Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Zionismus und Zionsliebe
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 514 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895579-2908006--10447-2908059- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ignaz Maybaum rechtes entnehmen, wenn wir uns über die Unterschiede klar bleiben, die zwischen dem jüdischen Volk und einer Kirche bestehen. Gemeinsam ist beiden, daß sie nicht aus eigner Macht existieren, sondern des Rückhalts einer Macht bedürfen, die sich mit Recht als Schirmerin all dessen berufen fühlt, was in dieser Welt machtlos ist. Dazu gehört der Glaube, das Recht und der Geist. In jeder Mandatspolitik schützt eine Großmacht eine politische Gemeinschaft und läßt sie dadurch an der Macht Anteil haben. Denn eine* politische Gemeinschaft ohne Macht ist zum Tode verurteilt. Das Mandat ist die politische Vormundschaft vor dem Starkwerden zur selbständigen Macht. Diese Mandatspolitik macht uns die Araber zu Feinden. In einer Konkordatspolitik müßte ausgegangen werden von dem unverrückbaren Willen des jüdischen Volkes, niemals zu einem Weltvolk zu werden. Das bedeutet nicht, daß die Bedingungen übersehen werden dürften, unter denen die Existenz des Judentums in der Welt möglich wird. Der jüdische Politiker hat vor den Mächten der Welt die Macht des machtlosen Volkes zu vertreten. Macht des Judentums — das scheint in der Tat, von der Welt her gesehen, ein realpolitisches Paradox. Vom Judentum aus ist auch die Gerechtigkeit, in deren Namen verhandelt wird, eine Macht. Nur der ist wirklich ein jüdischer Politiker zu nennen, der unter dieser Voraussetzung Politik ^treibt. So wie die Kirche mitdem Staat ein Konkordat schließt, so schließen wir in Palästina mit England und mit der arabischen Machtgruppe ein Konkordat. Unser Recht auf Palästina ist heilig. Wir hören auf, Juden zu sein, wenn wir nicht alles tun, um dieses Recht durchzusetzen. Wo wir Juden aber nach der Macht greifen, um das Heilige durchzusetzen, da ahmen wir den Islam nach. Wenn wir in dem zionistischen Hochgefühl von 1933 auf die Kapitel Jes. 40—55 hingewiesen wurden, so geschah das mit Recht. Wir lesen hier, wie das im modernen Juden lebendig gewordene zionistische Streben nach Heimat in Palästina vom Bibelwort her als jüdisches Streben gerechtfertigt wird. Zionismus ist nicht etwa eine moderne Abart des Judentums: Zionismus ist Judentum. Nur eines darf man nicht übersehen. Jenes Wort, das ein Jude vor dem Vertreter des englischen Imperators sprach: „Unser Mandat ist die Bibel" muß in aller Tiefe verstanden werden. Deshalb müssen wir auch den Vorwurf des englischen Machthabers ernst nehmen, wir hätten aus dem Mandat eine Bibel gemacht. Das Mandat war der Charter des Machthabers, und mit diesem Mandat wurden wir die Genossen des Machthabers. So hat der Araber uns gesehen. Unsere Lieder wurden im Marschschritt gesungen. Für den Araber hatten unsere Zionslieder militärischen Charakter. Mit Recht? Wir sagen ehrlich nein, aber wir müssen auch dem Araber gerecht werden, der anderer 514