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Der Morgen · 1937-02-01 · Heft 11 (Februar 1937) · p. 509

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 11 (Februar 1937)
Article
Vernachlässigung aus Armut?
Date
1937-02-01
Page
509 (sequence 4)
Language
German
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Vernachlässigung aas Armut? durch die Überlieferung die Beglaubigung durch die Vernunft gesetzt worden ist. Die zweite Antwort ist bekannt geworden unter ihrem Motto: historische Reform. Aus der Einsicht in den ewigen Fluß der Geschichte erwächst der Begriff der Entwicklung und wird einem starren Widerstand gegenüber, der sich auf die ewige Unveränderlichkeit des Judentums beruft, durchgesetzt. Die Heraushebung dieses Begriffes der Entwicklung will besagen, daß Gott sich in der Geschichte Israels nicht nur einmal offenbart hat, daß also ein Wandel in Gestalt und Erscheinung des Judentums — bei stets gleichbleibendem Wesen — nicht nur berechtigt, sondern entsprechend ist. Andererseits muß ein Damm errichtet werden gegen die Vernunft-Schwärmerei, die alles Gewesene über Bord werfen zu dürfen glaubt, um allein dem herrlichen Zeitalter einer in Erkenntnis geeinten Menschheit zuzustreben. Das „Historische" soll demgegenüber das Unablösbare zwischen Gewordensein und Sein unterstreichen. So treffen hier zwei Bestrebungen zusammen: die historische Reform will das Judentum zugleich vor Erstarrung der Idee und vor sich selbst verlierendem Verzicht bewahren. Mit diesen beiden Antworten suchte der religiöse Liberalismus der Schwächung, die die historische Aufklärung für das Judentum bedeuten mußte, zu begegnen. Diese Schwächung gespürt und zum Gegenstand der Auseinandersetzung gemacht zu haben, bleibt dauerndes Verdienst und dauernde Bedeutung des religiösen Liberalismus. Die historische Aufklärung und ihre Ergebnisse sind aus dem Wissen des modernen Menschen nicht zu streichen. Dabei geht es dann weniger um die wissenschaftlichen Erkenntnisse als um deren seelische Auswirkung. Die beiden Antworten, die der religiöse Liberalismus gegeben hat, werden zumindest ihrer Richtung nach auf die überhaupt mögliche Antwort hindeuten. Die Zeit jedoch, in der die Antworten gegeben wurden, war nicht dazu angetan, sie inhaltlich zu bleibenden Gedanken werden zu lassen. Die Autorität der Vernunft wird für sich allein niemals den Bestand des Judentums sichern können, da die nur allgemein menschliche Vernunft keine Antwort auf die Frage nach dem Recht einer jüdischen Sonderexistenz zu geben vermag. Darum hat ein Denker wie Maimonides ungeachtet all seines Rationalismus den geschichtlichen Beweis für die Darlegung der jüdischen Seinsgarantie gebraucht. Nur in Verbindung mit einem echten Sinn für Geschichte kann Vernunft Autorität werden. Wenn nun aber die zweite Antwort Anerkennung geschichtlichen Werdens versprach, so war dies doch zu einer Zeit versprochen, die in Wahrheit keinen Sinn für Geschichte besaß und dies auch immer wieder selbst betonte. Damit wird beiden Antworten viel 509

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