Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Hollekreisch
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 127 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Grunwald: Hollekreisch ist, nämlich kleine Kinder zu rauben und statt ihrer Wechselbälge zu unterschieben. Als nun mit der Einführung des Christentums die heidnischen Götter im Volksglauben zu bösen Geistern und die „Holden" mit Dämonen gleichbedeutend wurden, wurde Frau Holle — ob mit der Göttin Freya identisch oder nicht — eine ähnliche Rolle wieWuotan zugeschrieben. Wie der wilde Jäger an der Spitze des „wütigen (Wuotans-) Heeres", so zieht sie mit den Seelen der ungetauften Kinder umher, deren Schar sie durch Kinderraub zu vermehren trachtet. Nach dem Glauben der Christen schützte man die Kleinen gegen sie durch die Taufe, auf die dann noch ein „Hollekreisch" gefolgt zu sein scheint, das aber nicht mehr nachzuweisen ist. Nur bei den Juden jener drei Gegenden wird noch heute im Anschluß an die öffentliche Namengebung mit der häuslichen Feier das „Hollekreisch" verbunden. Wenigstens ist die Übernahme des Hollekreisch, dieses Zusatzes zu einer alten jüdischen Sitte, aus deutschen Kreisen wahrscheinlich. Die Bezeichnung „Hollekreisch" ist gewiß diesen Ursprungs. Auf eine Beziehung der Frau Holle zur wilden Jagd weist nicht nur das „Holla"-Rufen des wilden Jägers hin, sondern auch die bayrische Sage, nach der er seine Geliebte Lilli, offenbar auch eine Unholdin, vor sich im Sattel sitzen hat, und man sich durch den Zuruf „Lilli" vor ihm schützen kann. Klingt schon dieses Wort an den Namen „Lilith" an, der als Fremdkörper durch diese Volksetymologie „Lilli" amalgamiert wurde, so erinnert man sich auch, daß nach der deutschen Sage die „Hollenleute", wie nach der Agada die „Schedim" (Dämonen), unechte Kinder Adams sind, die er verheimlichen wollte, weshalb sie für die Menschen meist unsichtbar bleiben. Ihre Mutter war nach dem Midrasch Adams erste Frau Lilith. In deutschen Volksbüchern ist „Lillis" des Teufels Mutter. Diese Gestalt ist somit aus dem jüdischen Volksglauben in den deutschen eingedrungen. Daß sie aber als Lilli, wie wir sahen, die Rolle der Frau Holle übernommen hat und, obwohl vermutlich gleichfalls ursprünglich Kinder b r i n g e r i n, als kinder feindlicher Dämon gefürchtet und als solcher noch heute in manchen Gegenden auf den sogenannten „Kindbettzetteln" beschworen wird, ist keineswegs aus ihrem Namen zu erklären, der sich in der Bibel nur einmal, und zwar Jesaja 34, 14 findet. Hingegen leiten es die Agada und eine Legende der palästinensischen Araber aus ihrem Verhältnis zu Adam her. Hiernach verstieß Gott sie, als sie Adam den Gehorsam verweigerte. Sie scheidet voll Haß gegen Adam und sein Geschlecht, ja tötet sogar, wie Medea, ihre eigenen Kinder. In diesem Haß gegen alle Adamskinder bedroht sie die Wöchnerin und ihr Kind. Doch treten ihr in Amuletten drei Engel entgegen: Snwj, Snsnwj, Smnglf. In Snsnwj hat man den Kirchenheiligen Sisin- 127