Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Nichtpolitisches Judentum - unpolitisches Judentum - politisiertes Judentum
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 303 (sequence 3)
- Language
- German
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Niehl politisches Judentum—unpolitisches Judentum—politisiertes Judentum verhandeln von Macht zu Macht Der Sprecher des Judentums verhandelt von der Ohnmacht aus, die das jüdische Volk kennzeichnet, mit den Mächten, denen dieses machtlose Volk gegenüber steht. Wer es anders sieht, lebt in einer Illusion. Diese Situation nüchtern und mutig zu sehen und doch nicht zu verzweifeln, ja hoffnungsvoll zu sein, heißt — seine Sache auf Gott stellen. Von Gott als einer Realität der Geschichte zu sprechen, charakterisiert den Juden. Das Judentum ist messianisch. Seine Hoffnung betrifft nicht bloß den privaten Menschen, das Seelenheil, sondern auch den Gang der Welt. Diese Hoffnung ist dann das Motiv für geschichtliche Aktivität. Aber hier liegt zwischen jüdischem und christlichem Messianismus ein sehr zu beachtender Unterschied vor. Europa als christliches Abendland offenbart in allen seinen politischen Bewegungen eine Verbindung mit der Missionsidee. Der Politiker ist hier durch ein Sendungsbewußtsein charakterisiert. Von den Kreuzzügen bis zu den liberalen, nationalen und sozialen Bewegungen fühlt sich der europäische Politiker in einem über den weltlichen Raum der Politik hinausweisenden, in den Raum der göttlichen Gebote hineinragenden Auftrag. Der Jude erkennt in diesem christlichen Messianismus die Verwandtschaft mit seiner eigenen Glaubenswelt, und wo hier — wie etwa im vergangenen Jahrhundert — dem Juden gestattet war, mit seiner eigenen Aktivität Anteil zu haben, war seine Hingabe mit einem Glücksgefühl verbunden, das nicht in menschlich-allzumenschlichen Gründen zu suchen ist. Seinem religiösen Charakter war in diesem Wirken Entfaltung gegeben. Der christliche Messianismus ist aber in den politischen Raum hineingestellt, in dem nicht nur bekehrt und überzeugt, sondern befohlen und gehorcht wird, nicht nur die Idee sich entfaltet, sondern mit der Idee die Macht in Repräsentation tritt. Das unterscheidet den christlichen Messianismus vom jüdischen. Wo daher die jüdische Gemeinschaft ihren eigenen Weg gehen kann, also in der Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten, muß ihr Messianismus ganz auf die nichtpolitische Aktivität gestellt bleiben. Die nichtpolitische Aktivität hat ihren Zugang zur Geschichte. Eine Preisgabe des Messianismus liegt in ihr nicht vor. Mit der Preisgabe des Messianismus hört das Judentum auf, Judentum zu sein und hört das Christentum auf, Christentum zu sein. Zum jüdisch-christlichen Messianismus, der an einem Geschichtssinn festhält, und dementsprechend die Aktivität aufruft — das jesajanische Friedensbild zeigt die Meisterung der geschichtlichen Gegensätze, nicht ihre Aufhebung — ist der Buddhismus der Gegenpol. Das buddhistisch-asiatische Nirwana, das russischanarchische Nitschewo ist die letzte Konsequenz einer nichtmessianischen Geschichtsauffassung. Ein Mann wie Schopenhauer 303