Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Jüdisches Theater in Deutschland
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 114 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Theater in Deutschland eine großartige dramaturgische Verpflichtung ist, kann andererseits kaum mehr sein als ein überflüssiger Nonsens. Ebenso unproduktiv mußte der Versuch bleiben, das alte deutsche Gesellschaftstheater auf der Kulturbundbühne nachzuahmen. Ibsen, Shaw, Pirandello würden sich allenfalls, im Rahmen eines spezififischen Spielplans, als Ausnahmen legitimieren kraft einer beispielhaften Gestaltung; eine Möglichkeit, die jedoch nicht gegeben ist. Man spielte auch bisweilen auf dem Kulturbund-Theater Schnitzler, Molnar, Beer-Hofmann, Dymow: also jüdische Autoren zwar, aber ebenfalls Repräsentanten — nicht eines jüdischen, sondern — des westeuropäischen Theaters! „Liebelei", „Spiel im Schloß", „Nju" sind gewiß keine jüdischen Stücke, wenn auch ihre Autoren Schnitzler, Molnar, Dymow heißen. Andererseits ist Wedekinds „Simson" nicht deshalb ein jüdisches Stück etwa, weil hier ein jüdischer Stoff dramatisiert ist. Überhaupt läßt sich von der europäischen Bibel-Dramatik, wie übrigens auch von der musikalischen Verarbeitung biblischer Stoffe prinzipiell sagen, daß der Bibel Gestalten und Geschehnisse nur deshalb entnommen sind, um als Vorwand für die Gestaltung allgemein-gültiger, meist europäischer — und niemals spezifisch-jüdischer — Probleme zu dienen. Händeis „Saul" ist ein deutsches Oratorium (kein jüdisches). „Samson und Dalila" ist eine französische, keine jüdische Oper (obwohl sie von einem französischen Juden geschrieben wurde). Immerhin gibt's, abseits des prinzipiell Gültigen, Opportunitäts- und Geschmacksfragen. Es ist nicht einzusehen, weshalb auf dem Kulturbund-Theater Shakespeare, wenn er schon gespielt wird, in Hans Rothes Übertragung erscheint und nicht in der Gundolfs, die ihrerseits doch nur auf der Kulturbundbühne und auf keinem deutschen Theater jetzt möglich ist. Wenn Ibsen, Pirandello, Molnar (in durchweg bekannten, potentiell früher oft aufgeführten Stücken) — warum nicht Else Lasker-Schüler, eine Dichterin, die uns auch als Jüdin ungleich nähersteht? Zwar kann man in der Publizistik des Kulturbunds manchmal einen Hymnus auf sie lesen, und auch ihre „wirklichkeitsnahen" Dramen werden dann gerühmt. Weshalb jedoch spielt man sie nicht? Oder Ludwig Fulda, dessen Produktion weitaus ergiebiger wäre als Molnars Serienstücke oder als just jener Pirandello, der von Reinhardt schon meisterhaft, unvergleichlich inszeniert wurde? Wenn „Antigone" — weshalb dann nicht die „Bacchantinnen" des Euripides, die von dem heutigen (jüdischen) Dramaturgen Berthold Viertel zu einer gewaltigen, erregenden Tragödie umgeformt wurden (mit der genialen Musik des Juden Ernst Toch)? In diesen und massenhaft sich darbietenden anderen, ähnlichen Fällen wäre auch Gelegenheit, sich gleichzeitig produktiv und sozial zu betätigen! Das sind jedoch Erwägungen am Rand des Grundsätzlichen. Ent- 114