Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Wahrheit über Zion
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrick Lende, Ignaz Maybaum: Wahrheit über Zion meinen, daß man darum die Macht, die dem Judentum Sinn und Sein verlieh, nicht sieht: die Macht, die die Väter Engel im Kampfe besiegen ließ, die Propheten an die Kraft des Menschen appellieren hieß, die den Chassidismus an die Erlösung der Welt (und sogar Gottes!) durch den Menschen glauben machte! Mit dem Werke, das wiederum diese Macht des verantwortlichen menschlichen Tuns als im Judentum echteste Macht freilegt, geht unsere Jugend den Weg des Judentums und wird sie Kanaan zu Erez Israel gestalten. Niemand, und zum wenigsten die Verantwortlichen im Zionismus, bestreiten, daß auch der Zionismus Grenzen seines Wollens und Zielens erweitern muß. Grenzverschiebung darf aber niemals Wesensvertauschung heißen. Ignaz Maybaum erwidert: Lemle unterstreicht verschiedene Stellen seiner Ausführungen durch eine Berufung auf die Wirklichkeit. Er zeigt dabei seine Verstrickung in eine naive Erkenntnistheorie, die der Meinung ist daß die Wirklichkeit vor aller Augen übersehbar und allen Menschen gemeinsam ist. Daß die Wirklichkeit, die je und je gesehen wird, allzu oft nur das Produkt der eigenen Theorien ist übersieht gerade der, der mit kurzer Handbewegung alle Theorien abzutun meint, indem er gegen sie resolut die Wirklichkeit ins Feld führt. Aber noch weniger als ein eindeutiges Erkenntnisobjekt ist die Wirklichkeit eine oberste Instanz, vor der allein sich ihre Elemente auszuweisen haben. Bevor eine von Juden gestaltete Wirklichkeit jüdische Wirklichkeit wird, hat sie sich unter höheren Daseinsgesetzen zu bewähren. Der Herausstellung dieser Daseinsgesetze in bezug auf die Wirklichkeit Palästinas dienten die Aufsätze, die Lemle seiner Kritik unterzieht. 1. Lemle spricht über die Haltung, die der jüdische Vater am Grabe seines von den Arabern erschossenen Sohnes an den Tag legt, und sieht in ihr ein Zeichen „politischer Reife". Ein solches Urteil über den seinen Schmerz tragenden Mann, dem der Tod seines Sohnes doch nicht nur Symbol eines Kollektivgeschickes, sondern eben der Tod seines Sohnes ist, läßt uns aufmerken. Politische Haltung ist es, an den Gräbern, der Toten zu schwören, daß die Fahne weiter hochgehalten wird, für die die Toten gefallen sind. Politische Haltung ist es auch, erlittene Gewalt nicht als Rechtfertigung eigener Gewaltanwendung zuzulassen. Lemle hat recht, wenn er hier die politische Reife der Verantwortlichen im jüdischen Palästina rühmt. Aber es scheint, als ob hinter dieser politischen Reife die spezifisch jüdische Haltung zurückträte, die einfach nicht in der Lage ist, die Einmaligkeit der Menschenperson als politisches Baumaterial herzugeben. Toten- 53