbericht der „Wienef Morgenzeitung“.) Gestern ist in Genf der Völkerbundrat zu einer neuen Tagung zusammengetreten. Auf der Tagesordnung befinden sich unter anderem: Die Neuwahl des Oberkommissärs des Völkerbundes in Danzig sowie einige strittige Punkte zwischen Danzig und Polen. Ernennung einer neuen Regierungskommission für das Saarrevier sowie Festsetzung der staatlichen Zugehörigkeit der dortigen Bewohner. Ernennung-einer ständigen beratenden Kommission für die Gesetz* •gebung, welche auf die, Unterdrückung des. Frauen- und Kinde rhandels.- hinzielt. Neutralität der Aalandsinseln. Konstituierung einer Sanitäts- und Epidemiekommission beim Völkerbund. M i n d e r h e i t s s c h u tz in den baltischen Staaten. Wahl einer Kommission für das Studium von Fragen der geistigen Zusammenarbeit unter den Völkern. Beschwerde Finnlands gegen die Sowjetregierung wegen Nichteinhaltung des Vertrages über Karelien. Der polnisch-litauische Streit. Die staatsbürgerliche Stellung der Bevölkerung der Mandatsgebiete. Die Situation der Armenier in Z i 1 i z i e n usw.. Die Wirtschaftskonferenz. London, 11. Jänner. (Privat) Wie dffiziell mit-* geteilt wird, tritt die Wirtschaftskonferenz der fünf Hauptmächte anfangs März in London zusammen. Man glaubt bestimmt, daß Deutschland die Einladung zur Konferenz annehmen wird. Das neue irische Kabinett. Dublin, 11. Jänner. (Reuter.) G r i f f i t h wurde mit allen gegen eine Stimme zum Präsidenten des Dail Eireann gewählt. In dem neugebildeteh Kabinett übernimmt C o 11 i n s das Fin izmiiliste m, Gavan D u f f y das Ministerium des Ac-ufa. and. Muieahy das Ministerium für r^tionale.aV^rteidigung. Die jüdische Auswanderung am? Rußfed* Riga, 10. Jänner. (J. C. B.) Der „H; ' - Vorsteher Mr. Kowalski verhandelt!;i r w-' der lettischen Regierung wegen Einführung einer direkten Bahnverbindung zwischen Moskau und Libaii, die insbesondere der Transmigration zugute kommen soll« Hiedurch würden die jüdischen Auswanderer aus Ruß* land in direkter Fahrt den wichtigen Hafen Libau erreichen können, was eine große Erleichterung für sie wäre. MinisterpräsidentMajerowitsch versicherte Herrn Kowalski, daß die lettische Regierung diesem Plane freundlich gegenüberstehe und daß die Ange^ legenheit bereits wohlwollend geprüft werde. Der neue Kurs in Rußland. Reval, 9. Jänner. (Rußpreß.) Die Sowjetregierung beabsichtigt, .in den nächsten Tagen ein Dekret zu veröffentlichen, nach welchem ausländischen Staatsangehörigen das Recht erteilt wird, Warenlager und Geschäftsläden in Sowjetrußland zu eröffnen. Ein Jude in der Sowjetexekutive. Riga, 9. Jänner. (J. C. B.) ln der neuen russischen Sowjetexekutive, die ein fünfzehngliedriges Präsidium wählte, befindet sich bloß e i n J u d e, und zwar Kamenew. In diesem Zusammenhang muß auch die Tatsache verzeichnet werden, daß diesmal zu Vertretern Lenins nicht Trotzkij, sondern R y k o w und Tzuripa, beide Nichtjuden, bestimmt wurden. Der vierte Kongreß der kommunistische« Internationale. Reval, 9. Jänneri (Rußpreß.) Das Exekutivkomitee der Dritten Internationale hat beschlossen, anfangs Februar in Moskau den vierten-Weltkongreß, der kommunistischen Parteien einzuberufen. Jüdische Arbeit im Kaukasus. Aus Georgien berichtet die »J. P. Z.«, daß dmb eine Verein innig' der valikssoziaiistischen Zcinei Zion mit Ortigrupipen ist B ä t«u m, K u t a is und T i f H s errichtet worden i*stj zu dor viele auis Rußland einige« wa-ndtertc Juden sowie kaukasische Bergjuden gehören. I-lehräische Schulen mit hebräischen . Kursen beständen, doch sei es schwer, Lehrer mit den nötigen K.eninit'mwen und die hebräischen Bücher zu, erhallten. Zion-i»tfeche Arbeit .kann nicht offen betrieben werde®. Eine Farm für Kolonmtion«okmiere besteht unter dem Namen »Landwirtschaftliche Kommune« in dar Nähe von Batum, . In Dagestan versuchte die jüdisch-kommunistische Partei, die Berg-judcn ztt beeinflussen; * die Zionisten wurden aus allen Gemeindeversammlungen Regenmäntel uikü «ara®Mw8seto®,T®xi!t» ueuA Sf rEckwgiB'an, alias erstklassig und billigst Im Warschaus ÜB Schiffmann En «ros im En detail