Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Das Gesicht des religiösen Liberalismus in Palästina
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 160 (sequence 4)
- Language
- German
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Max Dienemann nicht als Problem, es ist alles längst vorweggenommen und erledigt, nicht nur in der grundlegenden Idee, sondern bis in die letzte Einzelheit. Diesem Kreis steht ein anderer gegenüber, der dem religiösen Problem ganz fern steht. Das ist kein geschlossener Kreis, mancherlei Ideologien bestimmen die Menschen dieser Haltung. Da sind zunächst die Arbeiter. Die erste Arbeiterorganisation war gebildet von Menschen russischer Herkunft. Sie stand unter dem Einfluß des sozialistischen Denkens jener Zeit, das Religion mit Kirche gleichsetzte und in der Kirche eine Institution der Reaktion sah. Diese Einstellung gegenüber der dem Staate verbundenen Kirche wurde auf die Synagoge übertragen, man sah in allem, was mit Religion zusammenhängt, eine bourgeoise Angelegenheit, die einen nichts anging. So erwuchs in diesen Kreisen eine bewußt antireligiöse Haltung. Sie setzt sich in der jungen 'Generation insofern fort, als die jungen Menschen keinerlei Form akzeptieren und handhaben wollen, mit der sie nicht aus dem Innersten ihrer Seele übereinstimmen. Sie erblicken in der Annahme einer Form, die nicht völlig von ihnen bejaht wird, mag sie noch so viel geschichtlichen Inhalt haben und mit geschichtlichen Erinnerungen geladen sein, einen Verstoß gegen die Wahrhaftigkeit, gegen die seelische Sauberkeit. Gewiß, es macht sich in der Jugend, und teilweise auch in den Älteren, ein neues metaphysisches Sehnen bemerkbar, es ist ein Wille da; aber noch wird alles Tasten und Suchen, das man konstatieren und anerkennen muß, von jenem unbedingten Willen zur Wahrhaftigkeit gegenüber der Form entscheidend beeinflußt. Man hat den Weg noch nicht gefunden, eine Form zu übernehmen und ihr aus dem Eigenen einen neuen Inhalt zu geben. Neben jenen Arbeiterkreisen stehen die Kreise der akademischen Intelligenz, die ganz unverhüllt ihr Desinteressiertsein am Religiösen erklären, weil sie sich als Agnostiker bezeichnen. Es steckt in diesen Menschen eine, sicher falsche, Selbstsicherheit des Jüdischen. Sie fühlen sich durch die Tatsache, daß sie in einem Lande und inmitten von Menschen, bei denen alles auf den Aufbau einer neuen jüdischen Existenz gerichtet ist, leben, so sicher ihres Judeseins und der jüdischen Zukunft, daß ihnen die Frage des Jüdisch-Religiösen zu etwas Gleichgültigem herabsinkt. Hier tritt ganz deutlich die Gefahr der Säkularisierung des Judentums zutage. Und zwischen diesen beiden Gruppen steht die breite Schicht derer, die keineswegs areligiös, aber von der Starrheit der Orthodoxie und noch viel stärker von der Form des Gottesdienstes abgestoßen sind, die von der früheren Heimat her, ob liberal, ob konservativ, an ein in geordneter Form sich darbietendes Gemeindegebet gewöhnt waren und nun hier keine religiöse Hei- 160