Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1903)
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 223 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Antrittspredigt des Herrn Rabbiner Dr. Max Grunwald, gehalten am 29. August 1903 im Tempel der israelitischen Kultusgemeinde Wien, XV., Turnergasse. Meine Freunde! Liebe Gemeinde! Wie finde ich die Worte, um in vollen, ungebrochenen Tonen, in seiner ganzen Wärme und Innigkeit ausklingen zu lassen den Jubel, der heute mein Herz erfüllt, den lauten, fröhlichen Widerhall, den Euer Freundesgruß in meiner Seele weckt? Wohl wünschte ich, ich könnte vor Euch hintreten, wie jeuer ruhmgekrönte Held im alten Rom vor seine Richter. Er brauchte keine Worte. Die Narben wies er nur auf offener Brust, die Wunden, ans denen er geblutet für sein Volk, sein Vaterland. So wünschte ich, ich könnte heut' mit Erfolgen zu Euch reden, Euch mit Taten, danken. Doch diese Taten soll ich erst vollbringen. Und werde ich sie vollbringen, werde ich das leisten, was Ihr von mir erwartet, nach dem Vorgänge solcher Männer, wie sie vor mir gewaltet an dieser heiligen Stätte? Sagt doch der Talmud gar: „Einem Engel Gottes soll der Rabbiner gleichen, nur dann soll man Belehrung suchen aus seinem Munde, sonst nicht!" Ernst wird mir zu Mute in dieser Stunde, ernst wie dem Bräutigam, der Braut, wenn sie vor Gott den Bund der Treue schließen. Monate, vielleicht Jahre lang sehnten sie sich nach dieser Stunde, der Gipfel ihres Glückes will sie ihnen dünken, und nun sie da ist, die ersehnte Stunde, da wird das Herz so schwer. „Werde ich hatten, was ich gelobe? Wird Segen sprießen aus unserem Bunde?" Und heiße Tränen stillen Kummers perlen an den duftenden Kelchen der Freude, die Liebe und Freundschaft rings umher gebreitet. So fühle auch ich mich mitten in all dem prangenden Schmucke ernst und beklommen. Da dringt in das Herz mir, ermannend und tröstend, der Ruf des Propheten, der morgen in allen Gemeinden Israels ertönt: Es spricht der Herr „Wer bist Du daß Dn Dich fürchten dürftest"? . . . „Ich der das Meer beschwichtigt, wenn seine Wogen tosen, ich, der die Herzen der Menschen lenkt, — ich bestelle Dich, Menschenherzen zu leiten". „Ich lege meine Worte in Deinen Mund und mit dem Schatten meiner Hand bedecke ich Dich, einen Himmel zu pflanzen und eine Erde zu gründen und zu Zijon zu sprechen: „mein Volk bist Du". Aus diesem Gottestroste schöpfe ich Kraft und Zuversicht. Denn dieses Wort weist mir sicher und klar das Hochziel meines Wirkens, zunächst den Weg der zum Ziele führt. I. Zunächst den Weg Meine Freunde! Der Schiffer, der sich hinauswagt auf die hohe See, nimmt einen doppelten Kompaß mit Stunde um Stunde vergleicht er sorgsam den einen