Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Das Gesicht des religiösen Liberalismus in Palästina
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 162 (sequence 6)
- Language
- German
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Max Dienemann dischkeit" zetert. In diesem Ausgleich von Leben und Lehre verbindet sich echter Liberalismus mit echtem Konservatismus. Alle diese Dinge wachsen nicht von selbst, sie müssen erarbeitet werden, zu ihnen muß erzogen werden. Damit rückt die Frage der religiösen Erziehung, der religiösen Unterweisung in den Mittelpunkt. Der Einbau einer religiösen Unterweisung in die Schule ist eine der Aufgaben, die nur der Liberalismus lösen kann. Es gibt in den Schulen der Agudas Israel und des Misrachi die alte Form der Unterweisung. Man muß wissen, daß man durch sie zu einer orthodoxen Auffassung des Judentums erzogen wird. Wer für sein Kind diesen Willen nicht hat, steht vor einem Nichts. In den Schulen der Histadrut, der Arbeiterorganisation, und in den Volks-, mittleren und höheren Schulen, die nicht von einer orthodoxen Organisation getragen sind, gibt es bislang keine religiöse Unterweisung. Aller Unterricht in T'nach und Midrasch, in Bibel und Talmud ist ein betont nicht-religiöser Geschichtsunterricht, Archäologie des Landes. Die Bibel und das Schrifttum sind wichtiges Erzeugnis des Volksgeistes, sind jedoch nicht das Buch, aus dem die Anleitung zur religiösen Erfassung der Lebens- und Arbeitsprobleme fließt Hier setzt erneut die Aufgabe des Liberalismus ein, eine undogmatische, nicht gebundene Erziehung zum Religiösen zu begründen. Und es ist nicht nur eine Aufgabe für Schulen, es ist zugleich eine Aufgabe für Erwachsene, die gesamte Erwachsenenbildung ist von diesem Gesichtspunkt aus zu ergänzen. Das moderne Lehrhaus ist die liberale Aufgabe. Freilich, um Erziehungs- und Bildungsaufgaben in Angriff zu nehmen, müßte man vorher über eine Frage Klarheit haben: was ist das Ziel der Bildung? Man hatte im alten Europa ein bestimmtes Bildungsziel: das humanistische. Es ist vielfach abgewandelt, in seiner Richtung verändert worden, aber in allen Wandlungen blieb es seiner Grundlage verwandt, von der aus es in den klassischen Zeiten der Renaissance, des Humanismus aufgebaut war. Die Antike, wie die Renaissance sie sah, das Christentum, der nationale Gedanke, sie alle vereinten sich zu einem bestimmten Bildungsziel. Welches ist das jüdische in Palästina? Es ist noch nicht da. Es zu erarbeiten, das ist die Aufgabe. Es gilt, den neuen jüdischen Humanismus zu finden. Das liberale Judentum wird in der Erarbeitung dieses neuen Humanismus sein Leben und sein inneres Recht zu erweisen haben. Hier vor allem kann und muß er Neues gestalten, ohne Beschwernis durch die Auseinandersetzung mit einer von Grund auf andersgerichteten Umwelt, die durch das Gewicht ihrer Staatlichkeit und die Lockung ihrer besonderen Kultur den jüdischen Willen mitbestimmt. Das liberale Judentum in Europa hatte seine besondere Auseinandersetzung mit dem nationaljüdischen Gedanken. Es hatte sie 162