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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-01 · Heft 133 (1.6.1919) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 133 (1.6.1919)
Date
1919-06-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 J3icn, Sonntag. ' Wiener Morgerrzeitüüg f. Juni 1911) Nr. 138 Der Pogrom hört nicht auf. Neue SchandtatenHakerscher Soldaten inEzenstochau. 1 Krakau, 31. Mai. (Tel. der ,,Wr. Morgenze'ttung".) Die Polen treffen jetzt militärische Maßnahmen an der oberschlesischen Grenze. Hallersche Truppen sind in großer Zahl iit den Gegenden voit» G z e n ft o ch a u, Doinbrowa, Z a w o r n o, ö s id i c c i m und Tarnow konzentriert und an all diesen Orten folgen den Truppenbewegungen Iudenpmn'me. In Czenstochau kam es DiLnslusi' zu wüsten a n t i j n d i s ch e n E x- 5 essen. Am die Mittagszeit begann die Jagd nach Juden. Hallersche Soldaten wetteiferten im Plündern, Rauben, Schlagen und dem schon gewohnten Bartabschneiden. Viele Inden wurden verwundet. Gegen 5 Uhr nachmittags verbreitete sich das Gerücht, daß aus einem Hause ans einen Soldaten geschossen würde und daß der Soldat tot sei. Bald sammelte sich vor dem Hause eine ungeheure Menschenmenge, Zivilisten und Soldaten, an. Es meldeten sich „Zeugen", die behaupteten, der Erschießung des Soldaten beigewohnt zu haben. Das Haus wurde gestürmt, die jüdischen Einwohner auf die Straße geschleppt. Me Minister Wojeiechowski nachträglich dem Abgeordneten Perlmutter bestätigte, war die ganze Geschichte eine Provokation. Um 9 Ahr abends nahmen die Unruhen einen höchst bedrohlichen Charakter an. Soldaten und Zivilisten zogen in das Judenviertel und schlugen j e d e n I u d e n, der sich auf der Straße zeigte. Die Ortspolizei war diesem Treiben gegenüber machtlos. Als einige Polizisten den jüdischen Arzt Nathanowicz zu einem S'chwerverwundeten holten, griff ihn die Menge an und er wurde a u f der Stelle erschlagen. Die Zahl der ermordeten steht noch nicht fest, wird aber vom „Äobotnik", der diese Vorgänge schildert, vorläufig mit fünf angegeben. In den Spitälern liegen zahlreiche Verletzte. Zu Plünderungen und Ueberfiillen kcckr es auch mCyrzanow und T r z e b ip i a. Interventionell bei den kommandierenden Offizieren halten keinen Erfolg, da die Soldaten den Gehorsam verweigern. Die jüdische Bevölkerung der genannten Orte flüchtet nach Krakau. Ein Antrag auf Ausschluß des Abgeordneten Grünbaum. 1 Warschau, 31. Mau (Tel. der „Wr. Mvrgenztg?) T^s Wlltige Auftreten des Abgeordneten Grün bäum in der letzten Sejmsitzung laßt die polnischen Abgeordneten nicht zur Rühe kommen. Der polnische volksnationale Klub bat beschlossen, deü fonnellen Antrag, zu stellen, Abgeordneten Grünbaum zur Strafe für seine letzte Rede aus dem Landtag aus« ,ns fließen. Nomberg — Priluekis Ersatzmann. Warschau, 31. Mai. (Tel. der „Wr. Morgrnztg.") Das Mandat des jüdischen Abgeordneten Pnlmkr (Bolksvanel) ist, wie schon gemeldet, annull ert worden. An seine Stelle tritt der bekannte jiddische Literat Ch. O. N o m b e r g. Priluckl erhielt die Ausreisebewilligung nach Paris. Landtagswahl in VialistoK. Warschau, 81. Mai. (Tel. der /Er. Morgenztg.") In B i a l i ft o k wurden für den 15. Jum l. I. die Wahlen zum polnischen Landtag nrgeseyt. Im Hinblick aus den Prozentsatz der dortigen Mischen Bevölkerung besteht die Aussicht aus Durchdringung zweier jüdischer Kandidaten. Die Juden in Litauen. Warschau, 31: Mai. (Tel. der »Wr. Moroenztg.") In Kowno fand kürzlich ein von allen jüdischen Parteien nach Tausenden besuchtes Meeting statt, das gegen die letzten Geschehnisse in Wilna prorestierle und sämtliche litauischen Juden aufforderle, für die Freiheit der litauischen Republik zu kämpfen. Dre litauische Regierung liegt gegenwärtig m der Hand der linken demokratischen Elemente. Es werden jetzt mit den jüdischen Führern Verhandümgen über den Eintritt r,ms Juden t» das Kabinett geführt. Der aussichtsreichste Kandidat jur diesen Posten ist der angesehene jüdische Gelehrte Dr. Max Solow e j c z i r. In den Ministerien sind Me Juden als Beamte beschäftigt. Bizrhandrlsminiürr rft der Jude Dr. Rachmilew: cz, Advokat Rosenbaum ist Pizeminister für Aeußeres imd weilt gegenwärtig in Paris als Vertreter der Regierung bei der Friedenskonferenz. Die Ukrainische Regierung in Kamenee- Podolski. Kamenee-Podolski, 30. Mai. Der Ukrainische Pressedienst meldet: Die ukrainische Regierung hat ihren Sitz angesichts der polnisch-rumänischen Gefahr nach Kamenec-Podolski auf das non den Bolschewiken befreite Territorium verlegt. Die AMierten bereiten die Verpflegung Petersburgs vor. Lyo«, 81. Mau (Funkspr. des Korr.-Byr.) Di« Alliierten haben alles eingrleitet, um die Verpflegung St. Petersb u r g s sicherzustrllen. H o o v e r oraamsiert die Verkehrsmittel und man rechnet darauf, 36 Stunden nach Abzug der Bolschewiken Mil der Verpflegung begannen zu können. Hoover erklärte gestern, daß acht amerikanische Schifte mit 80.000 Tonnen Lebensmittel für St. Petersburg ans der Fahrt nach Reval und Lrbau unterwegs sind. Für die Versorgung von Riga seien gleichfalls Vorsorgen getosten worden. Handelsnachrichten aus Tschechien. n Prag, 31. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Die Kreß A.-G. flir Bauunternehmung in Prag bringt eme oprozentige Dividende, die Schokoladek a b r i l D e (t eine solche von 20 Prozent zur Ausschüttung. Der Papierhandel in der Schweiz freigegeben. Bern, 31. Mm. Das schweizerische Bolkswirtschaftsaytt hat die früheren Bersügnngen über die P a p i « r v e r s o rgnng des Landes auigelwlim. Der Papierhaubrl ist damit wieder vollständig f r e i g e g e b e n. Der Weg zum Frieden. . W i e n, 31. Mai. Nach den letzten Nachrichten scheint es, daß die Ueberreichung des Friedensvertragsentwurfes an die Delegierten Deutschösterreich) neuerdings verzögert werden soll. Es heißt, daß am Vertrag neuerliche Ae nd erringen vorgenommen werden sollen, und nach Schweizer Meldungen soll dies als günstiges Anzeichen aufzufassen sein. Euerseits wird behauptet, daß zunächst die Mgelung des Ad ri a Problems äbgewartet wird, ans lex anderen Seite soll es feststehen, daß die Tschechen Und SSdslaweit nicht nur gca den Vorkriegsschulden teilhaben, sondern auch zur Wiedergutmachung und Etitsch ädigung heran gezogen werden sollen. Diese Meldungen erfahren durch einen Sitnationsbericht der offiziösen tschecho-slowakischen Korrespondenz eine gewisse Bestätigung. Auch der einmütige Protest, den die tschechische Presse erhebt, würde für diese Annahme sprechen. Alle tschechischen Blätter Verhalten sich natürlich ablehnend und weisen auf die schlechte Finanzlage der Tscheche» Slowakei hin, nur „Prado Lidu" begnügt sich mit dem bloßen Protest nicht und findet entschÄhene Töne gegen die italienische Unersättlichkeit. Die tschechischen Arbeiter seien nicht bereit, sagt das Blatt, für die zweifelhafte Freundschaft der. siegreichen Ententebourgeoisie zu verhungern- Man wird ja in die en Dinge,: ball) Klarheit haben. Vorläufig tut man gut, in allen Deutschösterreich berührenden Fragen Skepsis zu bewahren, um nicht nachher allzu enttäuscht zu sein. Was die Aussichten der deutschen Gegenvorschläge betrllfft, so ist man auch hier aufs Rätselraten angewiesen und die verschiedenen ausländischen Blätherstimnren lauten nicht übereinstimmend. „Chicago Tribüne" will wissen, daß nach dem Empfang der deutschen Note die Friedenskonferenz sich in zwei Lager gespalten habe; die eine Seite sei gegen jede Aenderung, während die anderen für die Berücksichtigung der deutschen Einwände einträten. Auch Hervä, der in der „Victor re" bisher einen durchaus ablehnenden Standpunkt vertrat, plädiert für die Annahme des deutschen Vorschlages betreffs des Saargebietes, für Rückgabe eines Teiles der Kolonien, für Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund und die Zulassung des Anschlusses DeutschösterrAchs. Haager Meldungen wieder behaupten mit größer Bestimmtheit, haß der Vlererrät In der Territürialfrage sowie bezüglich Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund upd der Rückgabe der Kolonien ke inerlei Znge st a nd nss se machen wolle. — Sehr interessant sind Lyoner ' Nachrichten, laut welchen, wieder nach Angaben amerikanischer Kreise, hervorgeht, daß Wilson zwischen Deutschland und den Alliierten vermitteln wolle und dafür eintrete, daß in Oberschlesien eine Volksabstimmung eiltjcheiden. Danzig als Freihafen bei Deutschland bleiben und von einer Verurteilung der amKriege Schuldigen abgesehen werden soll; auch sei Wilson für Deutschlands sofortige Aufnahme in den Völkerbund, wogegen nur Frankreich an kämpfe. Auch Deutschlands Entschäbigungsanbot soll Wilson für genügend halten. r Bemerkenswert ist auch eine Rede, hie Wilson gestern bei der Totenfeier für die amerikanischen Soldaten gehalten hat, in welcher er sich deutlich gegen die wü derkeln-enden Versuche im Rate der Staatsmänner aussp'rach, die alten berechnenden, cgL'.stfsthrrr Methoden der Gehelind iplomatÄ^ wieder zu. Geltung zu bringen. Das sehe nicht nach Gerechtigkeit ans, und wenn dieser Krieg nicht der letzte Krieg für das Recht gewesen sei, so werhjf demnäü-,. noch ein Krieg geführt werden müssen. Jll« zwischen meldet „Morning Post", daß die Gegner Wilsons in der 'amerikanischen Kommission für Aich» wartiges 'die Mehrheit erlangt haben. Aber ist Wilsons Stellung unerschüttert und gelänge es ihtt^ feine Vermittlerrolle zu einem glücklichen Erfolg zp führen, so könnte er btt gesaÄM Mensch beit betz größten Dienst erwcisell. Die Pariser Presst ist natup lich gegen jede Diskussion des Friebensvertrages, do sie zu fürchten scheint, daß es doch zu einer mrmdNchdn Auseinandersetzung kommen könnte, und der kommandierende General hej rhein-hessischen Besatzungsarmee läßt mittels- Auf» rufes verlauWaren, daß bei Nichtunterzeichnnng bei Friebensvertrages der Kriegszustand wieder einträte^ alle waffenfähigen Männer interniert und die Er» nähimiigsbeihilfey aufhören würben. Die Urteile -er englischen Presse Über hie heut» scheu .Gegenvorschläge sind geteilt. Die Ablehnung welche ‘ die Friedensbedingungen aus dem jüngst am gehaltenen^Kongreß der englischest Jndepesthenctz Labosti Party gefunden haben, war so scharf, haß die englisch Presse, wie die „Vossische Zeitung" meldetes vor» gezogen hat, die betreffende Entschließung unvollständig imd sogar entstellt wiederzugeben. Auch die sozialistisch! Kammergrnppe Italiens hat eine Men 'Sozialistew Parteien der Wels mitzuteileUde Tagesordnung be. schlossen, die Ratifizierung des Friedens Vertrages das Parlament mit allen Mitteln zu verhindern. Sollte sich leim Ende doch noch die Internationale auf. raffen, nachdern sie im entsche'idensten Augenblick, he» Kriegsbeginn, so Käglich versagt hat? Auch die Schweiz will, wie es scheint, ihre Bevormust« düng durch die Entente nicht längxx ertrage« und der Schweizer Bundesrat hat hie Blockade» note der Entente verneinend beantwortet, W Schweiz will sich ihre Wirtfchaftsfreiheit für defl Fader Fortsetzung des Krieges wahren und glaubt astf diese Weise ihrer bisherigen Politik der Neutralijä! treu zu bleiben. — Nach Deutschland und Deu tsch öfter» reich soll Bulgarien vor dem Pariser Ltibünül erscheipeit, Uuch der Vjwtrag zwischen der Entente und Poler ist fast vollendet.. Die na tio na len Rechte he» Juden .sind nach -amerikanischen Meldungen ge. sichert und gleichlautende Verträge solst) Rumänien,der Tfchecho-Slow akei UndJugi> s.lawien vorgetegt werden. Man versteht nach diese» Nachrichten nicht recht, warum bisher von den gerck» festzulegouden Rechten der Juden in Deutschland uni : Deutschösterreich niemals die Rede war, welch letzter» eine bedeutendere jüdische Bevölkerung haben als eitw« Jugoslawien. Die Forderung nach'"nationaler An» , erkennung der Juden in Deutschösterreich.ist bisher Nicht durchoe(etzt. Die Deutschen haben für die Judenfrag» eigene Experten aufgestellt und nach BersaiM piitgenommeu.. Es ist zumindest befremdend, daß Deulschösterreich. das eine größere jüdische MinLerheit hat, nichts dergleichen getan hat. mm Eages-ericht, Eitt Lirchstanz um vett VlaufuchK — für die Kriegsblinden. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Sehr geehrter Herr Redakteur! Mit Ihrem Kamps gegen bas kleine, aber wichtige Zeichen allgemein europäischer sowohl als auch spezifisch israelitischer Kulturfchanbe gegen hie Verbindung von Linkstanz mit Blaufuchs und Reklame, von kitschig-unappetitlicher Wohltäteret mit dem^ schrecklichen Lose der Kriegsblinden haben Sie bei vielen verantwortungsbewußtes und aufrichtigen Juden dankbaren Widerhall geweckt. Es wäre zu wünschen, daß diese Gelegenheit und' die, wenn auch nur leider im engen Kreist, erregte Aufnierksamkeit dazu beitragen, daß wir über diese ganze Sorte von Wohltätigkeit zum Nachdenken kommen, die durch eine große, ausgefallene Vergnügung und Vergnftgungsraferei stnza sordino den Elendesten und UnglücMchsten eine beschämend kleine Hilfe bringen will. Den Mangel dieser schreiend barbarischen Diskrepanz zwischen Mittel und Zweck habe ich immer als Kennzeichen der wahrhaft ejgenjü-.ischen (jetzt im Ostjudentum sichtbaren) Wohltätigkeit, im Gegensatz zur allgemein europäischen, angesehen. Ich kenne keine Art von Veranstaltungen unter Ostjuden — wo sie noch nicht verwestlicht wurden — die dieser Wohßtatplage entsprächen. Freilich, dort ist Wöhlltun ein primäres, raffinementfreies Gebot des Herzens, keine Sache des Arrangements, nicht Mittel und Gekegenbeit znm gezierten und anspruchsgeschloollenen Prunken besserer Damen und Herren. Dort ist Wohltun etwas f*> Uersöuliches und Weihestarkes, daß es dasür schlechtitcrog leinen Vergleich gibt. So finden sich, dort auch im Frieden überall Zrei»Mige, ganz uuhonorierte Krankenpfleger Mth tpüKhabende Almostnsammler von Haus zu Haus für wirtschaftlich Herab gekommene, die" sich des Bettelnä schäuien. Auch' unzählige unbestallt« und unbeamtett Fürsorger und Fürsorgerinnen, die ihr WohltUN geheiw halten, um die Empfangenden,nicht zu beschämen und ihr eigenes gottgefälliges ' Verdienst nicht durch dait Prahmen mit der Wohltat zu schmälern, so daß nM dort der dichterische, humoristische Porwnrf des „Streiks der Schnorrer" entstehen konnte. Nun die Rückkehr zum Volke und die Besinnung aus das Eigenjüdische ist heute übetall die Losung Mögen diejenigen, denen dies keine Phrase ist. Unter anderem auch in den Forjnen der Wohltätigkeit ihr« geläuterte jüdische Gesinnung betätigen! Auf unser Besonderes zurückkommend, wird ma« als hauptsächliche Argunientation hören: ,Menn wii diese Fnrktifizierung von Tanz- und anderer Lust zugunsten der Unglücklichen ansschalten — auf andere Art werben die in Betracht kommenden Steife den Elends nicht helfen." Sv sagt man. Und glpuht damit eine Entschuld^ gung vorzubringen, statt sich bewußt zu werden, welG Anklage man ersteh t, welche seelischett Miß stände mg« feststellt, die zn beheben man sich eifrigst LemüW müßte. Und wie unökonomisch, mit welch kleinem Nutzeffekt diese VergnttgungsausbeütuNg, arbeitet! Wieviel wird bei derlei von^ seitten der Gäste auf die diversen Repräsenlationsmittel, wieviel an Gelb und Mühe unp Sorge seitens der Veranstalter für die Arrangierung aufgeivenbet, um ein kleines Erträgnis herauszubekommen! Zu:n Schlüsse sei es mir noch gestattet, im Namen vieler unsere Genugtuuug darüber auszudrücken, daß Sie bei dielen und bei anderen Anlätten die MiMänvd

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