Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Vernachlässigung aus Armut?
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 510 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Lemle von ihrem Wert genommen, damit werden sie vor allem der Fähigkeit beraubt, jener Zeitstimmung entgegenzutreten, die so ganz in dem Glück der Gegenwart aufgehen zu können glaubte. Der Sturz in die Freiheit, der Rausch der bürgerlichen Gleichstellung, das Bewußtsein erfüllter Hoffnungen waren viel mächtiger als der Wahrheitsgehalt jener beiden Antworten, und sie besiegten ihn immer mehr. Die Vergangenheit wurde durch die Brille der Gegenwartswünsche gesehen und alles Störende herausretuschiert. Die Eschatologie wurde, jeder Spannung beraubt, dem erreichten Zustand gleichgesetzt. Dauerhafte Tragpfeiler wurden mit unbeständiger Füllung gebaut. Die Säkularisierung des Weltbildes begleitete eine Verweltlichung des privaten Lebensgefühls. Das Religiöse mußte anderen bestimmenden Größen im Leben des Einzelnen weichen, die „Welt der Religion" und die „Welt des Alltags" wurden sich immer fremder. Und auch hier mußte das Judentum viel entscheidender als die Umwelt getroffen werden. War das Leben des einzelnen Juden nicht vom Religiösen bestimmt, dann lebte er — mindestens in seinem Bewußtsein — überhaupt nicht mehr jüdisch. Dieser Not sich zu stellen, war ein schwieriges und entsagungsreiches Unterfangen, denn es hieß von vornherein den Stempel äußerer Minderung auf sich nehmen, hinter der die wenigsten das Mühen um Rettung und Mehrung sehen würden. Die Haltung, die der Liberalismus hier anbahnte, versuchte an die Stelle der Forderung des „Alles oder Nichts" den Appell an die eigene Verantwortung treten zu lassen. An die Stelle der zerstörten Autorität, des zerstörten Gesetzes sollte die Erweckung zur Besinnung auf den rechten Weg treten. Wenn Franz Rosenzweig davon sprach, daß Halacha heute nicht mehr geboten, sondern geschildert werden müsse, um so nahegebracht zu werden, so hat er mit anderen Worten dasselbe gesagt. Mit dieser Antwort hat der religiöse Liberalismus nicht der Auflösung in die zahllosen „Schulchan-Aruche" der Einzelnen, hinter denen nur die Bequemlichkeit steht, das Wort reden wollen. Er wollte nur verhüten, daß das alltägliche Ich überhaupt draußen bleibe und der Konfrontation mit dem jüdischen Weg entgehe. Wenn wir für die Gegenwart zu wissen und für die Zukunft zu ahnen vermeinen, daß die Menschheit ihr Leben im allgemeinen von außerreligiösen Autoritäten bestimmen läßt, so ergibt sich hieraus von neuem eine religiös-„liberale" Position in dem Sinne, daß der religiöse Liberalismus sich nicht in den Schmollwinkel zurückziehen darf, sondern in diese Welt hineinzuwirken hat. Freilich hat das Überzeitliche dieser Position vielfache Veränderungen und Entstellungen durch zeitgebundene Mißverständ- 510