Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Vernachlässigung aus Armut?
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 513 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Vernachlässigung aus Armut? nicht abreißt. Dieser Verantwortung gegenüber möchten wir von dem, was bisher geleistet wurde, lieber als von einer Vernachlässigung aus Versäumnis denn als von einer Vernachlässigung aus Armut sprechen. Die Aufgabe, die uns gestellt ist, kann in ihren wichtigsten Abschnitten und in der Richtung erkannt werden. Es ist natürlich nicht so, daß gar keine Anzeichen für eine Bewegung in der notwendigen Richtung zu sehen wären. So gibt es Anregungen in Wort und Schrift, den Volksbegriff in die Ideologie des religiösen Liberalismus einzubauen. All diese Anregungen bleiben aber im Bereich gelegentlicher Feststellungen und stoßen nicht zum Grundsätzlichen vor. Sicher das wichtigste Bemühen im gegenwärtigen Stadium des Liberalismus stellen Dienemanns Darlegungen und Forderungen zur Frage der Autorität dar. Auch sie aber mußten im Organisatorischen stecken bleiben, da sie uns nicht die Zeit ließen, vom Organischen her neu aufzubrechen. Schließlich wird der „zünftige" Liberalismus erkennen müssen, wie viele von den Gedanken Bubers für ihn einfach unentbehrlich sind. Mit all dem aber werden wir nirgend anders anfangen können als bei Geiger, und von ihm aus werden wir alle Fragen des religiösen Liberalismus vom Grund auf neu durchdenken müssen. Dieses neue Programm umfaßt drei Hauptgebiete: 1. Der Ort des jüdischen Menschen in der Welt. Wir haben gegenüber der Zeit vor hundert Jahren ein vollständig anderes Bild vom Menschen und in Verbindung damit vom Religiösen. Indem wir hiervon in aller uns möglichen Weite des Ansatzes ausgehen, werden wir zunächst das Grundlegende unseres gesamten Wollens, das kreatürliche Sein des Menschen und das Wesen der Offenbarung, neu erfassen müssen. Wir werden damit weiterhin einen neuen Ausgangspunkt für das Weiterdenken in der Linie der beiden Geltungsrichtungen des religiösen Liberalismus gewinnen. 2. Der Ort des jüdischen Menschen in der Zeit. Hier sollte es uns jetzt möglich sein, die von den ersten Denkern des religiösen Liberalismus erstrebte, ihnen aber nicht erreichbare geschichtliche Haltung zu wahren. Indem wir die geschichtliche Aufklärung, der wir nicht entlaufen dürfen, verbinden mit dem Geschichtserfülltsein unserer Tage, dem wir uns nicht entziehen, und indem wir das Wissen um die innere Wahrheit verbinden mit dem Wissen um den inneren Zwang der Geschlechterfolge, kann diese Haltung entstehen. Erst dann wird es möglich sein, zwei Hauptfragen wieder zu entscheiden. Die eine: das Erkennen des in der Vergangenheit Wirkenden kann zur Festlegung der Autorität für die Zukunft verhelfen; die 513