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Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 304

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Nichtpolitisches Judentum - unpolitisches Judentum - politisiertes Judentum
Date
1936-10-01
Page
304 (sequence 4)
Language
German
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Ignaz Maybaum wußte, daß nach der Preisgabe der jüdisch-christlichen Position nur der Buddhismus übrig bleibt. Der jüdische Ideologe sieht nicht, daß er, wo er an den Messianismus nicht mehr gebunden sein will, die gleiche Bahn steuert. Worauf warte ich noch, wenn ich nicht mehr hoffen soll? Auf nichts! Worauf ziele ich noch, wenn ich nicht vom Ziele reden darf? Nirwana, sagt der Buddhist. Der Priester ist eine nichtpolitische Figur, er ist aber nicht unpolitisch. Es zeigt sich in der Geschichte des modernen Judentums, daß es gerade in dem Maße, in dem es unpolitisch war, das heißt in dem Maße, in dem es das Wesen der Politik nicht begriff, einer Politisierung verfiel. Nicht daß die Struktur seiner Gemeinschaft sich so gewandelt hätte, daß es der politischen Schlagkraft fähig geworden wäre. Die jüdische Gemeinschaft bleibt auch im politisierten Judentum das jüdische Volk, das ohnmächtige, der Macht ausgesetzte, aber nicht über Macht verfügende jüdische Volk. Im politisierten Judentum ändert sich nicht die Situation der jüdischen Existenz. Was sich ändert, ist die Ideenwelt. Ohne daß es zum Bewußtsein kommt, werden Begriffe wie Volk, Gemeinschaft, Ehre, Begriffe, die in der Welt des religiösen Judentums ihren Platz haben, mit anderem Gehalt erfüllt. Anstelle der jüdischen Lehre — die nicht nur eine Bekenntnisgemeinschaft, sondern eine Totalsolidarität konstituiert — tritt ein jüdisches politisches Selbstbewußtsein. Ein Judenstolz, der sich auf ein politisches Selbstbewußtsein gründet, ist schon im Keime der tragischen Situation ausgeliefert. Das politisierte Judentum hat seine Herkunft aus dem liberalen Zeitalter, das ja vom geschichtlichen Leben nur die gesellschaftlichen und nicht die politischen Grundlagen begriff. Je weniger der Jude dieses Zeitalters das Wesen der Politik erfaßte, also je unpolitischer er war, um so leichter verfiel er der Politisierung. Die Propheten, die ein hohes politisches Verständnis besaßen, zeigten dem jüdischen Volk den Weg, als nichtpolitisches Volkstum in der Weltgeschichte einen Platz zu behalten. Mit einigen Stellen aus dem Buche Jesaja sei dieser nichtpolitische und doch den Raum der Geschichte nicht verlassende, dieser priesterliche und doch nicht kirchliche Gemeinschaftswille gekennzeichnet: Und was antwortet man dem Boten der Weltvölker? Daß der Ewige Zion gegründet... (14, 32) Die Gegner des Propheten werden so gekennzeichnet: ... Sie verlassen sich auf Wagen, weil deren viel sind, auf Reiter, weil sie sehr stark sind; nicht aber schauen sie auf den Heiligen Israels und nach dem Ewigen fragen sie nicht . . . (331, 1) 304

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