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Der Morgen · 1936-07-01 · Heft 4 (Juli 1936) · p. 161

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 4 (Juli 1936)
Article
Das Gesicht des religiösen Liberalismus in Palästina
Date
1936-07-01
Page
161 (sequence 5)
Language
German
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Das Gesicht des religiösen Liberalismus in Palästina mat mehr finden. Es gibt in den drei großen Städten Jerusalem, Haifa, Tel Aviv Ansätze zu einem diesen Menschen zusagenden Gottesdienst; daß er konservativ dem alten Gebetbuch folgt, ist auch vom liberalen Standpunkt kein Schade, abgesehen von Stellen, wo dem Text das Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit entgegensteht; denn gegenüber der Orthodoxie haben sich in glücklicher Weise die europäischen Grenzen von liberal und konservativ verwischt. Aber auf dem Lande, in den mittelständischen Siedlungen, in denen Bürger alten Schlages siedeln, sind alle diese Menschen, die religiöse Bedürfnisse haben und gezwungen sind, an einem Gottesdienst teilzuhaben, gegen den ihr Gefühl sich sträubt, geradezu verzweifelt. Hier setzt nun die Vielfalt der Aufgaben des religiösen Liberalismus ein. Er hat die Pflicht, diesen zuletzt geschilderten Menschen einen Weg zur Erfüllung ihrer religiösen Bedürfnisse zu eröffnen. Er hat gegenüber dem zu zweit geschilderten Kreis die Pflicht, das religiöse Problem im ganzen zur Diskussion zu stellen, die religiöse Erörterung in Fluß zu bringen. Er hat dafür zu sorgen, daß nicht in dem Lande, von dem einst die Lehre und das Wort Gottes ausging, das Wort Gottes, weil man es zu starr verkündet, verworfen wird. Denn die Gefahr ist übergroß, daß gegenüber der einen Auffassung, die eine einmalige Offenbarung und ein unabänderliches Gesetz kündet und dafür Gehorsam heischt, eine verweltlichte und säkularisierte Auffassung des Judentums Platz greift. Und er hat dafür zu sorgen — er muß wenigstens den Versuch machen, in den Kreisen der Arbeiterschaft Verständnis dafür zu gewinnen —, daß jüdische Form nichts mit politischer Reaktion zu tun hat: daß man Formen in ihrer historischen Gestalt aus dem unmittelbaren Leben der Arbeit mit einem neuen Inhalt erfüllen kann. In einem ganz besonderen Maße kann hier der Liberalismus die Aufgabe erfüllen, die ersieh in seiner klassischen Zeit zuschrieb, Leben und Lehre miteinander zu verbinden. Gerade weil das Leben mit Selbstverständlichkeit jüdisch, weil jede Lebensäußerung über den Verdacht der „Assimilation" erhaben ist, weil alle Möglichkeiten der beruflichen Tätigkeit jüdisch betont sind, verlangen sie nach der Verbindung mit der Lehre. Aus der Arbeit am Lande wächst das Leben in allen seinen Teilen hervor, niemals steht hier das Leben neben dem Judesein, und darum kann der Ausgleich von Leben und Lehre mit einer besonderen neuen Energie angepackt werden. Das aber ist eine liberale Aufgabe. Denn man kann sie nur lösen, wenn man den Begriff der Entwicklung als grundlegenden Begriff kennt und von ihm ausgeht, wenn man nicht glaubt, daß jede Lebensäußerung vor Jahrhunderten schon vorgeahnt und geregelt ist, und wenn man nicht in jedem Zusammenstoß eines neuen echten Lebensbedürfnisses mit einem kodifizierten Gesetz schon Sünde und Abfall erblickt und über Fehlen der „Jü- 161

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