Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Wahrheit über Zion
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895580-2895582-2908178--10572-2908218- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
lgnaz Maybaum: Wahrheit über Zion feier oder Totenklage — Lemle hat von Kirjat-Anawim nur das eine und nicht das andere zu berichten. Zwingt wirklich das Land seine Menschen, mehr politisch als jüdisch zu fühlen? Dann stimmt vielleicht hierin Lemles Theorie mit der Wirklichkeit überein — aber dann ist es auch um so notwendiger, der palästinensischen Wirklichkeit eine jüdische Wirklichkeit entgegen zu stellen. 2. Lemle setzt garantierten Rechten echte Rechte gegenüber und meint, echtes Recht brauche nicht „garantiert" zu sein. Versuchen wir, dem dieser eigenartigen Terminologie zugrunde liegenden Gedankengang zu folgen, so wird klar, daß Lemle unter garantiertem Recht das von der Macht garantierte Recht meint. Zwischen diesem von der Macht garantierten Recht und dem echten Recht besteht aber nur ein zeitlicher Unterschied. Echtes Recht ist in Lemles Sinne das durch die Macht verwirklichte Recht, derart, daß die Handhabung der Macht zur Anerkennung des Rechtes nach einem bestimmten Zeitablauf in den Hintergrund treten kann. Indem Lemle diesen Tatbestand zurücktreten läßt, gelingt es ihm, durch seine Termini „garantiertes Recht", „echtes Recht" dort von der Macht nicht zu reden, wo nur von der Macht die Rede ist. Aber die Rede von der Macht scheut er. ,Ist Macht gleich Schwert', sagt Lemle, ,so hat der Jude sich solcher Macht bei seinem Anspruch auf Erez Israel nicht zu bedienen'. Macht ist gleich Schwert. Das ist die Wirklichkeit für den politischen Menschen. Die Macht der Wahrheit und Gerechtigkeit ist Wirklichkeit für den Juden und den jüdische Maßstäbe anlegenden Menschen. Indem Lemle daran auch für Palästina festhält, gibt er zu, was er ursprünglich nicht zugeben will. Er erhärtet den Satz, daß „äuch in Palästina jeder Schritt nur auf Grund der Voraussetzungen getan werden darf und kann, die in irgendeinem Diaspora-Land für die Entfaltung jüdischen Lebens gelten". 3. Die richtige Auffassung der Missionsidee des zweiten Jesaja ist nicht ein Entweder-Oder zwischen „national-jüdischer Einseitigkeit" und „weltbürgerlicher" Haltung, sondern liegt jenseits jeder politischen Dialektik. Es käme darauf an, Lemles kritischer Bemerkung hier einen positiven Beitrag zum Verständnis der Missionsidee entgegenzusetzen. Aber dies ginge über den Rahmen dieser Erwiderung weit hinaus. 4. Die Hoffnungen, die ich an Palästina knüpfe, sind erstens soziale: Einwanderung, Entfaltung jüdischer Gesellschaft, zweitens kulturelle: hebräische Sprache und Wissenschaft vom Judentum. Mit diesen sozialen und kulturellen Gesichtspunkten bin ich davor bewahrt, Zion zu „vergeistigen", was Lemle mir vorwirft. Dieser Vorwurf wäre ein echter Vorwurf, wenn er gerechtfertigt wäre. Ich weiß, daß Liebe das Konkrete meint. Ich 54