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Der Morgen · 1937-03-01 · Heft 12 (März 1937) · p. 536

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 12 (März 1937)
Article
Ost und West
Date
1937-03-01
Page
536 (sequence 4)
Language
German
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Werner Caknmann: Ost und West tische Zionismus enthüllt sich so als eine donauländische Nationalitätenbewegung; seit Herzl sind viele geistige Anreger auch des reichsdeutschen Zionismus aus dem österreichisch-böhmischgalizisch-ungarischen Raum gekommen: Brod, Weltsch, Beer- Hofmann und in erster Linie der Mann, der Ost und West in seinem Werk zu vereinen sucht und von dem mächtige Anregungen für die deutschsprachige Judenheit ausgegangen sind, Martin Buber. Die genannten drei Gruppen haben in wechselnden Beziehungen zueinander gestanden. Historisch gesehen gehören die nordöstliche und die südöstliche Gruppe, als massierte jüdische Gruppenbildungen mit vergleichsweise intensiv und extensiv regem jüdischem Eigenleben, gegenüber der isolierten südlichen und westlichen Gruppe zusammen. Die erstgenannten beiden zusammengehörigen Gruppen sind die westlichen Grenzposten des Ostjudentums, die von slavischem und magyarischem Volks- und Kulturboden auf deutschen hinüberragen. Dabei besteht freilich ein grundlegender Unterschied zwischen Berlin und Wien: die Blickrichtung Berlins geht nach Westen, die Wiens nach Osten. Der süddeutsche Kreis ist demgegenüber als der seit Jahrhunderten auf dem alten deutschen Reichsgebiet seßhafte der geschichtlich ältere, von dem die beiden andern ausgegangen sind; aber er war bei geringerer Quantität und weiterer Streuung der Siedlung schon zu Beginn der Emanzipationsepoche jüdisch erstarrt und entleert. Was er dafür gewonnen hat, entzieht sich der Erörterung im vorliegenden Zusammenhang. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts hat die staatliche Loslösung der habsburgischen Monarchie von Preußen und den süddeutschen Ländern und das Zusammenwachsen dieser beiden letztgenannten Bestandteile die südöstliche Gruppe auf ein Eigenleben verwiesen, aus dem heraus sie allerdings von Prag und von Wien her einen intensiven geistigen Einfluß auf die innerhalb der Reichsgrenzen verbliebene Judenheit gewonnen hat, während andererseits der Süden und Westen erstmalig mit Berlin und dem preußischen Osten in ein allmählich enger werdendes connubium (neben dem schon länger bestehenden commercium) getreten ist. Ein mittleres Judentum, gleich weit von Reform wie von Orthodoxie entfernt, suchte sich herauszubilden. Es schien sich eine neue Gruppe der Judenheit in Mitteleuropa mit einheitlichen Charakterzügen, in die reichsdeutschen Grenzen gebannt, zu formen, während die Sudetenländer, Wien, bis zu einem gewissen Grad auch die Schweiz und das Elsaß, sich zentrifugal entwickelten. Diese Entwicklung ist seit 1933 abgebrochen. Es ist die Frage, ob die Juden des deutschen Reichsgebiets Eigenart und Eigenwillen genug besitzen, um sie in die Länder einer neuen Zerstreuung hinaustragen zu können. 536

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