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Wiener Morgenzeitung · 1921-12-29 · Heft 1047 (29.12.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 1047 (29.12.1921)
Date
1921-12-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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-W "~eitrr M Lette 2 Wien, PsttnerstaA_ {Aussprache B r i a n d s mit IC r a s «s i n, a's deren Folge wohl die zwei Tage später am 22. Dezember erfolgte Konferenz des polnischen Außenministers Skirmunt mit dem Sowjetgesandten IC a rach an anzusehea wäre. Diesen Besprechungen muß man sehr großes Gewicht beimessem, zumal in ihrem Gefolge Meldungen über eine tiefgreifende Revision der polnisch-russischen Beziehungen auf treten. Karachan ist nach der Unterredung mit Skirmunt nach Moskau abgereist, während gleichzeitig der Warschauer Vertreter der Sowjetukraine sich nach Czertkow begeben hat. Beide überbringen ihren Regierungen bestimmte polnische Vorschläge politischen und wirtschaftlichen Inhalts. Es scheint sich um eine polnische Vermittlung zwischen Frankreich’ und Sowjetrußland ziu handeln, die den Zweck verfolgt, den Widerstand Frankreichs gegen eine Her-, anziehung Rußlands zu der nächsten internationalen Konferenz aufzuhebe n. Dieser Situation trägt die Sowjetregierung insofern Rechnung, als sie entgegen einer Resolution des kommunistischen. Kongresses die Entnationalisierung des russischen Außenhandels vorbereitet. Sic erblickt darin die einzige Möglichkeit für die Gewinnung des ausländischen, insbesondere des englischen Unternehmertums. Alle russischen Handelsdelegierten im Ausland sind zur Entgegennahme neuer Instruktionen nach Moskau; berufen worden. Polen und Lettland. Von polnischer Seite wird uos aus Warschau geschrieben: Vor wenigen Tagen hat der neue polnische Ges&n-dite in Riga Dr. Witold Jodko- N a *r k i e w i c z dem Fräsi derart an von Letdand sein Beglaubigungsschreiben überreicht. Es wurden auis diesem Anlaß bemerkenswerte Ansprachen gewechselt, denen mit Rücksicht auf die Tatsache, daß sich schon seit längerer Zeit gewisse Vemtammungein zwischen Warschau und. Riga geltend machen, besondere Bedeutung beizumessen ist. Gesandter jodko betonte, die polnische Regierung“ lege großes Gewicht auf die Erhaltung guter Beziehungen mit Lettland, mit dem sich Polen durch gemeinsam vergossenes Blut und durch ge? meinsame Gefahr verknüpft fühle. Die internationale Lage verweise beide Staaten auf solidarisches Auftreten und Handeln, wodurch am leichtesten ein Ausweg aus allen Konflikten und Verwicklungen gefunden werden könne. Der Präsident Lett’amds gab in seiner Erwiderung der Freude darüber Ausdruck, daß gerade Dr. Jodko, der als warmer Freund Lettlands bekannt sei, die Vertretung der polnischen Republik in Riga übernommen habe. Gesandter Jodko werde gewiß dazu beitragen, daß die augenblicklichen Reibungen und Meioungsv^orschiedenheiiten zwischen den beiden Nachibaipstfliaten beseitigt werden. Schließlich gab er die Versicherung ab. daß der »polnische Gesandte in seiner Tätigkeit auf die wärmste und tatkräftigste Unterstützung der lettischem Regierung rechnen dürfe. Der Verlauf dieser Unterredung hat in {Warschau lebhafte Genugtuung hervor gerufen und man ist überzeugt, daß in verhältnismäßig kurzer. Zeit die Spannung zwischen Warschau und Riga endgültig behoben sein wird. Der gegenwärtige unerquickliche Zustand eines gewissen gegenseitigen latenten Mißtrauens, das obendrein durch die ziemlich unsanfte Behandlung der Ln Lettland, lebenden Polen genährt wird, datiert noch auf die Früh'jahrsironate des vorigem Jahres zurück, also auf die Zeit, als die Versuche der Errichtung einer »baltischem Union« daran scheiterten, daß die Letten, die mit Hilfe der Polen die Bolschewiken aus ihrem Lande 'hinausgedrängt halten, die Polen im Augenblick der höchsten Gefahr im SticJ'-e fätüen und in gesonderte Frieden-.-u nterhand 1 ungen mit Sowjetrußla/nd eiratraten. Lettland schiß mit •SowieUrußlamd einen Sonderfrieden ab und wenn es diesbezüglich auch in der Folge n<*cht gerade die bes:en Erfahrungen tnia^hce, so wurde es in seiner <. maligen pol en-feind liehen Politik du roh die militärischen Erfolge Polens und durch den .Einzug der Polen in Wi'lina nur oocfi bestärkt. Der polnisch-litauische Konflikt und die Besetzung Wilnas durch die Truppen Zieligowikis weckte in Lettland die durchaus unbegründete Befürchtung, 'Polen kömmte einem Ercberungszug gegen Kowiip unternehmen und diese Gelegenheit auch zu einer Invasion in die ehemals polnischen Gebiete Let'tr lamls, in das sogenannte Lefttgallien benützen. Ek ist dies der ocirdwestliche Teil des russischen Gouvernements WLtebsk, der seit dem Frieden von; Oliva (1660) Polnisch-Livland zum Unterschied, vooi Schwedisch-Livlamd genamrat wurde. r Die Letlgailier hatten nach der Teilung Livlands rm Jahre 1660 die Fühlung mit den übrigen Letten verloren. Die Letten blieben protestantisch ünd schöpften vornehmlich aus deutschen Bildungsquelleni während die Lettgallier katholisch wurden und seither dauernd unter den kulturellen Einfluß dc*ä Pole»! unns gerieten. Mit der Zeit wurden in Lectgallieu alle studierten oder auch nur halbgebildeten Bauernsöhne zu Polen und die polnische Sprache gewann allmähliflh die Bedeutung und die Verbreitung der Volkssprache dieses Lander. Erst seit ungefähr fünf zehn Jahren trat in stärkerem Maße die lettgalllsdi*nationalistische Bewegung auf den Plan, •aber sie vermochte nicht den polnischen Charakter der Bezirke Dynaburg, Lucyu und Rzeczyca, in denen etwa 60.000 Polen leben, zu verwischen. WIENER MOKGgN2EITtTNO Polen, dessen Truppen» unterstützt von lettischen Soldaten, dieses Land befreit hat; verzichtete auf den-Besitz von LetitgaliÜen, aber es muß darauf bestehen, daß der polnischen Bevölkerung eine nationale und kulturelle Autonomie verbürgt werde, was gewiß nicht ‘ als unbilliges Verlangen bezeichnet werden darf: Leider fohlt es auf lettischer Seite-bisher an der nötigen Einsicht und die lettischen Behörden gefallen sich , noch immer Ln überflüssigen Drangsalierungen der polnischen Bevölkerung, die man um jeden Preis entnationalisierem möchte. Als wirksamstes Mittel wurde die Schulpolitik erkannt und noch immer mehren sich die Klagen der Bevölkerung über die unrechtmäßige Schließung der polnischen Schulen, trotzdem Lettland, das ja in den Völkerbund aufgenommen worden ist, sich in aller Form verpflichtet hat, die Rechte der nationalen Minderheiten zu achten und zu sohütizen. Den Hauptpunkt der polnisch-lettischen Verstimmungen bildet aber die im September 1920 von der lettischen Konstituante, beschlossene Agrarreform, deren Härten in erster Reihe die polnische Bevölkerung Lettgallliens zu verspüren hätte. Fünfzig Prozent der großen, mittleren und kleineren Grundbesitzer sind dort Polen .-und auch im Dryssaer Distrikt ist dos Verhältnis ein ähnliches. Tn Lettgallieti allein sind etwa 300.000 Hektar in polnischen Händen. Nun würde die für die Enteignung zu leistende Entschädigung eine so enorme Höbe erreichen, daß der lett'iis-che Staat sie unmöglich leisten könnte. Es .wird sich also darum-handeln, im Wege eines Kompromisses einen für beide Teile annehmbaren Ausweg zu finden. Lettland wird sich jedenfalls entsdhliessen müssen, den polnischen Staatsangehörigen die Möglichkeit zu bietep. in einem bestimmten Zeitraum (vcti etwa drei Jahren) ihren Grundbesitz selbst zu veräußern. Wie es heißt, soll übrigens die lettische Regierung einen Regierungsentwurf vorbereiten, der den polnischen Wünschen Rechnung tragen wird.. Ist dies wirklich wa'hf, dann ward wohl auch die Bereinigung der anderen strittigen Fragen nicht lange auf sich warten lassen. Früher oder später muß nämlich in Riga die Erkenntnis siegen, daß eine »baltische Union« gegen Polen oder auch nur ohne Polen keine Aussicht auf dauernden Bestand hätte. Polen und Lettland 'haben, wie schon Oben bemerkt wurde, so viele gemeinsame Interessen., daß die Wiederherstellung. freu-ndmachbarlicher Beziehungen zwischen diesen beiden Staaten ein 'unabweisbares Gebot politischer Klugheit ist. In den maßgebenden politischen Kreisen Polens ist man auch überzeugt, daß es dem neuen polnischen Gesandten in Riga gelingen wird, die Fäden zwischen Warschau und Riga enger zu knüpfen und eine wirkliche Verständigung aufzubauen. Oesterreich. Regelung der Beamtenfragen. Wie die Korrespondenz Herwel meldet, wurde die Ueberstundenentlohnung einer neuerlichen Regelung unterzogen. Der Ministerrat hat beschlossen, die Ueberstundengebühren für den Monat Oktober ln doppeltem Ausmaß, für November ln dreifachem Ausmaß zur Auszahlung zu bringen. Die Entlohnung für die im Dezember geleisteten Ueberstunden wird das Doppelte des Novemberausmaßes betragen. Es Ist geplant, mit Beginn des Jahres 1922 eine automatische Verbindung zwischen Ueberstundenentlohnung und den Bezügen herzustellen. Bekanntlich-hat die Regierung vor einiger Zelt ihre Absicht kundgegeben, die Besoldungsfragen der Bundesangestellten nicht mehr selbständig zu regeln, sondern den Hauptausschuß mit dieser Angelegenheit zu betrauen. Die Regierung will bereits die Entscheidungen über die für den Monat Jänner zu treffenden weiteren Vorkehrungen dem Hauptausschuß überlassen. Voraussetzung hiefiir ist, daß unter den Parteien eine Einigung über das Bundesverfassungsgesetz erzielt wird, wodurch dann die rasche parlamentarische Erledigung der Vorlage sofort nach WiederAUsammentritt des Hauses gewährleistet erscheint Jugoslawien und Oesterreich. Die Agramer „Slobodna Tribuna“ bespricht die Zusammenkunft in Schloße Lana und meint, daß das zwischen beiden Staaten abgeschlossene Einvernehmen von großer Bedeutung für die Kleine Entente sei. Italien habe mit seiner in jüngster Zeit so forcierten magyarophilen Politik Oesterreich in die Arme der Klanen Entente getrieben. Für die Kleine Entente sei dies nur ein Gewinn, besonders für Siidslawien. Allerdings hätten sie schon längst mit Oesterreich ein Freundschaftsbündnis abschließen können. Leider aber waren in der jugoslawischen Außenpolitik Ansichten maßgebend, wonach wir als Sieger mit den Besiegten nichts zu tun haben wollten und iür diese nur Schikanen hatten. Dann haben uns aber unsere alten Freunde verlassen, neue zu werben verstanden wir aber nicht. letzt nach dem Einvernehmen in Lana, sei zu hoffen, daß auch wir mit Oesterreich Freundschaft schließen werden. Die Stammtischrunde gegen den Vertrag von Lana. Dr. Walter Riehl entrüstet sich. Der „Bekämpfe: der Ostjuden“, Dr. Walter Riehl, der seit einiger Zeit als Obmann einer „nationalsozialistischen Partei“ zeichnet (gewöhnlich nennen sich derartige Verbindungen „D' Slankogler“ oder „Die lustigen Z’widerwurzen“), hat gestern im Alten Rathaus eine „Protistkundgebung“ gegen den. Vertrag von Lana arrangiert. Dje versammelte Stammtisc'iirunde nahm eine „Entschließung“ an, in der gegen den „verrä.erischeu Schaudvertrag“ protestiert 29. Dezember 102!_Nr, 1047 und die Anwendung schärfster Mittel zu seiner Unschädlichmachung angekündigt wird. Der Vertrag bedeute „ein perverses Bündnis mit den Tschechen“, er sei ein gegen Deutschland und die Sudetendeutschen gerichteter „verruchter Geheimvertrag“. Die Entschließung wurde mit lebhaftem Heilio aufgenommen. Gesandter Riedl in Berlin. Berlin, 28. Dezember. (WM.) Der österreichische Gesandte Riedl ist nach Berlin zurückgekehrt und hat die Leitung der Gesandtschaft wieder übernommen. Tschecho-Slowakei. Das Kriegsanleiheproblem. Prag, 28. Dezember. Dr. Benesch erklärte den gestern bei ihm erschienenen Vertretern der Kriegs- anleiheschutzverbände, die Lösung des Kriegsanleiheproblems werde ohne Verzug in Angriff genommen werden; Die Interessentenkreise und ihre zuständigen , Organisationen werden bei der Vorbereitung des Gesetzentwurfes über die Kriegsanleihe gehört werden, j dessen Vorlage der Ministerpräsident für die Frühjahrs-! session in bestimmte Aussicht gestellt hat. Der tschechisch-deutsche Streit. Prag, 28. Dezember. „Gas“ schreibt zur Weih« nachtsrundfrage an die Politiker in der „Tribuna“: Der tschechisch-deutsche Streit ist kein staatsrechtliches, sondern ein nationales, kulturelles, wirtschaftliches und politisches Problem ln dem Sinne, daß es nur des Entschlusses der Deutschen zu positiver Politik auf der einen und der Ermöglichung dieser Politik durch eine geeignete Taktik auf der anderen Seite bedarf. Eisenbahnminister Schramek. . Prag, 28. Dezember. Der tschecho-slowakischö Eisenbahnminister Schramek hat sich von seinem Automobilunfall soweit erholt, daß er am 1. Jänner die Leitung seines Ressorts wieder übernehmen wird, Verhandlungen If&rolyis in Prag. Prag, 28. Dezember. (Preßzentrale.) „Slovenska Politika“ meldet, daß Graf Michael K a r 0 I y 1 sich fncognito in Prag aufhält Seine Anwesenheit in Prag wir'J mit den Verhandlungen der magyarischen Reglern ' gspersönlichkeiten mit. den sozialdemokratischmagyarischen Emigranten über die Versöhnung < mit der magyarischen Regierung in Zusammenhang gebracht Polen. Die Abgrenzung in Oberschlesien. Warschau, 28. Dezember. (Tel.-Komp.) Einet Meldung aus Kattowitz zufolge fallen nach der im Beuthener Bezirk vorgenommenen Abgrenzung 144.000 Einwohner an Polen und 63.000 an Deutschland. In den Industriegebieten von Beuthen. Hindenburg und Tarnowitz zusammen fallen 278.000 Bewohner an Polen und 236.000 an Deutschland. Lohnkürzungen in der polnischen Industrie. Warschau, 28. Dezember. (Intet) Die polnischen Industriellenorganisationen beabsichtigen, in der kommenden Lohnperiode Lohnkürzungen bis zu 10% durchzuführen. „Gazetta Warszawska“ nimmt an, daß die Arbeiterschaft keinen Widerstand leisten werde. Ungarn. Der Mißerfolg der Budapester Delegation in Amerika. Budapest, 27. Dezember. (Eigenbericht der „Wienet Morgenzeitung“.) Aus Briefen, die Rabbiner. Dr. Elias Adler, eines der Mitglieder der Budapester jüdischen Delegation, nach Amerika an seine Freunde richtet, geht hervor, daß diese mit magyarischer Reklame inszenierte Amerikareise der Budapester Assimilantendelegation ein vollständiges Fiasko er- 1Lt tp n hat. Dr. Adler beklagt sich, daß sie ganz enttäuscht-sind, daß man ihnen , in den jüdischen Kreisen mit Mißtrauen begegnet und daß sie schwer arbeiten müssen,, um nicht ganz leer zurückzukehren. Dabei bedient sich, wie ein Budapester Blatt feststellt, Dr. Adler auch unerlaubter Mittel, um die Herzen der amerikanischen Juden zu erweichen. Das betreffende Blatt: „Ausländischen Blättern entnehmen wir, daß die Abordnung der Fester israelitischen KuLusgemeind 2 nach ihrer Ankunft in New York für die dortigen Blätter interessante Erklärungen abgab. Dr. Elias Adler sagte unter anderem, daß wir von unseren amerikanischen Brüdern zu dem Zwecke Unterstützung erbitten, um unsere heimischen und palästinensischen Brüder unterstützen zu können. Man sieht, daß von Amerika die Rede ist, wo es keine Unmöglichkeiten gibt. Die amerikanischen Juden haben bekanntlich unmittelbarere und nähere Verbindungen mit Palästina, als daß sie gezwungen wären, ihre Spenden im Wege der Fester israelitischen Kultusgemeinde dahinzusenden. Allenfalls erscheint uns die Auffassung der Fester jüdische Delegierten unverständlich, da sie doch selbst wissen müssen, daß die Fester israelitische Kultusgenicinde unter dem Deckmantel patriotischer

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