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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-06-01 · Heft 6 (1.6.1884) · p. Seite 145

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 6 (1.6.1884)
Date
1884-06-01
Page
Seite 145 (sequence 25)
Language
German
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145 Schweigen; es schwieg der Vogel in der Luft, es schwieg das Getier des Feldes, das Meer ^ebot Ruhe seinen Wellen, die Winde hörten auf zu brausen, die Engel sprachen nicht ihr: Heilig, heilig, heilig, das ganze Weltall horchte auf, als es am Sinai ertönte: „Ich bin der Herr dein Gott. — Die Offenbarung am Sinai war von mächtiger nachhaltiger Wirkung, ihre Sprache eindringlicher als die Naturoffenbarung. Die Offenbarung in der Natur und im menschlichen Innern muß gegen sie verstummen, denn Natur und Vernunft kündigen nicht so deutlich die Allmacht und Güte des Höchsten, wie die noch nach Jahrtausenden fortwirkende Gottesstimme auf Sinai. In ihrer Gleichnisform sagen unsere Weisen: Einst verheiratete ein Fürst seine einzige Tochter. Das junge Ehepaar nahm Abschied vom Vater, und dieser entließ es unter herzlichen Segenswünschen. Gehet mit Gott, sagte er, und wo ihr immer wohnen werdet, vergesset nicht mir ein Geniach herzurichten, da ich von Zeit zu Zeit bei euch mich aufzuhalten gedenke. Der Herr gab seine einzige Tochter, die Thora, dem Volke 'Israel und sprach: Haltet sie in Ehren, und wo ihr auch weilen werdet, richtet mir ein Zelt, einen Tempel, eine Stätte ein, wo ich unter euch wohnen kann. Die Thora ist mit einer Schutzmauer, mit einem belebenden Regen, mit stärkendem, herzerfreuendem Weine verglichen, mit dem Feuer, weil sie zündend sich verbreiten und entflammen und nicht im einsamen Forschen erlöschen soll, mit heilendem Balsam, womit der Arzt alles Fleisches Israel oft geheilt, mit dem O e l e, weil es sich mit Fremdartigem nicht vermischt, dem Manna, der Nahrung in der Wüste, die Gottes Liebe kündet, mit einer Krone, die die Thora den Lernenden aufsetzt, endlich mit dem Wasser verglichen. Wie der Wafferquell ist die Thora ein nie versiegender Born der Labung und Stärkung; wie er von der Höhe in die Thäler herniederfließt, so wirkt und waltet sie nur in bescheidenen Seelen. Die Bescheidenheit und Demut sind es, die ganz besonders sowohl durch das göttliche Gesetz, als auch durch das Vorbild des göttlichen Gesetzgebers betont werden, Eigenschaften, die in der Gegenwart unfern vielverleumdeten, zuweilen leider auch nicht ganz mit Unrecht getadelten Glaubensgenossen nicht oft genug eingeschärft werden können. Wahre Bildung ist mit Dünkel und Hoffart unverträglich. Darum sind die Worte der Thora mit den Wasserquellen verglichen worden. In die gesenkten Thäler hinab ergießen sich die Quellen, so muß, wer jetzt gemeinnützig und auf das Volk versittlichend wirken will, aus seiner Höhe zu ihm herniedersteigen, es durch sein eigenes Beispiel und Vorbild entflammen. Nur in einem bescheidenen Gemüte gedeiht Tugend und Sittlichkeit, aus einem demütigen Charakter und Sinne schöpft man gern Lehre und Lebensweisheit. Rabbi Josef meint, der Mensch soll Demut und Herablassung von Gott lernen. Unter allen hohen Bergen und Hügeln wählet Gott zur Offenbarung seines erhabenen Willens gerade den kleinen Sinai aus und unter allen Bäumen den niedrigsten Dornbusch, um Moses und dem Volke im Bilde der Demut zu erscheinen. Die Krone der Weisheit, heißt es, soll die Bescheidenheit als Sandale für ihren Fuß wählen, denn alle Tugenden ohne bescheidenen Sinn, gleichen den feinen Gerichten ohne Salz. „Die fruchtleeren Nadelhölzer wurden gefragt, warum sie im Sturme so geräuschvoll ihre Stimme vernehmen lassen. Man soll uns hören und sehen, war die Antwort. Die vollbeladenen Fruchtbäume wurden {gefragt, warum sie so still und lautlos dastehen und ihren Schmuck verbergen, te antworteten: Wozu das Prahlen und Glänzen, unsere Früchte sprechen für uns." Dieses Wort beherzige besonders in der Gegenwart das angefeindete

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