Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Jüdisches Theater in Deutschland
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 115 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Theater in Deutschland scheidend bleibt: der systematische dramaturgische Aufbau. Eine Dramaturgie, buchstäblich eine geistige Werkstatt, ist erforderlich genau an der Stelle, wo jetzt die Lektoren tätig sind, um die überholten Spielpläne des ebenso überholten alten Gesellschaftstheaters zum hundertsten Mal zu sichten. Eine Tätigkeit, die mit einer lebendigen Initiative, der anregenden, formenden Funktion des wahren Dramaturgen nicht das mindeste zu tun hat und — im Hinblick auf die wichtige, interessante, lohnende, ja einmalige Aufgabe! — zur Unfruchtbarkeit verdammt ist. Es scheint, als sollte der richtige, auch der zeitgemäße Weg — wie schon oft am Theater — nicht innerhalb des „Betriebs", sondern von Sezessionisten gefunden werden! Auch die richtungweisenden, wahrhaft und im höchsten geistigen Sinn bahnbrechenden Dramaturgien des „Jungen Deutschland", der „Freien Bühne", später der „Jungen Bühne" und des zweiten „Jungen Deutschland" (Reinhardt) sind abseits vom theatralischen Juste-milieu erdacht und dann installiert worden. Allerdings ist es höchst fraglich, ob die heutige Situation, mit welcher ein judisches Theater unentrinnbar verbunden ist, solche Umwege gestattet. Jedenfalls sind jene jüdischen Köpfe, auf die seither das Kulturbund-Theater gewollt oder unbewußt verzichtete, außerhalb des Kulturbund- Rahmens lebendig geworden. Aus der Fülle der mannigfaltigen Talente, die gerade im deutschen Bezirk noch nach 1933 zur Stelle waren, hat sich neuerdings — es ist schon an anderer Stelle darauf hingewiesen worden — eine Arbeitsgemeinschaft herausgeschält, ein Studio, das vorerst in ausschließlich vorbereitender dramaturgischer Aufbau-Arbeit einige spezifische Stücke für ein spezifisches Theater gestaltet. Wo dieses Theater starten wird, ob in Wien oder in Prag, in London oder New York, oder in Berlin — das wird mit davon abhängen, ob man in Deutschland im Bereich der jüdischen Kulturarbeit zum Spezifikum einer jüdischen Schaubühne finden will, oder ob man sich mit den seitherigen Experimenten zufriedengibt. Schließlich ist ja das jüdische Theater-Problem überall dort akut, wo jüdische Sezessionen freiwillig oder unfreiwillig erfolgen oder sich ankündigen! Jedenfalls darf man nicht glauben, daß die jüdischen Theatermenschen, wie es fast scheinen möchte, seit 1933 spurlos verschwunden sind. Sie werden, hier oder anderwärts, ihre Schau- Das Mcdheft enihieli u. a.: Sorgen um Palästina | Seelsorge — heule von Manfred Swarsensky, Max Eschelbacher und Ulrich Sieuer / Ludwig Landau, Gustav Mahler / Mala Laaser, Der lüde im Spiegel (Novelle) / Freud und die Psychoanalyse von Felix Mayer und Hermann Kameneizky. Im Juliheft schreiben u. a.: Hans Keilson, Disziplin / Max Dienemann, Das Gesicht des religiösen Liberalismus in Palästina / Zwei Heine-Artikel von Martin Friedland und Erich Loewenthal. 115