Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1937)
- Article
- Vernachlässigung aus Armut?
- Date
- 1937-02-01
- Page
- 508 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Lemle Welterleben. Jedes Ernstnehmen einer lebendigen Wirklichkeit ist aber von sich aus bereits jüdisch legitimiert. Franz Rosenzweig stellt im „Stern der Erlösung" fest, daß unter allen Erscheinungen der Aufklärung die historische Komponente für das Judentum von der stärksten Bedeutung geworden ist. Das Weltbild der gesamten denkenden Menschheit war zerschlagen worden und mußte neu geformt werden, nachdem ein kritisches Bewußtsein das Verhältnis zu den tragenden Dokumenten geschichtlicher Überlieferung und damit die Wurzel in der Geschichte selbst gelockert hatte. Die nichtjüdische Welt konnte es ertragen, daß an die Stelle der unmittelbar wirksamen göttlichen Autorität der Geschichte die der Vernunft und dann die des Blutes traten. Sie hatte alle äußeren Sicherheiten und Kräfte des Zusammenhaltens, die eine neue Erklärung des Seins nicht zur Gefährdung dieses Seins überhaupt werden ließen. Anders im Judentum. Die Zerstörung des Glaubens an die geschichtliche Überlieferung bedeutete hier ganz eigentlich eine Zerstörung der Lebensmöglichkeit. Alles Wissen um das eigene Sein war doch im Judentum getragen und ertragbar gewesen nur durch das von der Überlieferung garantierte Wissen um das Auserwähltsein. Allen Erfahrungen zum Trotze war jeder Gedanke an die eigene Zukunft gegründet auf eine Eschatologie, die in alten Prophezeiungen ausgesprochen, in jeder Generation erweitert und vertieft den Herzen eingegraben worden war. Jedes Tun in der Gegenwart, alles Existieren in einer Umwelt, die jederzeit das Judentum zur Auflösung bringen konnte, waren bestimmt durch die Tradition der Heiligung des Lebens und des Tuns. Wurde also die Wahrheit der geschichtlichen Überlieferung des Judentums in Frage gestellt, so mußte für den Juden seine Berufung auf die Vergangenheit, seine Hoffnung in die Zukunft, seine Sicherheit in der Gegenwart unsicher werden. Dieser offenen Frage gegenüber meldeten sich die Denker zum Wort, die mit ihrer Antwort die Begründer des jüdischen religiösen Liberalismus wurden. Sie gaben eine doppelte Antwort. Von Saadja an durch das ganze mittelalterliche Denken hindurch war als Wahrheitsbeweis für das Judentum der historische Beweis angetreten worden: der Glaube an die Offenbarung am Sinai, der seine Bestätigung durch die Zeugenschaft der Sechshunderttausend erfuhr. Von Mendelssohn ab — er selbst steht hier wie in so vielem noch in der Mitte — wird aber immer mehr der inhaltliche Beweis vorgezogen: die innere Wahrheit, die unabhängig von aller Überlieferung durch das eigene Denken als solche erkannt werden kann, spricht jetzt für den göttlichen Ursprung der jüdischen Lehre. Die erste Antwort des religiösen Liberalismus bedeutet somit, daß an die Stelle der Rechtfertigung 508