Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Vernachlässigung aus Armut?
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 511 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Vernachlässigung aus Armut? nisse erdulden müssen. Die aus dem Ghetto strömenden Menschen sahen im religiösen Liberalismus nur eine Form der Religion, die auch dem Religiösen das Ghettohafte nehmen wollte. Dem Juden, der Eingang in Wirtschaft und Gesellschaft der Umwelt zu finden suchte, erschien — wenn er überhaupt noch darnach fragte — der religiöse Liberalismus als der Beseitiger religionsgesetzlicher Schranken. Dem aufgeklärten Weltbürger vermittelte er ein Judentum, das aufgrund seines Durchgangs durch die historische und weltbürgerliche Aufklärung den Zeitgedanken niveaugleich geworden war. Einer Zeit, die sich immer mehr an die Sicherheit bürgerlicher Selbstzufriedenheit gewöhnte, erlaubte der religiöse Liberalismus, sich auch im Religiösen sicher zu fühlen; man durfte stolz darauf sein, daß man auch hierin der Zeit nichts schuldig geblieben war. Und selbst denen, die das Judentum verließen, mußte — ganz gegen seinen Willen — der religiöse Liberalismus noch als eine Art Rechtfertigung dienen. Sie sahen in ihrem Schritt etwas nur quantitativ, nicht grundsätzlich anderes, vielleicht nur einen quantitativen Unterschied des Mutes. So war der religiöse Liberalismus in eine gefährliche Nähe zu den negativen Erscheinungen im Judentum des neunzehnten Jahrhunderts gerückt. Diese Nähe war um so gefährlicher, da der gegen sich selbst zu wenig kritischen Bewegung nur die eine Seite — rapides Wachstum, Sieg über die Orthodoxie, Eroberung der Synagogen und Gemeindestuben — sichtbar wurde. Die Verbreitung täuschte über den Schwund an Vertiefung und Verwirklichung hinweg. Die unglückliche Verbindung von innerer Teilberechtigung und äußerlicher Begünstigung im Wachstum des religiösen Liberalismus mußte zerhauen werden, als der religiöse Liberalismus zu einer Zeit, die ihn äußerlich nicht mehr förderte, zur Bewährung aufgerufen wurde. Diese Zeit ist unsere. Alle jene vor hundert Jahren wirksamen äußeren Momente haben sich ins Gegenteil verkehrt. Aus negativen Umständen wurden positive, wobei negativ und positiv nicht eine Bewertung meint, sondern die Stellungnahme des Juden zum Judesein. Die menschliche Basis des Judeseins ist eine andere geworden, seit Juden wieder ins Judesein zurückgekehrt sind. Sie wird an positiver Bedeutung gewinnen, je mehr die Juden aus der Betäubung des so plötzlich notwendig gewordenen Rückmarschs aufwachen und frei werden für Überlegungen über den richtigen Weg. Das geschichtliche Bewußtsein hat ganz allgemein eine Stärkung erfahren und sich zu einer in Kultur und Politik bestimmenden Größe entwickelt. Besonders die jüdischen Menschen haben eine neue Haltung dem Geschichtlichen gegenüber bezogen, seitdem ihre eigene Gegenwart Fortfuhrung des längst Vergange- 511