Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1884)
- Date
- 1884-06-01
- Page
- Seite 143 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Frankfurt a. M. ist der Titel einer jiingsthin im Verlage von I. Kauffmann erschienenen Schrift. Daß der Talmud zahlreiche treffliche Rechtslehren und Sittensprüche, Mahnungen zu jeglicher Tugendübung, zu Gottesfurcht und Menschenliebe, Rechtschaffenheit und Mildthätigkeit enthalte, die von dem Geiste der reinsten Moral und edelsten Lebensweisheit getragen sind, werden heutzutage wohl auch seine eifrigsten Gegner zugestehen muffen. Nicht umsonst hat die neuere jüdische Wissenschaft, die durch Männer wie Rappaport, Zunz, Geiger, Frankel, Jellinek u. a. zu einem so hohen Aufschwünge gelangt ist, auch über das dunkle Gebiet der rabbinischen Literatur ihr Licht verbreitet und dasselbe den Wißbegierigen aller Völker zugänglich gemacht. Seitdem Wolfssohn seinen Jeschurum geschrieben (1804), Jakob Weil seine Fragmente aus dem Talmud veröffentlicht hat (1812), hat es auch nicht an populären Auszügen, Uebersetzungen und Zusammenstellungen der talmudischen Morallehren und Weisheitssprüche gefehlt, durch welche die Kenntnis der talmudischen Ethik auch weiteren Kreisen zugänglich gemacht wurde. Neu ist in vorliegender Schrift, in der ebenfalls derartige ausgewählte Stellen aus dem talmudischen Schrifttum mit Geschick zusammengetragen und in recht ansprechender Form wicdergegeben werden, die Ansicht, die der Verfasser über „die Beziehung des Talmuds zum Judentum" entwickelt. „Von der frühesten Zeit ihres geschichtlichen Daseins," wird (S. 1) allen Ernstes behauptet, „hat der Talmud die geistige, sittliche und soziale Entwicklung der jüdischen Nation gestaltet und getragen." „Sein Inhalt" (also der ganze Inhalt des 12 Folianten starken Talmuds) „war noch vor Josephus und Philo, ja noch viel lange vorher" — wir könnten, da er bis in die früheste Zeit ihres Daseins zurückreicht, gleich sagen: vor David und Salomo — „als mündliche Überlieferung und Lehre in den Geistern und Gemütern der Nation wirksam" (welche Wirksamkeit ohne das faktische Vorhandensein dieses Werkes nicht möglich wäre). Diese Behauptungen werden aber gleich darauf in nicht unerheblicher Weise limitirt. „Es ist nämlich der Talmud die protokollarische Aufnahme der in der Nation durch Ueberlieferung vorhandenen Erklärungen, Erläuterungen ... des in der Bibel in Kürze gegebenen Gesetzes." Der Leser meint, es sei die Ueberlieferung „aus der frühesten Zeit ihres Daseins," der alle diese Erläuterungen entstammen, denn sonst könnte ja nicht die Rede davon sein, daß der Talmud schon damals der Träger der geistigen Entwicklung des Judentums gewesen sei, aber der Vers, belehrt uns bald, daß nur der Kern dieser Ueberlieferungen bis auf Mosen zurückreiche, der sie als göttlichen Ursprungs seinem Volke übergab. Die vielen Hüllen und Schalen, die sich dann um diesen Kern gebildet haben, sind also keineswegs göttlichen Ursprungs und wir dürfen, da es einmal auch ein Judentum ohne dieselben gegeben hat, sie unbedenklich fallen lassen. Doch nein! Außer dieser bis zu Mosen hinaufreichenden Ueberlieferung enthält der Talmud noch Aussprüche, Entscheidungen und Darstellungen späterer Gesetzeslehrer und Weiser (der Vers, verschweigt seinen Lesern, daß diese fast den Inhalt des ganzen Talmuds ausmachen und daß demnach von diesem in der „frühesten Zeit" blutwenig vorhanden und wirksam gewesen sein kann), die mit Verpflichtungskraft bekleidet sind, den sogenannten halachischen Teil, oder es sind individuelle Ansichten, Sprüche, Parabeln rc., die eine solche bindende Autorität nicht beanspruchen, der sogenannte agadische Teil. Wir wollen dem Vers, den Nachweis über diese „Verpflichtungskraft" gerne erlassen, daß aber nur die Agada individuelle Ansichten enthalte und solche in dem halachischen Teile nie ausgesprochen wurden, will uns nicht recht in den Sinn, nachdem fast jede halachische Partie des Talmuds uns mit Einzelmeinungen der verschiedensten Gesetzeslehrer bekannt macht, die