Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Vernachlässigung aus Armut?
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 512 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Lemle nen wurde. Wesentlich verändert hat sich schließlich die allgemeine religiöse Atmosphäre, seit draußen und drinnen eine Absage an die Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts erging, die von der Autonomie des menschlichen Bewußtseins ausging, wie es in der Existenzialphilosophie, in der dialektischen Theologie, durch Franz Rosenzweig geschah. Diese neuen, positiven Momente nunmehr einzubauen, angesichts ihrer Bedeutung weiterzubauen, ist Aufgabe des religiösen Liberalismus von heute. Gerade vor der Wandlung der negativen Umstände in positive hat der religiöse Liberalismus seine Existenzberechtigung zu erweisen. Der Glaube an die Möglichkeit einer solchen Beweisführung ist allerdings nicht sehr weit verbreitet. Wenn wir dies sagen, denken wir nicht einmal in erster Linie an orthodoxe Kreise, die in dem gegenwärtigen Stillewerden um den Liberalismus eine Bestätigung dafür sehen, daß bei ihm immer nur äußerliche und nicht innere Motive wirksam waren. Wir denken auch nicht an jene Kreise, die glauben, der religiöse Liberalismus müsse mit der Generation der „Assimilierten" ins Grab sinken. Wir denken vielmehr daran, daß man im Kreise derer, die sich selbst zum religiösen Liberalismus bekennen, nicht mehr mit Ernst an die Dinge herangeht. Die Ansicht, daß es wichtigere Dinge gebe, zeugt von sträflicher Kurzsichtigkeit und Verständnislosigkeit angesichts der zahllosen Versuche religiöser Neuorientierung in nichtjüdischen Kreisen. Daß es aber unpopulär sei, ist nicht nur keine Entschuldigung, sondern gewiß unrichtig gegenüber dem Suchen und Fragen jüdischer Menschen, vor allem der jüdischen Jugend. Überließe man also im Augenblick die Dinge sich selbst, so würde man auf diese Weise noch nachträglich alle ernsten und wertvollen Gedanken des religiösen Liberalismus diskreditieren. Man würde sie dem Makel überlassen, nur Erscheinung ihrer Zeit gewesen zu sein. Man würde außerdem den Zugang zur Zukunft verbauen, der wahrscheinlich nirgends und nie so gesichert werden kann wie hier und jetzt, wie gerade in diesem Judentum Mitteleuropas. So wie das östliche Judentum, das vor der wirklich verarbeiteten Aufklärung zum größten Teile stehen blieb, immer diesseits, so wird das westliche Judentum, mindestens so lange es vor der Erschütterung steht, immer jenseits dieses Weges in die Zukunft stehen. In diesem Sinne darf dem „wenn nicht jetzt, wann dann" ein „wenn nicht hier, wo denn" hinzugefügt werden. Gerade weil wir hoffen, daß auch dem religiösen Liberalismus in Palästina einmal neue Blüte und neue Früchte beschieden sein werden, wird es erst recht unsere Aufgabe, den Liberalismus aus seiner Erscheinung zur Zeit der Aufklärung und Assimilation herauszunehmen und fortzubilden, damit die Verbindung zu dem, was in Palästina entstehen soll, 512