Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-03-01 · Heft 12 (März 1937) · p. 535

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 12 (März 1937)
Article
Ost und West
Date
1937-03-01
Page
535 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895552-2895565-2906972--09578-2907013
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Os/ und West mählich wird, auf, um schließlich mit Rabbiner Baeck an die Spitze der Judenheit des Reichs zu treten. Posensche Juden, Fuchs, Horwitz, Brodnitz, waren die führenden Männer des Centrai-Vereins. Anders liegen die Dinge im Süden und Westen, dem Sitz des petrefakten, verstreut in Dörfern und kleinen Städten siedelnden, dafür aber volksnäheren Restjudentums des Mittelalters auf deutschem Boden. Es wird nicht von Preußen, sondern von Frankreich her emanzipiert, von Napoleon und vom Sanhedrin. Die republique une et indivisible verlangt auch ihre jüdischen Bürger ganz. Die von Osten hereindringende Romantik wehrt ab. Börne und Heine sind die Repräsentanten des rheinischen Napoleon-Judentums. Die Sache der Juden ist für sie weniger die Sache der Vernunft als die Sache der Freiheit. Die „Reform" bleibt dem süddeutschen Judentum so fremd, wie ihm der spitze Spät-Talmudismus fremd geblieben war. Die Frankfurter Rothschilds, großzügige aber ungebildete jüdisch-konservativ gestimmte Geldleute, sind der Prototyp. Waren Berlin und Hamburg der Sitz der Reform und der Ausgangspunkt für den religiösen Liberalismus, so wird bezeichnenderweise Frankfurt am Main zum Sitz der neueren Samson Raphael Hirsch'schen Orthodoxie. Hatte die Reform das Wesen des Judentums protestantisch verflüchtigt (Friedländer, Holdheim), so versuchte die Orthodoxie es religiös zu mumifizieren, um der politischen Preisgabe eine Kompensation zu bieten. Ein neuer Ton kommt von der Donau. Trotz Assimilation und Liberalismus konnte dort das Bewußtsein eines eigenen jüdischen Volkstums nicht völlig verloren gehen. Die jüdischen Massensiedlungsgebiete in Galizien und Ungarn waren ein unerschöpfliches Reservoir und ließen die Wiener Mischung nie gänzlich ausgären. Das böhmisch-mährische Ghetto bot Kompert und J. J. David das Bild einer mystisch vertrauten Vergangenheit. Der jüdische Achtundvierziger Fischhof war der Vorkämpfer eines demokratischen Nationalitätenstaats im Rahmen der habsburgischen Monarchie. Der Floridsdorfer Rabbiner und galizische Reichsratsabgeordnete J. S. Bloch forderte die Juden auf, ihre Position außerhalb des Nationalitätenstreits zu beziehen und nichts als Juden zu sein. Was lag in einem Gebiet, in dem alle Probleme sich zu Nationalitätenkonflikten verdichteten, näher als diese Haltung? Zur gleichen Zeit gründete Bloch die dem Zionismus fernstehende Österreichisch-Israelitische Union, und Nathan Birnbaum mit seinen Freunden den ersten jüdisch-nationalen Studentenverein, die „Kadimah". Historisch gesehen ist der Unterschied zwischen beiden minimal, und Theodor Herzl hat in den ersten Jahren seines öffentlichen Auftretens von beiden Seiten her Unterstützung erfahren. Der „westeuropäische" poli- 535

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.