Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Zionismus und Zionsliebe
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 513 (sequence 4)
- Language
- German
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Zionismus und Zionsliebe Judentum der Verlockung widerstanden, zu sagen: wir sind in Palästina autochthon. Die Verlockung war damals sehr groß. Denn die Griechen und nach ihnen die Römer kannten als Rechtsanspruch neben der Eroberung nur die Autochthonie. Wo sie sich in den Städten des Orients niederließen, hat ihre Denkart eigenartige Folgen. Bethschean, die alte Kanaaniterstadt, von deren Mauern einst die treuen Einwohner von Jabesch-Gilead den Leichnam Sauls raubten, um den gefallenen König in Ehren zu bestatten, nannte sich in hellenistischer Zeit Nysa und erhob den Anspruch, daß Dionysos in ihr aufgewachsen sei. Damaskus heiße so, wurde erzählt, weil hier Zeus den Giganten Askos gebändigt habe. In dieser Zeit, da der Grieche im Orient solches erzählte und seine Erzählungen von ihm selbst und von dem Orientalen tatsächlich geglaubt wurden, so daß aus phönikischen, philistäischen, moabitischen und amonitischen Städten griechische Städte wurden, ist der Jude in Palästina, auch der hellenisierte Jude, diesem Druck nicht gewichen. Kein Jude hat in der hellenistischen Zeit den Gedanken der Erwählung so mißverstanden, daß er mit dem Rechtsanspruch des Schwertes oder der Erdgewachsenheit die Existenz des Juden in Palästina begründete. Von hier aus ist zu verstehen, was an dem Wort „wir sind in Palästina nicht aus Duldung, sondern kraft eignen Rechts" englisch-liberale Ideologie und was jüdische Lehre ist. Jedes Recht wird garantiert durch eine Macht. Es gibt aiso in Palästina nur drei Möglichkeiten: die Garantie unseres Rechtes durch englische Macht, durch arabische Macht oder durch jüdische Macht. Daß wir nur kraft einer Macht, die unser Recht anerkennt, in Palästina sein können, haben manche nicht bemerkt. Wir dürfen es nicht aus dem Auge verlieren. Aber wir dürfen nicht nur an England denken. Auch die Araber sind eine Macht. England trägt dieser Tatsache Rechnung. Es ist eine Verkettung von Schuld und Verhängnis, wenn auf unserer Seite dieser Tatsache keine Rechnung getragen worden ist. Nun aber ist es höchste Zeit, daß endlich der Ideologie der Star gestochen wird und wir sehend werden dafür, unter welchen Bedingungen wir in Palästina Heimat haben können. Palästina ist nicht Israelland. Nie in der zweieinhalb Jahrtausend alten jüdischen Geschichte war Palästina Israelland, weder in der Zeit Davids noch in der des Herodes. Immer war Palästina Kanaan. „Das' sind die Völker, die der Ewige im Lande ließ, um durch sie Israel zu versuchen" (Richter 3,1). Es bleibt uns auch in Palästina nichts anderes übrig, als den Weg zu gehen, den wir in den Gastländern gehen. Auch in Palästina können wir nur bestehen durch ein Konkordat mit einer nichtjüdischen Macht. Das Wort Konkordat stammt aus dem Kirchenrecht. Wir können dieses Wort der Sprache des Kirchen- 513