Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1047 (29.12.1921)
- Date
- 1921-12-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Ny. 1047 Wien, Donnerstag WIENER MORGENZEITÜNÖ 29. Dezember 1921 Schlagworte bisher füi Palästina nicht einen einzigen Heller geopfert hat und dennoch wendet sie 'sich unter diesem Titel an die amerikanischen Juden. Da aber in Amerika, wie gesagt, nichts unmöglich ist, werden vielleicht auch die Führer der Fester Juden dort ihr wahres Judentum entdecken und nach ihrer Rückkehr auch an Palästina denken. Vedererao 1 Apponyi über das Thronverlustgesetz. Budapest, 28. Dezember. In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung erklärte Abgeodneter Graf Apponyi, daß er in der Frage des Thronverlustgesetzes im diametralen Gegensatz zur Regierung stehe. Es sei eine Verletzung der Staatssouveränität Ungarns, daß die Regierung erklärt habe, bei der Erledigung der Thronfrage ohne Befragung und Einwilligung der Entente nicht Vorgehen zu können. Redner wünscht, daß die Abolition des Prozesses gegen die verhafteten Politiker ehestens erfolge. Der amerikanische Geschäftsträger. Budapest, 28. Dezember. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Die Regierung der Vereinigten Staaten hat den bisherigen Kommissär in Budapest Orant- 8 m i t h zum Geschäftsträger ernannt. Jugoslawien. Die Vorfälle in 8ebetiico. Belgrad, 28. Dezember. Der italienische Gesandte hat dem Ministerpräsidenten wegen der Vorfälle in Sebenico, wo italienische Matrosen überfallen und beschossen worden seien, eine Protestnote überreicht. Für heute nachmittags ist die Nationalversammlung einberufen worden, in der Ministerpräsident P a s i c eine programmatische Erklärung abgeben soll. Die Versuche zur Hebung des Dinarkurses. Belgrad, 27. Dezember. Nach eingehender Beratung über den vom Finanzminister Kunanudi unterbreiteten Gesetzentwurf, betreffend die Abänderung der kaufmännischen Zahlungen im Ausland, hat der Ministerrat beschlossen, daß von dieser Maßnahme, die geeignet wäre, auf den Kredit des Staats im Ausland ungünstig einzuwirken, Abstand genommen werde. Um jedoch die Zahlungsmodalitäten für die durch den starken Slurz des inneren Kurses in Bedrängnis geratenen Kaufleute zu erleichtern, wird das bisher in Kroatien und Slawonien gültige Gesetz über den zwangsweisen Ausgleich zwischen Schuldnern und Gläubigern vor der Eröffnung des Konkurses auf das ganze Staatsgebiet erstreckt Die Maßnahme wird, am l. Jänner in Kraft treten. Rumänien. Die jüdische Gemeindeautonomie. Bukarest, 27. Dezember. (J. C. B.) Auf der außerordentlichen Sitzung des Jüdischen Reichsvereines referierte Generalsekretär Magder über die letzten Ereignisse der jüdischen Bewegung. Einige Regierungsorgane versuchten, sich in die inneren Angelegenheiten der autonomen jüdischen Gemeinden einzumengen. In P a n c i u entfernte der Bürgermeister die jüdische Gemeindeleitung, versuchte aber vergebens, auf eigene Faust eine provisorische Leitung zu ernennen, da kein Jude dazu zu haben war. Auf Grund eines Protests des Jüdischen Reichsvereines wurde vom Kultusministerium eine gemischte Kommission entsendet, die den Juden vollständige Satisfaktion verschaffte. Ferner seien seitens der Regierung Untersuchungen eingeleitet worden gegen einige antisemitische Bodenverteilungskommissionen in Beßarabien und in Marmaros, die ansäßige jüdische Bauern von ihren Besitzungen vertreiben wollten. Die Verfügungen dieser Kommissionen wurden auf Intervention des Jüdischen Reichsvereines vom Ackerbauministerium aufgehoben. ______ Palästina. Demission des Jerusalemer Polizei* kommandanten- London, 26. Dezember. (J. C. B.) Einer Meldung aus Jerusalem zufolge ist der Vizekommandant des Jerusalemer Polizeidistrikts von seinem Posten zurückgetreten. Wie verlautet, hat er sich infolge der für die mangelhaften Polizeimaßnahmen am 2. November erhaltenen Rüge zu diesem Schritt entschließen müssen. Seite 2fc- .. —*4 Telegramme. Efsenbahnerstreik in Deutschland. Elberfeld, 28. Dezember. (Wolff.) Seit heute mittags ruht der gesamte Personen- und Güterverkehr. Die Züge werden in den Vorörtebahnhöfen von den Streikenden abgefangen und nicht weitergelassen. Der Verkehr war bis heute abends noch nicht wiederhergestellt u d es ist nicht vorauszusagen, wann der Betrieb wieder aufgenommen werden kann. Schutzpolizei ist aufgeboten worden, um die Ordnung wiederherzustellen. Berlin, 28. Dezember. Im Anschluß an die ultimativen Forderungen der Eisenbahner der Direktionsbezi;ke Elberfeld, Köln und Essen ist auf einzelnen Bahnhöfen des Direktionsbezirkes Elberfeld bereits die Arbeit niederlegt worden. Dem „Vorwärts“ zufolge habe man in leitenden Kreisen des deutschen Eisenbahnerverbandes heute die Befürchtung ausgesprochen, daß diese von Elberfeld ausgehende Bewegung auch auf andere Teile des Reiches übergreifen werde. Die Blätter weisen auf die große Gefahr hin, die der Kohlenversorgung Deutschlands drohe. Antisemitismus in Wilna. Wilna, 26. Dezember. (J. C. B.) Die hier stattgefundene polnische Lehrerkonferenz faßte einen Beschluß, c'aß bloß die Lehrer polnischer Nationalität als Mitglieder der „Gegenseitigen Hilfsorganisation* aufgenommen werden können. Eine litauische Handelsdelegation in Riga. Riga, 27. Dezember. (Tel. der „Wr. Morgenztg.“) Seit kurzer Zeit weilt hier eine litauische Handelsdelegation, um die wirtschaftliche Lagen in Lettland und in. den anderen baltischen Staaten zu studieren. Unter ihren 25 Mitgliedern zählt diese Delegation auch zehn Juden, darunter bekannte Persönlicheiten der litauischen Judenheit, wie Advokat Chorazycki, Dr. Leon S o I o w e j c z y k, ein Bruder des Ministers für jüdische Angelegenheiten, und andere. Zu Ehren der Delegation veranstaltete vor einigen Tagen der Rigaer Industrie! len verband ein Bankett, zu dem jedoch außer den Vertretern der Regierung nur Letten eingeladen wurden. Dia jüdischen Mitglieder der litauischen Handelsdelegation protestierten bei Eröffnung des Banketts gegen dieses-* Vorgehen und verließen den Saal Zwangsbesteuerung der jüdischen Gemeinden in Litauen. Kowno, 27. Dezember. (J. C. B.) In der jüngst’ stattgefundenen Sitzung des Waad Hakehilla (Rat der jüdischen Gemeinden) wurde die Zwangsbesteuerung der jüdischen Gemeinden zum Beschluß erhoben. Da* nach müsse jeder Jude, einerlei ob er selbständig berufstätig oder ein Angestellter sei, von seinem Ein-' kommen, sofern sich dieses nicht unter einem Minimum von 2000 Mark monatlich bewegt, eine angemessene Steuer der jüdischen Gemeinde abftihren. Die Steuer-’ eintreibung erfolgt im Sinne des vom jüdische#* Ministerium und von der litauischen Gesamtregierung! genehmigten Statuts durch eine Spezialmiliz derj jüdischen Gemeinde. Bei der Abstimmung über dieser* Beschluß beteiligten sich auch die Vertreter de» extremen jüdischen sozialistischen Parteien. * Verurteilung von Pogromisten in Sowjetrußland. Kowno, 27. Dezember. (J. C. B.) Dem Moskauer „Eines“ zufolge verhandelte das revolutionäre Tribunal in Winsica den Aklageakt gegen eine Gruppe von Bauern, die der Verübung eines Progroms im Städtchen Kitelgorod beschuldigt waren, bei welchem 67 Juden ermordet und 23 verwundet wurden. Das Gericht verurteilte einen Teil der Beschuldigten zum Tode durch Erschießung und den Rest zu lebenslang* lieber Zwangsarbeit. Tagesbericht. Die Makkabäer - Feier des zionistischen Landeskomitees. Die i gestrige Makkabäer-Feier des zionistä-» sehen Landeskomitees bedeutete eiin-e mächtige u-ndi imposante Kundgebung für den jüdischem- Nafi-otual-' gedanketn*. Zu der Feier, welche dundh die Teil4 nähme des Präsidenten Weitzmaran und der* Mitglieder des Aktranskcmitees ausgezeichnet warj hatte sich ein überaus zahl-reklhiüs Publikum ein;- gefunden., welches den rissigen Raum des Sofien-' saales bis aufs letzte Plätzchen füllte. Gewaltig, war der Andrang der Mange, welche aan Abend dem Sofieneaal zrusttröm-te, und viel größer ooch als die.; Zrihi der Gäste war die Amzahl jener, welche wied-et abzidhen mußten, weil sie Steinen Einlaß mehr-, finden bottuntetn. Nach einer mit schönem Brio und tre.fflidhfeiV Abtönaunig vörg-etrageneit Ouvertüre von Mendels* sohm, welches dais wackere Halkoh-Orchester,. das bereits auf anerkaunf-er Kunsthöhe stehlt, unter der; sicheren Leitung seines ausgezeichneten Dirigenten Professor Braslawslky zum Vortrag brachte, begrüßte Vizepräsident des zionistischen. Landes* krimi-Lees in kernigem und iherzilicfoen Worten die Mitglieder des Akti-cmek-omiiitees und dein Präsidenten der Weltorganisation- Professor W.e! t z - manu, dessen hisftioirfech gewordenes W irkon etin. warm empfundenen Worten schilderte. Als der Name W eitzmann genannt wutele, erhob sich das Publikum und bereitete dem Führet! stürmische, sich stets erneuernde Ovatio-nen, und mimitemiliainge App-laus-salvem erfüllten' den Raum. Max Brods Bekenntnisbuch. Religiöses Erleben eätozelttter kam ein Vorzeichen Sein einer allgemeinen religiösem Erneuerung. Wölidhe Voraussetzungen freilich noch gegeben sein müssen, damit sich eine Zeit wie die unsere vom iihr ganz durdhdri-ngen lasse das ist nicht leicht zu bestimmen. Dean unter allen seelischem Kräften ist die Kraft des Glaubens am wenigsten berechenbar; in ihrer Heraufkumft und Wiederkunft ebensowenig als in ihrer Bewegung, ihrer Dauer, ihrem Sinken. Herzstärkend a<ber ist es zu sehen, wie diese Einzelnen, Söhne ihres Volkes, Kinder seines Glaubens, mtotem in der Sturmflut neuer Ideen, neuer Em-steW-ungen, das edle Erbgut uralter UÜberlieferung zu rotten versuchen. Und nicht etwa um es als erstarrte Form mit bloß passiver Pietät zu umhegen und zu behüten — vielmehr es als ein durchaus Lebendiges zu erweisen in der Gestaltung der Gegenwart umd Zukunft Unter diesem Gesichtspunkt will das zweibändige Werk von .Max j Brod gewertet werden, -das den Titel führt: >H e i den t u m, Christentum, Judentum.« (Verlag Kurt Wolfi, München.) Alis ein Beke-nmifani-staudh bezeichnet es sein Autor; es Lt aiber gleichzeitig eine Kampfschrift, eine Heiden- SchaftKdie prinzipielle AuseimmderöetKtmg zwischen ju-dienitum und Christentum in all dem Stücken,, .'die Brod a'is ihren religiös utnd godamMich• wichtigsten, wesentlichem. Inhalt -ainsieht. Die Einbe-zdöhung auch -dies Heidentums in den Z-vrs^mmenhain-g der Darstellung rechtfertigt sich ihm du,roh dessen Wirksamkeit als dritte 5. geistige Macht«, von welcher mit jem.en beiden >di-e Erde beherrscht \vtrd.< Es ist bei dem uimversaieii Charakter des Religiösem im a».fgemeinen und der Religion des Judentums im besonderen' überaus kanrnizei-chn-ertid, daß diie inncrkiib der jüdischen Bewegung bisher auffallendstem religiösen Aeiißeruiigen, wie sie uns etwa bei Martin Bub er, bei Nathan Birnbaum be-gegm-en, ihre streng nationale Ten-deuz mit Entschiedlertheit betonen: folgerichtig umd kointsequ-snt bei Birnbaum, dessen Bekenntnis zuir religiösem Form des orthodoxem Juid'enibunvs jede $ westliche oriea-tierte Denkart alblehjyt u-nd jede dieser aumlogcn Problem st elf. umg eich — ersparen, darf; erstaunlich beä Bu-ber, wenn raa.n bedenkt, wie sehr er gewohnt war, die religiösem Völkerhoriz-omte des Orients und Oikeid-enitis, einschließlich -d«sn jü-dUsahen, um demselben Mittelpunkt konzentrisch ktreiisein zu lassen; man schlage twur etwa seine Schrift auf: >Ekstatische Konfessionen.« Theoretisch durchbricht Butber am bedeutsamen Punkten die Sehrainke-n dies traditionell sich bindendem. Judentums. I-n der Praxis aiber drängt ihn seiin Wilde, es zu bekumdem, daß ihm positive Arbeit «ronorha-lb dies jüdischen Volkes enaprießlicher erscheine, am Ende auch höher gellte, als d!ie vielleicht bloß im Negativem sich ausgehende umd iim Negativen hän-genhleibende Mission .des religiös-jüdischen Universalgedujiikems. Es liegt iirgemd’wie am diesem geistig geweitetem Inhalten,- daß sie eine allzu betont nationale Begrenouiug oder auch m-ur frei gewählte nationale Selibstbescheiduivg -nicht recht vertragen: so wird ein imnere-r Widerstreit zwischen Theorie umd Praxis unvermeidlich. Hier, glaube ic-h, ist der psychologische Punkt, wo wir die Belkemntnisscbrift Max Brods in ihrer organischen Beziehung zum Religiösen innerbailib, aber auch außerhalb der jüdischen Bewegung-zu erfassen hätten. Vo-n gl eiche-m nationnten Eifer beisee&t .wie Buibor, treibt es iilm gleichwohl, seine Kampflust übsr die nationalen Greu zeil hinau-s. zu betätigen, umd wais er als d-ie religiös jüdbsclh-e Grumda-rt i-n sich umd seinem Volk em-p-findet umd denkt, das will er zium Lebenis-gefühl, zur Weltidee der gam-zc-n Menschheit erhoben sehen: völlige >mationale Restitution« im Bunde mit »der göttlichen Weltmissiotne. Der ln den Schriften B-inbers nur gleichsam -sporadisch uns begegnende Konfliktstoff sammelt u-n-dl -verdiicih-tet sich in Max Brod zu einer formell uimd i-nhiailtlich entschied euerem Stellungnahme zum Ohiristewtum, dessen religiöser Haiitpt- und Grandsat* der >Di^ seitsvornein-urng« sich iw Widerspruch setze "mit d-air Menischemnait-uir, ihrem Lebentsdira-ng um-d der Erfüliluing der Forderungen umd Notweradligkeäten der Lebeniswirkliehlkeit. Nach dieser Löhtre zu leben, sei in dieser Welt unmöglich. I-hr gegenüber erscheint'ihm -die religiöse Auffassung des Judemitaums als ein stetig si-di erneuerndes > Diesseits-Wunder<, umlbeschwert vom h-eidniischcn' Zug und Grumdzuig der Nur-Diesseiirnigkeit. Wohl sei das Judentum >weltl<iich«s aiber diiese rWeltlichkeit sei vom ganz besonderer Art< — ed-ne WcfJriiahikeiit nicht «nur Ihrer selbst willen, somideito um Gottes willen un*d um des Wunders willen, das dem Menschen geschieht, 3hm nicht auis dem Lebern berauis-steht, wie christliche Doktrin ■verlangt, vielmehr ihm fähig ma-cht# mitten im Leben durch gnadengesegnete Tat wirksam, zu wenden- 'Dem Nachweis für prinzipielle Gegensiitzlichkeilbeii beider Lehren zu erböngem, hält er für eine «eime-r wichtigsten Aufgaben, wobei er eine überraschende Fülle geistreioh-er, origineller Gesichtspunkte entwickelt. Al« ein besonders fruchtbarer Gesichtspunkt erweist sich •seine ofumdamen-tale U-ntemsöh-eiduing von edlem und unedlem Unglück«. Unter letzterem begreift er eins Kategorie sozialer Uetbel's-tändie, dlie au-fauth-elb-on oido'r auch nur zu mildern in der M-aicht des Menschen liege; das »edle Unglücke aiber bezeichnet ihm jene unabwendbare tragische Stimmung und Bestimmung des Mensdren* d'ie ihn als ein Endliches, Vergangdichos eicit ^mipfinden läßt gegenüber dem UmemdHi ehern, anais welcher Stimmung freiäioh mit d'etn tiefsten Leiden zugleich auch höchste seelische Lust quillt, wemi def Mens oh sich im der unendlichen Macht, im. Absolutem in Gott, verwurzelt u-rvdi geborgen weiß. Man muß os iesen' und immer wieder nachlesen, in welch feim-eu Numinicx'oruingMi dieses Prinzip des >edlen umd unedlen Unglücks«, in audterer Weise im Christentum, in amid-eref im Judentum reflektiert erscheint. Und wie sehr Max Brod bemüht ist, dem gegnerischem Standpunkt des