Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Das Gesicht des religiösen Liberalismus in Palästina
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 159 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Gesicht des religiösen Liberalismus in Palästina Ausdehnungen des alten Sabbatgesetzes kämpfen und dem Schabbat dadurch neue Möglichkeiten für die Seele des Ruhenden erobern. Weil der Schabbat eine Wirklichkeit ist und der Grundkonflikt Europa-Amerikas — hie Sabbatruhe, hie Arbeitsanspruch — nicht gegeben ist, kann man den Begriff der Arbeit anders fassen, als ihn dieKodices faßten, kann man den Schabbat mit dem Leben in Einklang bringen. Was in der klassischen Zeit die Grundfrage war, die Sprache des Gebetes, das fällt hier weg: Gebetssprache ist Landessprache. Und die Aufgabe ist jetzt nicht mehr, eine grundsätzliche Änderung herbeizuführen, sondern nur die, eine ästhetische Form des Gemeindegebetes da einzuführen, wo bislang Regellosigkeit und mangelnde Schönheit war, und dazu die, dem Text des Gebetes in dem, was man erbittet, die Wahrhaftigkeit zu sichern und ihm die Wendung in die neuen Gedanken und Hoffnungen zu geben, die mit dem Neuaufbau sich ergeben und zum Mittelpunkt des Erlebens, der Sorgen und Wünsche werden. Aber indem vom Gottesdienst und von der Formenwelt des religiösen Lebens gesprochen wird, erhebt sich sofort die Frage: ist denn ein Wille zu einem religiös motivierten Leben, ist ein Wille zur religiösen Form überhaupt vorhanden? Hier liegt die eigentliche Aufgabe eines religiösen Liberalismus: das religiöse Problem im ganzen in Angriff zu nehmen, die Erörterung des religiösen Problems in Fluß zu bringen. Die schroffsten Gegensätze stehen sich hier gegenüber. Der alte Jischuw kennt in seinem aschkenasischen Teil nur das Judentum in seiner mittelalterlichen Ausprägung. Nach der Geschichte seiner Entstehung — er ist kaum älter als 200 Jahre — vereinigt er das galizische oder ungarische „Städtel", das Ghetto dieser Landschaft und dieser Tradition. Dem orientalischen Judentum in seiner sefardischen Gestalt war von je eine Starrheit der Form und des Denkens zu eigen. In diesem alten Jischuw ist neben den selbstverständlichen, traditionellen Tugenden der Lebensführung eine Lebensform vorherrschend, bei der alles Schwergewicht auf der minutiösen Erfüllung des Brauches liegt, und die Verbindung mit der Ethik läßt da, wo nicht ein bestimmtes Gebot vorliegt, viel zu wünschen übrig. Zu den Kreisen des alten Jischuw und seiner Haltung gesellt sich in neuester Zeit der Kreis der deutsch-ungarischen Separatorthodoxie, die ihre europäische Gestalt so ganz und gar in die palästinensische Gegenwart verpflanzt, daß man sogar den Anschlägen und gedruckten Handzetteln begegnet, die zum Austritt aus der Gemeinde auffordern, weil man dort mit Gottesleugnern und Sundern in einem Verband sei. In all diesen Zirkeln gibt es natürlich die ständige religiöse Diskussion, aber es gibt sie nur in der Form des alten Lernens. Die Fragen des Heute erscheinen in den alten Schriften und Gesetzessammlungen als längst und in ewiger Gültigkeit gelöst; die Gegenwart mit ihren neuen Problemen und Anforderungen ersteht 169