Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Ost und West
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 534 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Werner Cahnmann Schöpfungen wie dem Sefer Chassidim des Jehuda-ha-chassid aus Regensburg stammen die Schnej luchot habrith des Jeschaia Horvitz und die Lehre des Israel Baal-schem-tow. Das jüdische Leben auf dem Boden des Reichs liegt darnieder, geschlagen, zertreten, mehr vegetierend als wirklich atmend und wachsend. Das geistige Leben erschöpft sich im starren Ritualismus wie in den Minhag- Büchern des Jakob von Bacharach, des Juspa Schammes von Worms u. a. m. Es ist selbst erstaunlich, daß Jossei von Rosheim, typologisch wahrscheinlich ein letzter Nachfahr des französischen Judentums, in dieser Zeit die Kraft aufbringt, wenigstens Wohnrecht und Existenz für seine Glaubensgenossen durchzufristen. Genau drei Jahrhunderte nach dem Ende der frühmittelalterlichen Epoche, nämlich 1648, beginnt die deutsch-polnische Epoche in der Geschichte der Juden in Deutschland. Die Chmelnitzky- Pogrome veranlassen viele polnische Juden, die Wanderung nach dem Westen anzutreten, die seither andauert. Sie machen die rabbinische Gelehrsamkeit des Ostens in Deutschland heimisch, stellen seit dem 17. Jahrhundert die Mehrzahl der rabbinischen Führer auf deutschem Sprachgebiet (Rabbi Hirsch Kaidanower, Rabbi Jonathan Eybenschütz u. a. m.). Von da an bis in unsere Tage haben sich Rabbinat und Judaistik aus dem Reservoir des Ostens ergänzt. In dem Übergreifen des letzten Ausläufers des Sabbatianismus, der Frankistenbewegung, von Polen auf Deutschland, geht jene Vorepoche der Emanzipation zu Ende. Seit Mendelssohn fällt das aschkenasische Judentum in einen hochdeutschen und in einen jiddisch-deutschen Zweig auseinander, aber die wechselseitigen geistigen Einwirkungen werden immer intensiver. Die Emanzipation beginnt in Berlin, das dem Osten offensteht, ihr großer Name ist Moses Mendelssohn, der mütterlicherseits mit Rabbi Moses Isseries in Krakau verwandt ist, dem letzten großen Kommentator des Schulchan Aruch. Die protestantische Vormacht des neuen Deutschland, Preußen, wird auch die des neueren deutschsprachigen Judentums, das vom Zeichen der Aufklärung, des fritzischen Rationalismus, der Lessingschen Toleranz, des Kantischen Kritizismus geprägt ist. Das quantitative wie das qualitative Gewicht dieser ostdeutschen Judenheit verstärkt sich in entscheidender Weise durch die polnischen Teilungen, deren Ergebnis im vorliegenden Zusammenhang die Einbeziehung der posenschen und westpreußischen Judenheiten in den preußischen Staatsverband ist. Das posensche Judentum ist sozial geschlossenes östliches Judentum mit talmudischer Lerntradition (Bernstein, Lazarus); es optiert im Sprachenkampf, in dem nur die Wahl zwischen deutsch und polnisch bleibt, für seinen erstrebten Anteil an der deutschen Kultur; es geht dann im Berliner Judentum, zu dessen Kernbestandteil es ali- 534