Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Das Gesicht des religiösen Liberalismus in Palästina
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 163 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895557-2906203--08973-2906254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Max Dienemann: Das Gesicht des religiösen Liberalismus in Palästina in dem Augenblick, in dem der jüdische Nationalismus den Liberalismus mit einer individualistischen Lebenshaltung identifizierte und sich von seiner gemeinschaftlich-gebundenen Seelenhaltung her im Widerspruch zum Liberalismus empfand. Dieser Kampf hört hier auf. Er hört deshalb auf, weil der Nationalismus innerhalb der jüdischen Gesamthaltung nicht ein Gegenstand aggressiver Haltung mehr ist, sondern mit der Selbstverständlichkeit des jüdischen Lebens verschmilzt. Paradox gesagt: es gibt in Palästina nicht Nationaljuden, sondern nur noch Juden. Sie empfinden so, wie anderwärts Glieder einer Gemeinschaft national empfinden, ohne daß das besonderer Hervorhebung bedürfte. In dieser Verbindung des Liberalismus mit einem selbstverständlichen Gemeinschaftsgefühl, das man sonst national nennt, wird er von seiner Kampfstellung, die er außerhalb Palästinas hat, befreit und verliert damit zugleich einen Gegner, mit dem er sich zu gemeinsamer Arbeit verbindet. Die neue Existenz Israels wird zu einer Erscheinungsform des Göttlichen und kann in die Ideenwelt des Religiösen hineingenommen werden. Zugleich aber ersteht die Pflicht, gegen die Vergottung oder Vergötzung des Landes und des nationalen Seins an sich zu kämpfen und dem Religiösen den Primat zu sichern. Wiederum verbinden sich hier Liberalismus und Konservatismus zu einer gemeinsamen Aufgabe. Der klassische Liberalismus stellte gegenüber der Überbetonung der Form die Idee der Gerechtigkeit, der sittlichen Lebensführung, den sozialen Gedanken in denVordergrund. An dieser Zielsetzung hat sich nicht nur nichts geändert, sie ist noch verstärkt und vertieft. Gerade wenn man ein Land mit aufzubauen die Pflicht und das Glück hat, will und soll man der Welt zeigen, wie man die soziale Gerechtigkeit verwirklicht. Wenn man nicht mehr eine Minderheitsgruppe innerhalb irgendeines Landes ist, in sich abgeschlossen, in der sozialen Arbeit an der Gesamtheit des Landes an dessen Zielsetzungen gebunden, sondern wenn man eine Gesamtheit ist, die das Land repräsentiert, dann hat man die Möglichkeit, soziale Gerechtigkeit in allen Teilen des mannigfachen Lebens zu verwirklichen. Ist das nur eine liberale Aufgabe? Es ist eine liberale insofern, als dazu wiederum die Erkenntnis gehört, daß nicht alle Probleme längst gelöst und die Lebensordnung festgelegt ist. Es ist aber darüber hinaus eine Gesamtaufgabe, bei der der Liberalismus mit allen anderen jüdischen Richtungen zur gemeinsamen Arbeit sich verbinden wird. Und es ist schließlich eine Aufgabe, bei der der jüdische Anteil an der Gestaltung des Landes mit dem der anderen Nationalität zusammentreten muß. 163