Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Dev Mabbi und die Hiessouvce. Akiba Eger, der Ober-Landes-Rabbiner von Posen, welcher, wie man allgemein behauptet „den ganzen Talmud von Anfang bis zn Ende auswendig kannte", war doch nicht so sehr wegen seines großen Wissens, wie vielmehr wegen seiner unbeschreiblichen Menschenfreundlichkeit gegen alle und jeden, gegen Juden und Christen, selbst gegen seine Äsidersacher — denn auch solche gab's — allgemein beliebt. Als Schiedsmann mit richterlicher Gewalt über die Posener Judenschast gesetzt, wurde sein Urteil von Hunderten von Meilen herbeigeholt und, wenn er es einmal gefällt hatte, wurde niemals dagegen appellirt, denn sein Wort galt als unantastbar heilig. Nur einen Fehler machten seine Verwandten ihm zum Vorwurf: seine allzu große Freigebigkeit, welche sich denn auch zahlreiche Arme zunutze machten. Er gab gewöhnlich Alles hin, was ihm eben zur Hand war, und wenn es nicht reichte, so bettelte er irgend einen reichen Juden an, der daun nolens volens den nöthigen Bedarf deckte. Damit dies nicht zum Schaden der eigenen Familie gereichen mochte, leerten die Verwandten während der Zeit, wo er den Schlaf des Gerechten schlief, seine Taschen, und der erwachte Rabbi merkte trotz seiner großen Weisheit und Gelehrsamkeit nicht, daß sein Schatz sehr abgenommen hatte; war doch noch der Rest groß genug, um bei Vielen eine augenblickliche Linderung der Noth herbeizuführen. Es war an einem schönen Winterabende, die Elite der Posener Judenheit war in der „Jüdischen Ressource" versammelt, während Rabbi Akiba Eger einsam in seinem Studirzimmer saß und in einem dicken Folianten las. Da klopfte es an die Thür, und herein trat ein etwa dreizehnjähriges Mädchen mit verweinten Augen, das dem Rabbi einen Brief überreichte. Der Rabbi griff in seine Taschen. „Habe ich denn gestern"—so sprach er laut zu sich selbst—„alles Geld bis auf diese zwei Dukaten weggegeben." Er schüttelte den Kopf. — Er sann nach; plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke. „Meine Tochter," sprach er, „kannst du mir nicht sagen, wo die Ressource ist?" „Gewiß", erwiderte das Mädchen. , „Ob sie heute Abend zusammen kommen mögen?" — „O, die sitzen gewiß schon über eine Stunde zusammen und amüsiren sich; die haben ja keine Sorgen!" „Was heißt denn das: sie amüsiren sich?" — „Nun, sie spielen Karten und haben allerlei Vergnügungen. Wie es dort zugeht, kann ich eigentlich nicht sagen, denn ich bin noch nie in meinem ganzen Leben in der Ressource gewesen — mein Vater auch nicht." „So!"j sagte der Rabbi. „Warte, meine Tochter, einen Augenblick! Ich