Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Nichtpolitisches Judentum - unpolitisches Judentum - politisiertes Judentum
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 305 (sequence 5)
- Language
- German
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Nichtpolitisches Judentum—unpolitisches Judentum—politisiertes Judentum Zion ist für den Propheten als weltliche Stadt wie jede andere ein Glaubenszentrum: Darum hat mein Herr, der Ewige, gesprochen: Siehe, ich gründe einen Stein in Zion, einen Stein, bewährt, einen Eckblock, wert, wohlgegründet, Wer glaubt, hastet nicht; Ich mache Recht zur Meßschnur und Gerechtigkeit zur Waage. (28, 16, 17) Die Propheten erneuerten die Lehre Moses, und die Lehre der Pharisäer ist die Lehre Moses und der Propheten. Die Werttafel dieser Lehre ist nicht die Werttafel eines politischen Volkes, sondern die einer priesterlichen Gemeinschaft. Indem aber die politischen Völker als christliche Völker diese Werttafel annahmen, ist sie in die politische Ethik der christlichen Völker eingegangen, nachdem schon vorher das geistige Heidentum der griechisch-römischen Ethik in der Billigkeit eine Grenzgemeinsamkeit zur Gerechtigkeit, in der Tüchtigkeit (virtus) eine solche zur Bewährung, in der Pflicht eine solche zur Treue, im Edlen eine solche zum Guten, im Heroischen eine solche zum Heiligen aufwies. Ein Judentum, das in irgend einem Punkte seiner persönlichen oder sozialen Existenz den Zusammenhang mit der Lehre der Propheten und Pharisäer abbricht, verliert den Zusammenhang mit dem Judentum. Die jüdische Aktivität hat ihren Zugang zur Welt, zur Geschichte. Das nichtpolitische Judentum ist messianisch. Ein aus der Geschichte sich zurückziehender Glaubensspiritualismus — von einem Relativismus, der jeden Geschichtssinn leugnet, ganz zu schweigen — ist nicht jüdisch. Es bleibt immer Gott und der Nächste — der jüdische und der nichtjüdische —, wodurch die jüdische Tat bestimmt wird. Die jüdische Tat ist Liebestat. Die Überlegung, ob die jüdische Tat — die Mizwa — eher Gehorsamstat als Liebestat ist, ist von untergeordneter Bedeutung gegenüber der Tatsache, daß sie vom politischen Tun verschieden ist. Wo anstelle Gottes die Idee — irgend eine politische Idee, die soziale oder die nationale etwa —, anstelle des Nächsten der politische Zweck tritt, herrscht die edle Welt der idealistischen Ethik. Aber diese Welt ist ohne die Macht nicht realisierbar. Zur Welt des Idealismus gehört das Schwert. Die jüdische Aktivität darf dieses unentratbare Mittel der Politik nicht verwenden. Daß dadurch kein Pariamenschentum entsteht, hat der Jude durch seine ganze Geschichte — bis zum jüngsten Beispiel als moderner Frontsoldat — bewiesen, und beweist wieder der Heroismus, mit dem das Judentum in Palästina dem arabischen Terror begegnet. Aber die persönliche Gestalt des Juden und die Konstitution der jüdischen Gemeinschaft weisen auf die priesterliche, nicht auf die politische Existenz. 305