Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1884)
- Date
- 1884-06-01
- Page
- Seite 144 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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— 144 — l entweder angenommen oder verworfen oder überhaupt nicht in Diskussion gezogen .. wurden. Auch die weitere Behauptung, daß die Mischnah die „mündlich vorhandenen "Ueberlieferungen" enthalte, deren „Erläuterungen ebenfalls nur mündlich verblieben" bis sie 250 Jahre später in einem Werke vereinigt wurden, das die Gamara heißt, will uns nicht einleuchten, denn sonst wären die Diskussionen, von denen weiter die Rede ist, ziemlich überflüssig gewesen und die Amoräer Rab und Samuel müssen doch sehr leichtfertig mit diesen mündlich verbliebenen Erläuterungen umgegangen sein, wenn sie, anstatt sich nach denselben umzusehen, über den Sinn so vieler in der Mischna aufbewahrter Halacha's entgegengesetzter Meinung sein konnten. Nun bemerkt auch der Verfasser nachträglich, daß „die Diskussionen (der Gemara) auch entgegengesetzte Meinungen enthalten," aber er giebt sich weiter die Mühe nicht, diese Erscheinung mit der angeblichen Einhelligkeit der Ueberlieferung in Einklang zu bringen. Die unliebsame Thatsache, daß die Mischna ebenso wie die Gamara eine Unzahl differirender Ansichten der einzelnen Gesetzeslehrer darbiete, wird einfach verschwiegen und zuletzt auf die „Codices" reflektiert, durch die jeglicher Dissens der alten Weisen in der That vollends aus der Welt geschafft und der Talmud „die einzige Quelle, aus der das Judentum geflossen" (arme Bibel! unglückselige Propheten!) überflüssig gemacht wird. Sehen wir uns nun nach dem eigentlichen Inhalt der vorliegenden Schrift um, so bemerken wir zu unserem nicht geringen Erstaunen, daß der weitaus größte Teil desselben dem „sogenannten agadischen Teil" des Talmud, der, wie wir bereits wissen, „bindende Autorität nicht beansprucht," entnommen ist. Schade, daß der Verfasser kein Maimonides ist und kein moderner Abraham b. David ihm gegenüber steht. Er hätte, wenn er anders nicht dem Verdacht dogmenwidriger Ansichten sich hätte aussetzen wollen, so despektirlich von der Hagada, die auch mit den Glaubens grundsätzen des Judentums uns bekannt macht, nicht sprechen dürfen. Die Aeußerung (S. 21», daß „die durch Schrift und Ueberlieferung gegebene Wissenschaft" nicht das übersinnlich Jenseitige, sondern die reale diesseitige Welt mit ihren geschichtlichen Entwickelungen in der Vergangenheit zum Gegenstände hat und sich daher „gerne mit allen anderen Wissenschaften befreundet" streift nach dem Standpunkte der altorthodoxen Theologie von Hai Gaon bis zu Moses Sofer geradezu an Ketzerei. Nach solchen Aeußerungen hat der Verf. kein Recht zu dem Urteile, daß es „keinen wahren Fortschritt bedeute, wenn in so manchen jüdischen Kreisen der Gegenwart das Band der Anhänglichkeit an dem talmudischen Judentume gelockert erscheint" (S. 37), denn die nach seinen Darlegungen empfohlene Befreundung mit den anderen Wissenschaften hat schon gar oft diese Lossagung verschuldete Uebrigens bedarf es betreffs der Aussprüche des Talmuds, die der Verf. in seiner Schrift zusammengetragen hat, nicht eininal eines solchen Appells, denn eine Lossagung von diesen Lehren hat überhaupt nicht stattgefunden. Sie wurden, wie männiglich bekannt ist, durch den „Fortschritt" zu Ehren gebracht, ob zwar eine bindende Autorität für sie nicht beansprucht wurde. Zum Aeste der Offenbarung. Bei der Gesetzgebung auf Sinai, heißt es in den rabbinischen Schriften, herrschte in der ganzen Natur eine feierliche Stille, weit und breit ein weihevolles