Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1938)
- Article
- Wahrheit über Zion
- Date
- 1938-05-01
- Page
- 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Lemle: Wahrheit über Zion gleich noch die Generation der Eingewanderten, deren seelischgeistiges Leben verständlicherweise noch zu einem großen Teil von der Galut bestimmt wird, das Bild des Landes wesentlich prägen. Vor dieser Wirklichkeit hat jede Theorie zu schweigen. Gerade wenn man die Notwendigkeit erkennt und sogar unterstreicht, daß der weitaus größere Teil unserer jüdischen Menschen in der Diaspora wird leben und bleiben müssen, gerade dann wird man auch diesen Juden keinen guten Dienst damit erweisen, daß man das in Palästina einzigartig Mögliche wegzureden versucht. Nicht darum geht es, daß die Diaspora sich Palästina gegenüber nicht minderwertig fühlen. darf, sondern darum, daß ihr von dort her Kraft zufließen kann, zumal in einer Zeit und in einer Welt, die nur „assimilierbare" Juden aufnehmen will. Deshalb aber muß die gesamte Judenheit sich gegen Theorien wehren, die versuchen, Palästina zur Galut umzuwerten. Wir können uns eine solche Wertminderung angesichts des gesamten Wertehaushaltes unseres Volkes ganz und gar nicht leisten. Maybaum sagt, daß Palästina nicht Erez Israel werden kann, da ein Leben in Palästina ohne Macht unmöglich ist und Israel sich nicht auf Macht stützen darf. Was aber hat uns der Begriff „Macht" zu sagen? Wir haben bereits oben ausgeführt, daß die Mehrheit des Jischuw nicht gewillt ist, mit der Macht des Schwertes aus Kanaan Erez Israel zu machen. Wenn Macht gleich Schwert und Militarismus ist, dann hätte es allerdings niemals eine Hoffnung auf Erez Israel geben können. Das Judentum kennt aber in einem Ausmaße, das es von allen anderen Religionen unterscheidet, noch eine andere Macht: die Macht der menschlichen Verantwortung, die dem Anruf Gottes gegebene Antwort der menschlichen Tat und des menschlichen Werkes. Zweimal in unserer Geschichte wurde diese für das Judentum wesentliche Auffassung zurückgedrängt und von einer andern überdeckt. Im Mittelalter führten die bitteren Erlebnisse zu einer Resignation, die den Weg des Juden im Harren auf ein besseres Jenseits oder im bereiten Märtyrertum sah. Die Neuzeit wandelte das Judentum in eine Summe von Ideen, die welterlösende Tat in ein welterlösendes Wissen. Als dann nach dem Kriege eine sehr ernste Richtung innerhalb der protestantischen Theologie allen menschlichen Werken den eigenen Wert absprach, fanden einige jüdische Theologen darin das Erbe aus Mittelalter und Neuzeit bestätigt. Wir sehen, daß man in dieser Richtung zu einer falschen — so richtig sie auch sonst sein mag — Gegenüberstellung von Griechen, Römern und Juden kommen muß. Wir glauben, daß man so unter dem Titel vom „Knechte Gottes" ein durch Zeiten verursachtes eingeengtes Begreifen des Judentums lehrt. Wir 52