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Der Morgen · 1936-10-01 · Heft 7 (Oktober 1936) · p. 302

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 7 (Oktober 1936)
Article
Nichtpolitisches Judentum - unpolitisches Judentum - politisiertes Judentum
Date
1936-10-01
Page
302 (sequence 2)
Language
German
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Ignaz Maybaum hinter ihnen das jüdische Volk, das keine Macht hat, das auf Grund seines Glaubens keinen Wunsch nach Macht hat und auf Grund seiner zweijahrtausendalten Entwicklung vor den harten Notwendigkeiten der Machtverwaltung zurückschreckt: bevor noch eine politische Ethik dem Juden ein Problem wird, reagiert seine seelische Verfassung schon nach einer feststehenden Konstitution. Durch seine priesterliche Existenz ist der Jude eine nichtpolitische Figur. Vielleicht wird man sagen: die nichtpolitische Existenz sei ein Faktum, das bisher das Judentum charakterisiert hat, diese Situation aber habe sich geändert. Die neue jüdische Generation sei von politischen Ideen gefangen genommen und gruppiere sich dementsprechend in politischer Form. Darauf ist zu antworten: Wenn die Umformung der jüdischen Gemeinschaft zu einer politischen Gruppe eingetreten wäre, so wäre von einer Preisgabe des Judentums zu reden. Aber diese Umformung hat noch nicht ein solches Ausmaß erreichen können, wie es vielleicht den Anschein hat. Es tritt ja immer nur der redende Funktionär in Erscheinung, das jüdische Volk aber .bleibt stumm. Dieses jüdische Volk hat sich noch nicht geändert. Es ist geblieben, was es war: das den jüdischen Gedanken des AUgemeinpriestertums in Fleisch und Blut tragende Volk, das mit dieser Idee vor einer Umformung zur politischen Gruppe bewahrt ist. Allerdings ist das jüdische Volk augenblicklich durch die Vorherrschaft des jüdischen Ideologen in Gefahr, politisiert zu werden. Mit der Leidenschaft mittelalterlicher Bußprediger erhebt der jüdische Ideologe als Zeitungsschreiber und als Versammlungsredner die Forderung: „wir müssen jüdischer werden/' Aber dieses „wir müssen jüdischer werden" bedeutet im Munde des jüdischen Ideologen in Wahrheit: wir müssen in anderem als dem bisherigen Sinne jüdisch werden, wir müssen eine politische Gemeinschaft werden. Wenn Herzl und Weizmann — um diese vorbildlichen Männer zu nennen, an denen sich jüdische Planung, die sich nicht als Politik versteht, ausrichten wird — im Namen des jüdischen Volkes sprechen, so sprechen sie im Namen eines Volkes, dessen reale Situation eine Zusammenballung zum Machteinsatz nicht ermöglicht, und dessen Glaubenslehre eine Umformung des jüdischen Volkes zu einem politischen Volkstum verbietet. Das Wort: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern" konstituiert die jüdische Gemeinschaft, mag es auch den Vertretern des politisierten Judentums eine Phrase bedeuten. Das Argument, das Herzl und Weizmann vorbringen können, weist auf die Gerechtigkeit. Es ist ein jüdisches Argument, aber — wenigstens zunächst — kein politisches Argument. Macht geht vor Recht. Sie installiert das Recht. Die Politiker der Weltvölker 302

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