Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1922-01-04 · Heft 1053 (4.1.1922) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1053 (4.1.1922)
Date
1922-01-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2979076-2980129-2980133--09850-2996141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

»vidi, muiwocif WIENEfc MÖRÖEN2EITÜN0 4. Jänner 1022 Nr. 1053 hur dem Scheine zu genügen, es muß auch rasch und in ausgiebigem Maße geholfen werden, soll dieser erste und letzte Appell der Wiener Judengemeinde den Erfolg einer Rettung aus der finanziellen Krise haben. Jeder Jude, wo immer er sich aufhalten mag, dem die Ehre und das Ansehen des Judentums, die durch den Bankrott einer unserer ältesten jüdischen repräsentativen Körperschaften unendlichen, Schaden erleiden würden, am Herzen liegt, jeder der Sinn hat für die moralische, politische und kulturelle Bedeutung der Erhaltung eines jüdischen Gemeinwesens wie der Judengemeinde von Wien und ihrer Wolfahrtsinstitute, wird ohne Unterschied der Partei und der Richtung innerhalb des Judentums sicherlich sich beeilen, seiner Pflicht in ausgiebigstem Maße zu genügen. Die Redaktion der »Wiener Morgenzei'tung“ ist gerne bereit, Spenden entgegenzunehmen und ihrer Bestimmung zuzuführen. Oesterreich. Wie eine Krise gemacht wird. Das Gürtler-Rosen-bergec-he Finanz* J»rogramm. wurde schon, als es noch im Wenden mair. als Roßkur bezeichnet. Man verhehlte sich nioht, daß eis gerade in den Monaten Jänner u>nd Februar wegen der überaus empfindlichen Auswinkungen der neuen Steuern und der Einstellung der staatlichen Zuschüsse zu den Lebensmitteln nur k r i t i s c h e Tage erster Ordnung geben werde. Allerdings würde dann, sei diese Krise erst einmal überwunden, die Wunderikur ihre Wirkungen zeigen und ein langsames Gesunden der Staats- und Volkswirtschaft ein trete». Gerade dieser so heikle Zeitpunkt scheint nun gewissen Politikern geeignet, den Staat noch mit einer politischen Krise zu belasten. Den äußeren ‘Anlaß hinzu bietet der mit der tschechoslowakischen Regierung abgeschlossene politische \V e r t r a g, in dessen Artikel 4 sich Oesterreich verpflichtet, keinerlei militärische oder politische Organisationen zu dulden, die gegen den Bestand der t sah ech-o-slowakischen Republik gerichtet sind. Diese -nackte Selbstverständlichkeit hat nun bei gewissen .Großdeutschen Besorgnisse erregt und, namentlich -ihr Vertrauensmann im. Kabinett, Dr. Wader, mußte einiges von seinen hier behausten Landsleuten amhören, was ihm alles weniger denn angenehm sein konnte. Es wurde ihm vorgehalten, wie er denn im Kabinetfcsrat einer olchen Vertragsklausel hätte zni* stimmen künden, nach deren Wortlaut er verhalten iwäre, eventuell seine engeren Heitratgenossen, die hier das bittere Brat der Verbannung (meist im österreichischen Staatsdienst) essen 'müssen, auf den Brunner Spielberg aus zuliefern. Herr Dr. W aber zeigte sich zunächst über die ganze Angelegenheit in hervorragendem Maße unorientiert und gestand schließlich, daß e/ sich über den Prager Vertrag erst aus den Zeitungen Kenntnis holen müsse. ‘Hätten also die gelernten Deutschböhmen dem Dr. Waber mit Recht oder. Unrecht die Vernachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge für sie vorauwerfen, so wäre es nur begreiflich, daß sie auch seine Enthebung vom Anfte durchsetzen; das Scheiden Dr. Wabers aus dem Ministerium des Innern .wäre gewiß der Uebel größtes nicht, wenn nicht das Gefüge der österreichischen Regierung so labil wäre, daß atich die Entfernung des unbedeutendsten Mitgliedes die Existenz des Gesamtkabinetts; schlechthin unmöglich macht. Vorerst wird noch der Beschluß der großdeutschen Reichsparteileitiuig - über den La n a er Vertrag abgewartet werden müssen. Entscheidet sich diese für die Ablehnung des Vertrages, so wäre wohl die nächste Folge die Demission 'des Dr. Waber. aber auch schließlich die Erschütterung des Gesamtkabinetts. Was dann kommen soll, ist noch nicht recht, ersichtlich. Die alte Koalition, welche die Republik über die schwersten Zeiten hinwegtru-g, scheint au«; mehr gefühlsmäßigen Erwägungen für sehr lange Zeit abgetan zu sein, obwohl alle Vernunftsgründe für sie sprächen. Vor allem wird sie von den Christlichsozialen in der Provinz abgelehnt, die Großdeutschen wollen sich nicht gerne von der Krippe ,verdrängen lassen und die Sozialdemokraten wollen ’die bequeme Opposition mit allseitiger Agitations* freiheit nicht gegen die Mitverantwortung fü/r adje Regierumgsakite ein tauschen. Denkbar wäre immerhin eine christlichsoziale M i n 0 r i t ä t s r e g i e r u n g, der die Sozialdemokraten das Lanaer Abkommen und die Groß deutschen dann die Staat&r.otWendigkeiten bewilligen würden, um dann zu gelegener Zeit wieder zur Regierungsbank heimzufinden. Die letztere Eventualität scheint auch bereits mit dem Vorschlag vorwegr genommen zu werden, die über Lana besonders entrüstet Tuenden etwa durch die Anwartschaft aiuf ein Ministerportefeuclle zu beruhigen, wobei allerdings ■die Schwierigkeiten nicht zu unterschätzen sind, die schon infolge der großen Zahl der Portefeuiille-An- .wärter entstunden. . Die Stimmung in den Ländern ist schlechter denn je, die Entwertung dar Kröne ist gegen Jahresschluß mit einem Schlage eingetreten, die Maßnahmen der Wiener Regierung werden als völlig ungeeignet für die primitiven Wirtschafbsverhält* »isse der agrarischen Länder und höchstens den Wiener Bedürfnissen angepaßt gehalten. Im Vor* nähr wurden diese Stimmungen noch auf praktisch .bedeutungslose Anschlußabstimmungen abgelenkt,■ Ijetzt gefällt man sich in Drohungen gegen Wien und stellt die Existenz des Gesamtstaates in Bundeskanzler Schober über das Burgenland und den Vertragvon Lana. W f e n, 4. Jänner. Der Bundeskanzler halt di« übliche Neu/jahrsgrafcuiatiön der Parlamentsjounnaliaten zum Anlaß genommen, seine Aimschotuumigcm über die Stellung Oesterreiohis zu Ungarn und zur Tsohedio-Shwakei eingehend zu äußern. Er erblickt in dar Angliedenumig des B-urgenlamdes einen Erf-oilg dar Regierung. Daß die uuirgbnländiscihe Frage ulns eine Reihe von Schwierigkeiten mit Ungarn gebracht hait, ist richtig, aber die Regierung hat es niemals außeracht gela^eu, daß es über dieise .Streitfrage hintauK, wieder ein Zusammenwirken der beiden Staaten geben wird, d e» wirtschaftlich vielfach aufeinander angewiesen, Sicher einmal zu esnfeni Einvernehmen gelangen niüss-m. Bei aller Entschiedenheit in der Wahrung der Rechte Oesterreichs hat es die Regierung auch in der Form nie daran fehlen lassen, zu trachten, daß meint die Möglichkeit einer künftigen . V e r «t*ä n d i g u n g vei. schüttet wende. Ich glaube, wir sind auf dem besten Wege über das Rtt<rgeni’<anid die Brücke zu. den im Venediger Protokoll fangelegten Abmachungen zu finden 11 n-d wir werden vielleicht selben iln der.nächsten Zeit mit diesen VerhanidCuingen beginnen können. Der Kanzler gab sodann eine Darstellung der Vorgeschichte seltner Prager Reise und erläuterte die einzelnen Bestimmungen seines mit Ben es c k» geechüoissenen Abkommens, , dias in keiner Weise dfie Gefühle Oesterreichs verletze. Die politische Be-deuibung des Vertrages liege .vor allem darüh, daß Oesterreich wieder ein begehrter Freund geworden ist. In Prag wunde der Schlußstein zu Portorose gelegt. Wenn» man die .wirtschaftlichen Erfolge mit den politischen Abmachungen vergleicht, so kann gar nicht dfaivooi gesprochen werden, daß etwa wirtschaftliche Begünstigungen mit einem politischen Otpfer uiwsererseiits erkauft worden wären. Denn auch der politische Vertrag ist nicht ein Opfer umiscrerseits, sondern enthält eine Reihe positiv günstiger Bestimmungen für Oesterreich. Einem Staat, dem man mit Aufteflcn droht, leiht man nichts. Wenn aber ein Nachbarstaat zum Garanten «eines Gebietes wird und mit der Kreditgewährung vor* angi(Int, dann ist man wohl verpflichtet, — selbst wenig» man politisch gegen den Prager Vertrag etwais ein wenden könnte, was sicher nicht der Fall ist — Sh® so zu würdigun, wie er gewürdigt zu werden verdient. Frage. Abgeordnete der Regierungsparteien, die kaum vor vierzehn Tagen ohne ein Wort des Widerspruches für die Steuergesetze des Gürtlerschen Finanzplanes gestimmt* haben, ziehen Ihn öffentlich ins Lächerliche. Der Schwierigkeiten gibt es also genug und just darum soll etwa noch eine Regierungskrise angezettelt werden von eben denselben politischen Unglücksmenschen, - deren einstigem geistigen Führer K. H. Wolf nicht mit Unrecht die Gründung der unseligen Republik Oesterreich näoh dem Scherzwort Karl Kraus* zu danken ist? Diese Belangepolitiker aus den Sudeten ländern, die ihren Streit mit den Tschechen auf Wiener Boden austrugen, weil das hier ungefährlicher war. haben die Hauptarbeit bei Zerschlagung deis alten Staates geleistet. Jetzt, da ähre Volksgenossen in den entstandenen Trümmerstaaten die furchtbaren Folgen dieser Politik zu tragen haben, zeigt es sich, daß die Herren nichts gelernt und alles vergessen haben. Der schwache Bundesstaat ächzt in allen Fugen u>nd wenn die Herren aus den Sudeten ländern glauben, hier ihre Rechnung mit dem bschecho-slowakisehen Staate begleichen zu können, so würden solche wiederholtet Versuche kaum zu einem anderen Ende führen alis im alten Oesterreich, wo schließlich über den Streit um die 'innere Amtssprache bei den autonomen Behörden und die Anstellung eines Nachtwächters in einem böhmischen Dorf der Gesambstaat rn die ßVüche gegangen istT Auch für diese Bestrebungen mag das Wort gelten, daß. es Revolutionen mit Rückversicherung nicht gibt. Die Verhandlungen mit Ungarn. In der nächsten Zeit sollen in Wien oder in einer anderen österreichischen Stadt Verhandlungen zwischen Df. Schober und dem ungarischen Ministerpräsidenten Grafen B e t h 1 e n stattfinden, denen naturgemäß große Bedeutung zulkommen würde. Die ungarische Regierung hat das Bestreben, die tschechisch-österreichische Annäherung, die sie fürchtet, zu parieren und will die notwendig gewordene Aussprache über die seit dem 1. Jänner 1921 ins Stocken geratenen Handelsbeziehungen durch eine politische Diskussion erweitern. Die journalistischen Agenten dieser Regierung beeilen sich bereits von einer demokratischen Orientierung Ungarns zu sprechen, um die öffentliche Meinung Oesterreichs zu präparieren. Aber bei aller selbstverständlichen Bereitwilligkeit Oesterreichs, kann doch nicht übersehen werden, daß in Ungarn keine Aenderung der politischen Prinzipien sichtbar geworden ist und daß dort noch dieselben- Gewalten herrschen, die den Ueberfäll auf das Burgenland organisiert und die Oedenburger Abstimmung gefälscht haben. Es kann nicht Sache Oesterreichs sein, seine jetzt so günstig gewordene zentrale Position den Ueberredungskünsten des Horthy-Systems zuliebe schwächen zu lassen. Oesterreich hat keinen Groll gegen das von Regierung und Presse betrogene magyarische Volk, aber es kann mit Ungarn nur wirtschaftlich verkehren.- Ein politisches Uebereinkomimen wäre eine Falle für Oesterreich. Benesch in Preßburg. Preßburg, 3 Jänner. (Tchecho-slowafirisdheä Freßbuireau,) Mimstenpcäsident und Minister des Aeußenn Dir. B e m e s ch ist in Begleitung des Armee-General Inspektors Dir. Machar heute früh hier eimgetroffen. Auf eine am ihn gerichtete Begrüßungsansprache erwiderte der Ministerpräsident, er glaube, daß nadh den letzten Ereignisse« für die Slowakei eine lange Periode der Rübe und Sicherlich eintreten werde. Eis seien noch nicht a!Me Schwierigkeiten überwunden. Er habe aber die Uebenzeugumg, daß dies auf beide« Seiten sehr leicht geschehen könne. Er glaube, daß das anbrechende Jalr.tr1 ein Jahr der vollen inneren Konsolidierung der Slowakei und der gesamten Republik sein werde, ' Heute nachmittags fand eine vertramliahe Be- , ratung der Vertreter der politischen Parteien vni der Slowakei mit dem Ministerpräsidenten statt. Der Ministerpräsident kehrte mit dem Nacht* sobnelizug nach Prag zurück. Trennung von Kirche und Staat. Prag, 3.-Jänner. Das „Prager Tagblatt* meldet; als Beginn der Aktion zur Trennung der Kirche vom Staat werde im Unterrichtsministerium ein Gesetz vor* bereitet, mit dem selbständige Kirchengemeinden geschaffen werden. A 1 s V 0 r b. i l d die nen die bestehen den jü dl sehe n Ku'ltusgemeinden. Außerdem soll durch ein Gesetz das Kirchenjahr abgeschafft und das bürgerliche Jahr mit nichtkirchlichen Feiertagen eingeführt werden. Schließlich werde an einem Gesetz gearbeitet, das die Benützung vo Kirchen durch nicht römisch-katholisch« Religionsgemeinschaften, also sogenannte Simultankirchen, vorsieht. Wirtschaftliche Abmachungen mit dett baltischen Staaten. Köwno, 2. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Wie das Kownoer „Echo“ meldet, soll demnächst die Tschecho-Slowakei die de-jure - Anerkennung Litauens, Lettlands und Estlands aussprechen und mit diesen Staaten wirtschaftliche Abmachungen schließen. Beratung russischer Sozialisten in Prag. Prag, 3. Jänner, Gestern sind hier Vertreter der sozialistischen Bewegung in Rußland, darunter Tschernow, Rubä nowitsch und Suchomlinow, zu Beratungen über die Beziehungen zur sozialistischen Internationale, über die wirtschaftliche Wiederherstellung Europas, über eine Anerkennung der bolschewikischen Regierung durch die Entente sowie über die Auslandstätigkeit uer russischen Sozialisten zusammengetreten. Jugoslawien. Der Konflikt mit Italien. Christlichsoziale Reichskonferenz. Linz, 3. Jänner. Heute vormittags wurde hier unter Vorsitz des Nationalrates Dr. Seipel eine für zwei Tage anberaumte christlichsoziale Reichskonferenz eröffnet Die Beratungen haben vertraulichen Charakter. Tschecho-Slowakei. Masaryk und Benesch nach Paris eingeladen. Prag, 3. Jänner. Die „Tribun a“ schreibt, daß über die Reise des Präsidenten Masaryk nach Päris nach der Rückkehr des Ministerpräsidenten Benesch aus Karpathorußland beraten werden wird, der an der Reise teilnehmen dürfte. Wie das Blatt erfährt, hat der Präsident am vergangenen Donnerstag eine E i n- I a d u n g des Präsidenten der französischen Republik erhalten. Paris, 3. Jänner. (Funkspruch.) Entgegen den bisher verbreiteten Meldungen dürfte die jugoslawischitalienische Frage nicht vor den Obersten Rai; sondern vor den Völkerbund gebracht werden. Veränderungen in der Regierung. Belgrad, 3. 1 Jammer, (Tschecbo* slowakisches Preßbuireau.) Da General- 7. e s e v i c aiuf seiner Demission behaart, ist General Milos V a s i c zum Krieg-simimster ermamntt worden. Als Nachfolger Vesnic* ist der ehemalige Minister des Aeußem S p a 1 a j k 0 v i c zum Gesandten in1 Paris designiert. Um den Ministerpräsidenten P a s i c m entlasten, ist die Ernennung eines neuen Ministers des Aeußem geplant. Pasic »bat als seipfcn Kandidaten den ehemaligen Finanzminister N i n c i c in Vorschlag gebracht, doch ist die Zustimmung der Demokraten noch ausständig. Kinde tat bereits Mcir zwei Jahren das Ministerium des Aeußem interimis'tisoh geleitet und genießt da* besondere Vertrauen der ICroiae»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.